© Brotliebling

Zeichen der Zeit

Landleben in der Tüte

Nichts ist so heimelig wie der Duft von frischgebackenem Brot – zumindest wird das immer wieder behauptet. Aber wer backt heute schon noch selbst? Das plötzliche Revival von Brotbackmischungen suggeriert, dass immer mehr Menschen in Europa und den USA genau das tun. Supermarktregale und Bioläden präsentieren immer neue Packungen mit Zutaten fürs selbstgemachte Brot: Viele mit Vollkorn, alten Getreidesorten oder sogenannten Superfoods wie Chia, manche glutenfrei. Doch abgesehen vom steigenden Interesse an gutem Brot und der Zunahme von Lebensmittelallergien: Was erzählt uns dieses Backrevival noch? Schauen wir uns an, was wir tatsächlich kaufen, wenn wir die Backmischung in den Einkaufswagen legen und wie uns dieses Versprechen verkauft wird.

Brotmischungen sind simpel: sämtliche Zutaten trocken in einer Packung, selbst die Hefe, die den ganzen Zauber startet, ist oft schon beigemischt. Dann heißt es nur noch Wasser hinzufügen, mixen, manchmal auch kneten und warten. Was ist dann also der feine semiotische Unterschied dazu, das Brot fertig oder, die günstigste Alternative, Mehl und Hefe einzeln zu kaufen? Der Unterschied liegt im Bedeutungsmix des Verpackungsdesigns und dem, was ein Brotbackset verspricht.

Die Namen für Brotbackmischungen haben rustikale und ländliche Referenzen wie Landbrot, deftiges Zwiebelbrot oder Bauernkruste. Sie beschwören Bilder vom Landleben, einer idyllischen Vergangenheit und der Rückkehr in simplere Zeiten, als Brot noch in Bauernküchen gebacken und auf dem Feld gegessen wurde. Die Bilder auf den Verpackungen bestätigen diese Assoziationen. Oft zeigen sie dicke Scheiben grob geschnittenen Brotes, ordentlich mit Butter oder Frischkäse bestrichen und gebettet auf eine einfache Unterlage wie unbehandeltes Holz oder ein kariertes Tischtuch. Hier geht es nicht um trendy urbanen Stil. Das ist echtes Essen, gemacht von echten Leuten. Die Marken, die diese Nische bevölkern, untermauern solche Konnotationen: Doves Farm, Hammermühle, selbst Aldis Eigenmarken Mühlengold und Goldähren. Wenn wir eine Brotmischung wie diese kaufen, kaufen wir uns eigentlich ein in die Idee von einem einfacheren, unkomplizierten Leben.

Der Haken an der Sache: In diesem angeblich simpleren Leben, das wir uns entwerfen, haben Menschen seit Jahrzehnten Brot aus ihren selbst angebauten Zutaten gebacken. Ihr Wissen und ihre Rezepte wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Doch wir als Bürger des 21. Jahrhunderts haben diese Rezepte nicht mehr und wissen schon gar nicht, wie man einen Teig macht, das Brot aufgehen lässt, es formt und schließlich backt. Wir haben auch nicht mehr die nötige Zeit für einen Prozess, der sich letztendlich darum dreht, dass eine Hausfrau den ganzen Tag daheim ist. Stattdessen wollen wir die Garantie, dass es gelingt. Wenn wir ein Backset kaufen, kaufen wir diese Gewissheit genauso wie leckeres Brot. Denn eigentlich wollen wir dieses simple Leben und all die Einschränkungen und die harte Arbeit, die es bedeutet, nicht wirklich. Was wir tatsächlich wollen, ist der Duft nach frischgebackenem Brot und dieses warme, heimelige Gefühl zu wissen, dass wir, zumindest ein bisschen, dieses Brot selbst gemacht haben.

Hammermühle

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Hammermühle
Brotbackmischungen

© Rewe, ALDI NORD

© ALDI SÜD Brot-Backmischung

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