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Zeichen der Zeit

Chatbots mit Geschlecht

In unserer neuen Serie “Zeichen der Zeit” lassen wir Objekte erzählen. Was sagen sie über die Befindlichkeit unserer Gesellschaft aus? Wie verändern sie unser Verhalten und stehen sie für eine neue Art von Kultur? Heute fragt sich die Semiotikerin Max Leefe, warum die Chatbots, die durch Geräte wie Amazon Echo oder das iPhone mit uns sprechen, eigentlich fast immer weiblich sind.

Chatbots lassen sich seit einiger Zeit kaum noch ignorieren. Sie sind Teil unseres Alltags. Nicht nur, weil es immer mehr werden (die britische Tageszeitung The Guardian spricht allein von 34.000 im Facebook Messenger). Sondern auch, weil sie eine immer stärkere eigene Identität bekommen. Sie sind in unseren Autos, sprechen über unsere Telefone zu uns, antworten freudig und nicht ohne Humor auf existentielle Fragen:

„Siri, wer bist du?“

„Wer ich bin, ist unwichtig.“

Trotz Siris Antwort ist es durchaus wichtig, wer Chatbots sind, denn diese Bots haben Namen und durch ihre Namen bekommen sie eine kulturelle Existenz. Und – die große Mehrheit dieser Namen scheint weiblich zu sein.

Doch warum ist der Name eines Roboters so wichtig? Chatbots sind körperlos. Es ist fraglich, ob sie überhaupt in irgendeiner Form „existieren“. Aber vergleichen wir mal die sanfte, weiche Stimme, die Amazon dem Chatbot Alexa in seinem Echo Lautsprecher gegeben hat mit HAL 9000, dem Roboter, der im Film 2001 – Odyssee im Weltraum das Raumschiff übernimmt. Da haben wir auf der einen Seite die junge, angenehme und hilfsbereite Frau, deren Job es ist zu dienen und auf der anderen einen älteren Mann, mit zwar nervtötendem Plauderton, der aber eindeutig das Kommando hat. Frau, Mann, Assistentin, Boss. Was sehen wir hier? Eine Reproduktion der entgegengesetzten kulturellen Rollen, die viele von uns im echten Leben versuchen zu überwinden.

Es gibt keinen Grund, künstlicher Intelligenz ein Geschlecht zuzuweisen. Dafür existieren genug Beispiele von geschlechtslosen Robotern, wie Sonys Hund Aibo. Doch in der Welt der Softwareentwickler scheint zu gelten: Wenn ein Chatbot unbedrohlich und hilfsbereit erscheinen soll, dann verpasst man ihm als Standardeinstellung einen Frauennamen und eine weibliche Stimme. Eine Entwicklerin, die versuchte, dieses Prinzip zu umgehen, musste ihre Kollegen immer wieder korrigieren, wenn sie ihren Chatbot Kai mit „sie“ statt „es“ bezeichneten.

Diese extreme Vermenschlichung führt auch dazu, dass Bots im Internet auf ähnliche Art beleidigt und missbraucht werden wie junge Frauen. Letztes Jahr wurde Microsofts Chatbot Tay nur wenige Stunden nach ihrem Launch wieder aus dem Verkehr gezogen, nachdem User ihr beigebracht hatten, mit rassistischen und hetzerischen politischen Statements zu antworten.

Das Bedürfnis Objekte zu personifizieren ist nicht neu, aber es wäre traurig, wenn wir der männlich dominierten Tech-Szene erlauben, Geschlechtervorstellungen zu reproduzieren, mit denen viele von uns nicht einverstanden sind. Wir sollten die Chance nutzen und online tatsächlich eine Schöne Neue Welt erschaffen. Vielleicht können wir Menschen die Geschlechterteilung nicht überwinden, aber Chatbots können es ganz sicher. Wenn wir ihnen gute Eltern sein wollen, sollten wir damit anfangen, dass wir ihnen die richtigen Namen geben.

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