© Photo Mc Donald's

Die Erfindung der Corporate Currywurst

Deutschland diskutiert über Essen. Im Mittelpunkt der Debatte stehen mehrere Lebensmittelskandale – vom Pferdefleisch in Tiefkühlprodukten bis hin zu gefährlichen Schimmelpilzen im Tierfutter. Ein Skandal, der im besten Fall den Verstand des Verbrauchers für sein Essen schärft. Das Herz berührt aber ein anderes Lebensmittel.

Es geht um eine regionale Snackgröße. Dabei handelt es sich nicht um ein Franzbrötchen, das es bis vor einigen Jahren nur im Raum Hamburg gab und heute in jeder Kamps-Filiale zu finden ist. Es sind auch keine Nürnberger Rostbratwürstchen, die seit 2010 auf einem Burger zu finden sind. Es geht vielmehr um die Currywurst. Wie bei beim „Nürnburger“ steckt der Fast-Food-Gigant McDonald’s hinter dem „McCurry“, der für sechs Wochen in den McDonalds-Filialen getestet wird. Als Testimonial dient Comedian Mario Barth.

Ein Aufschrei ging durch alle Buden, als die ersten Würste Anfang Februar 2013 in Dortmund über den Tresen gingen. Der Schock war so groß, dass selbst eine Bochumer Agentur die Aktion „Save the Currywurst“ ins Leben gerufen hat, um ihre Solidarität mit den Budenbesitzern zum Ausdruck zu bringen. Man könnte also behaupten, die Currywurst ist den Deutschen – insbesondere den Jüngern in den Currywursthochburgen Berlin, im Ruhrgebiet, im Rheinland sowie in Hamburg – heilig. Ein Grund für den besonderen Stellenwert der Currywurst in der deutschen Fast-Food-Landschaft lieferten bereits der Streit um die ‚Erfindung der Currywurst‘ und die nie allgemein zu beantwortende Frage, welche Currywurst nun die Beste ist.

In Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ stolpert die Protagonistin und Hamburgerin Lena Brücker auf einer Treppe, wodurch Ketchup und Curry in einem Karton aufeinandertreffen. Sie bereitet diesen Matsch letztendlich zu und kreiert keine Soße, sondern Poesie: „Sie probierte von diesem warmen rötlichbraunen Matsch und schmeckte, das schmeckte, ja, wie schmeckte es? Es war ein Kribbeln auf der Zunge, der Gaumen schien sich zu weiten, genau, das war es, was so schwer beschreibbar ist, mit bitter oder süß und schon gar nicht mit scharf, nein, der Gaumen wölbte sich, machte sich und die Zunge spürbar, ein Erstaunen, etwas, das sich auf sich selbst, auf das Schmecken richtete. Ali Baba und die vierzig Räuber, Rose von Stambul, das Paradies.“ Im realen Nachkriegsdeutschland wird die Currywurst der Berlinerin Herta Heuwer zugeschrieben. So ist die Currywurst ein originär deutsches Fast-Food-Produkt, das Nähe und Ferne vereint und geschichtlich mit der jungen Bundesrepublik verbunden ist.

Die andere Frage betrifft die lokale Identität und ist nach über 60 Jahren Currywurstgeschichte immer noch nicht geklärt: Wer hat die Beste? Denn die Antwort darauf ist so vielfältig wie die unterschiedlichen Zubereitungen und die Namen der Currywurstbuden in Deutschland. In Berlin geht man zu „Curry 36“. In Bochum schwört man auf das „Bratwursthaus“ am Engelbertbrunnen, in Herne auf das „Grillhaus“. Und in Hamburg wird im „Imbiss bei Schorsch“ die Wurst durch eine urige Dame serviert.

Die Lieblingscurrywurst geht mit der Stammbude eine unzertrennliche Einheit ein. Das gilt zum einen für die jeweils spezifische Zubereitung von Wurst und Soße, und zum anderen aufgrund des Stellenwertes der Pommesbude. Der Grill ist ein sozialer Ort, er ist Dreh- und Angelpunkt für Kindheitserinnerungen oder für ein ganzes Leben. Man verschenkte seine letzte Mark für Süßigkeiten, später dann für den ersten Kaffee, das erste Bier, die erste Schachtel Zigaretten und natürlich für die erste Currywurst, stets begleitet von der immer gleichen Bedienung und den immer gleichen Typen, die zu viel Zeit an der Theke verbracht haben.

Hat McDonald’s somit überhaupt eine Chance? Aus Sicht des Konsumenten bietet die ‚corporate‘ Currywurst bei einem McDonald’s-Besuch durchaus Abwechslung. Ebenso kann es McDonald’s gelingen, durch kultige Wurst-Specials interessant zu bleiben und die Popularität von deutschem Fast-Food geschickt für das Marketing zu nutzen. Denn hierzulande hängt das Herz nicht am Burger. Doch Currywurst-Connaisseure werden auch weiterhin ihre ‚Bude an der Ecke‘ bevorzugen. Denn obwohl McDonald’s in dem Werbespot sprachlich noch mit Regionalität wirbt, fehlt es dem McCurry letztendlich an Liebe und Detail, wie Johannes Mettler für W&V-Online feststellt.

Das Tolle an Fast-Food-Ketten ist das Versprechen der Gleichheit. Das gilt für das Essen, für den Standort und den Look des Schnellrestaurants. Sogar die Erinnerungen und Erfahrungen der Konsumenten können einen kollektiven Charakter haben, da diese durch Nachrichten über das Unternehmen und Werbung beeinflusst sind. Das alles gilt nicht für die Currywurst. Hier zählt Differenz vor Ähnlichkeit – auf jeder Ebene.

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