© Krista Mangulsone

Changing Cultures

Die Renaissance des Schlafs

Wir verschlafen ein Drittel unseres Lebens. Lange Zeit haben wir den Schlaf als lästiges Übel angesehen, das uns davon abhält produktiv zu sein und etwas zu erleben. Biochemisch dagegen angekämpft, mit Powernapping unsere Wachzeit maximiert. Nun wird die Schönheit des Schlafens wiederentdeckt. Von Huffington Post-Gründerin Arianna Huffington, die eine „Sleep Revolution“ starten will. Von diversen Startups, die Schlafen als Ware und schlafhungrige Menschen als Markt identifiziert haben. Und von den chronisch Unausgeschlafenen, die sich von einer neuen Luxusmatratze, duftenden Schlafmasken oder stylischen Pyjamas mehr Zeit und Ruhe im Bett versprechen.

„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, meinte Rainer Werner Fassbinder – und wurde nur 37 Jahre alt. Zwar sollen 1 bis 3 Prozent der Bevölkerung zur sogenannten schlaflosen Elite gehören, die auch mit wenigen Stunden Schlaf gesund, gut gelaunt und leistungsfähig bleibt. Für den Rest aber gilt: minimal 7 Stunden pro Nacht sollten es durchschnittlich sein. Denn Schlaf regeneriert den Körper. Wunden heilen besser, Zellen wachsen schneller. Unser Gehirn speichert, filtert und verwirft  Informationen aus der Wachzeit. Schlechter Schlaf dagegen kann zu Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und Schlafstörungen führen.

Trotzdem stecken wir seit vielen Jahrzehnten in einer Schlafkrise, sagt K-Hole-Gründer Seth Monahan, der Begriffe wie Normcore geprägt und sich im Auftrag von Matratzenhersteller Casper mit dem Schlafen beschäftigt hat. In seinem Manifest Slowave erträumt sich Monahan eine neue Sichtweise auf den Schlaf. Weg von der Workaholic-Kultur des 20. Jahrhunderts, die im Schlaf nur den Sinn sah, am nächsten Tag performen zu können. „Die Schlaflosen sind die neuen Raucher: ausgezehrt, blass und schuld an unnötigen nationalen Gesundheitskosten“, stellt Monahan in Slowave fest.

Technische Aufrüstung im Schlafzimmer

Schlaf ist zur Ware geworden, die ihren eigenen Markt hat: eine Multimilliardenindustrie, schreibt der britische Telegraph. Auf der einen Seite versuchen wir, ihn zu überwinden. „Smart Drugs“ wie das Narkolepsiemedikament Modafinil, aka Provigil, gelten als Wundermittel für Konzentration und Ausdauer – über das Internet werden sie auch ohne Rezept gehandelt. „Sleep Hackers“ versuchen, dem Schlaf mit Technik beizukommen. Sie tracken ihren Schlafrhythmus mit smarten Matratzen, Schlafbrillen und Apps, versuchen mit mehrphasigen Schlafmustern die Wachzeit zu maximieren. Beim sogenannten Ubermann Sleep sollen angeblich zwei Stunden insgesamt reichen, als 20-minütige Powernaps über den Tag verteilt. Die Subkultur der „Active Dreamers“ experimentiert dagegen mit Klarträumen. Beim luziden Träumen, wie es auch genannt wird, ist sich der Schläfer bewusst, dass er träumt, kann seinen Traum mitunter kontrollieren und damit aufs eigene Unterbewusstsein zugreifen, fast wie in Christopher Nolans Science Fiction-Film Inception. Manche setzen dafür auf leichte Elektroschocks, andere auf Kräuter, pure Willenskraft, Traumtagebücher und Realitätschecks schon während der Wachzeit. Für 269 Dollar stimuliert die smarte Schlafmaske Neuroon luzide Träume, indem sie während der REM-Phase leichte Lichtblitze auslöst.

neuroon

„Let it make you a better you“: Neuroon hackt den Schlaf 24/7, mit smarter Maske und App-Stubsern. © Neuroon

Doch wie schlafförderlich ist so viel Technik am Bett eigentlich? Heißt es nicht immer, wir sollen alle Geräte aus dem Schlafzimmer verbannen? Die Gegenbewegung zum technophilen Sleephacking setzt auf Natürlichkeit und sieht im Schlaf den ultimativen Luxus.

Schlaf ist der neue Lifestyle-Trend

Rosig und erholt aussehen? Frisch ins nächste Meeting starten? In Schlafsalons wie dem New Yorker YeloSpa darf man sich für einen Dollar die Minute zum Nickerchen langmachen. Luxushotels wie das Corinthia London bieten ganze Schlafretreats mit schlaffördernden Menüs, die  den Blutzucker ausbalancieren, Muskeln und Geist entspannen und das Schlafhormon Melatonin aktivieren. Lichtdichte Vorhänge, Luxusmatratzen, schalldichte Wände und kuschelige Decken sollen den Gast endgültig in süßen Schlummer versetzen.

Doch auch im Alltag zieht es uns ins Bett. Arianna Huffington’s Bestseller The Sleep Revolution verkauft sich so gut, dass letzten Monat die Taschenbuchausgabe erschien. Darin propagiert die Huffington Post-Gründerin ein gesünderes und erfüllteres Leben dank des „Geheimnisses und der transformativen Kraft des Schlafes“. In ihrem neuen Wellness-Unternehmen Thrive Global verkauft sie neben Beratungen auch Einschlafhilfen wie Lavendelkissen, stressreduzierende Öle und Kristalle oder ein 100-Dollar-Smartphonebett – ja, fürs Telefon, das bitte draußen bleiben soll.

Ins Schlafzimmer rein dürfen dagegen edle Pyjamas, Nachthemden, Homewear, seidige Schlafbrillen und Bettwäsche, die so hübsch ist, dass man sofort ins Bett möchte. Also „Nie mehr schlaflos“ dank stylischem Schlafanzug, wie der Münchner Schlafausstatter Sunday in Bed verspricht? Dieses Sonntagsgefühl beschwören auch Desmond & Dempsey, die Luxuspyjamas vertreiben und in ihrem Magazin Sunday Paper schöne Menschen beim Dolce Far Niente zeigen.

desmond & dempsey
desmond & dempsey

© Desmond & Dempsey

Sunday in Bed
Sunday in Bed

© Sunday in Bed

Sunday in Bed

Das zweite Wohnzimmer

Überhaupt hat das Schlafzimmer den Sprung vom verschämten Intimraum mit Wäscheständer zum liebsten Aufenthalts- und Rückzugsraum geschafft. Auf luxuriösen Betten mit gepolstertem Kopfteil relaxt man auch tagsüber gerne, Nachttische mit guter Beleuchtung, Docking-Station und integrierten Steckdosen verlagern Lesen, Fernsehen und Musikhören gleich ins Bett. Gebogene Kopfteile wie bei Grand Luxe oder dem Modell Prado der deutschen Bettenwerkstatt Schramm schotten die Schläfer ab wie eine Kapsel. Matratzen von Casper oder Muun sind zum Lifestyle-Produkt geworden und springen tausendfach in Unboxing-Videos aus ihren Kisten.

In wie vielen Wohnungen das Bett wohl das teuerste Möbelstück ist, seit vor ein paar Jahren der Boxspring- Trend aus den USA und den besseren Hotels dieser Welt nach Deutschland schwappte? Wie die Prinzessin auf der Erbse liegt man darin auf mehreren Lagen: Unten die namengebende stoffbezogene Box mit Federkern als Untermatratze, darauf eine Obermatratze mit Taschenfederkernen, schließlich noch die dicke Variante des Matratzenschoners, der Topper. Ist es die bequeme Einstiegshöhe, der gute Urlaubsschlaf, mit dem wir das wuchtige Bett verbinden oder doch das Prinzessinnengefühl, was das Boxspringbett zum Bestseller macht?

Inter IKEA Systems B.V.

Das omnipräsente Boxspringbett, hier in der Economy-Klasse von IKEA. © Inter IKEA Systems B.V.

„Die Boxspringbetten-Mode ist eine Folge davon, dass wir heute selbst das Chillen und Erholen als bewusste, anspruchsvolle Tätigkeiten sehen“, glaubt der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich. „Wirklich entspannen kann nur, wer auch das beste Equipment dazu hat. Die klobigen Boxspringbetten demonstrieren den Ehrgeiz, etwas optimal und professionell zu tun, was früher einfach so stattfand.“

Die Schönheit des Schlafs

Wie schön das Schlafen ist – und macht – tragen wir auch auf die Straße: Out-of Bed-Style mit leicht zerzaustem Haar, verwischtem Augenmakeup und Boudoir-Outfits von Pyjama bis Negligee eignen sich nicht nur für den Sonntag im Bett, sondern durchaus für die Fashion Week, finden Designer wie Erin Fetherson, Rebecca Minskoff oder Zac Posen oder Fashion Bloggerin Deea, die bei den Berliner Schauen im Diesel Pyjama aufschlug.

© Les Factory Femmes

Reality-Check? Bloggerin Leea ganz undone auf der Berlin Fashion Week. © Les Factory Femmes

Das Bett ist zum Sehnsuchtsort der westlichen Welt geworden. „Selbst wenn man den Schlaf unterdrücken könnte, wer will schon eine Welt ohne Träume?“ fragt Seth Monahan in seinem Slowave-Manifest und feiert das kreative Potential des Schlafens, das Künstler und Schriftsteller schon lange nutzen.

Und all die chronisch Schlaflosen und Unausgeschlafenen? Ihnen hilft neben Apps, Matratzenhype und kuratierten Schlafkits vielleicht am besten immer noch der gesunde Menschenverstand und Omas Hausmittel: warme Milch und ein mäßig spannendes Buch.

Referenzen

Titelfoto: © Krista Mangulsone

Fotos: © Neuroon, Desmond & Dempsey, Sunday in Bed, Inter IKEA Systems B.V., Les Factory Femmes