© Photo Sarah Parrott

Wedding cultures – die Hochzeit als Designprojekt

Die Hochzeit hat sich zum Kampf um Perfektion verwandelt: Es geht nicht mehr nur darum, dass ein Blumengesteck vorhanden ist, sondern ob damit auch das Besondere des Paares unterstrichen wird. Auch aus der leichten Musik zur Untermalung ist eine ausgeklügelte Setlist geworden, die den Abend dramaturgisch begleitet. Seit wann werden Hochzeiten hierzulande vermehrt als Design-Projekte verstanden?

Das klassische Foto: Brautpaar, Eltern und Geschwister

Ich öffne die Holzschachtel, in der sich zahlreiche Familienbilder befinden. Ihr Alter verraten die Bilder oft schon durch den Grad der Papierdicke, Größe und die Gestaltung des Bildschnittes. Man muss also nicht einmal einen Blick darauf werfen.

Ich bin auf der Suche nach den Hochzeitsbildern meiner Eltern, die ich schnell finde, da sie durch ihr Format und das starke Papier haptisch herausstechen. Wenn ich die Bilder beschreiben müsste, dann würde ich wahrscheinlich das Wort „klassisch“ bedienen: das Brautpaar sitzt in der Mitte der ersten Reihe und die Familienmitglieder rahmen das Paar. Zu diesem Gruppenbild gesellen sich noch folgende Varianten: Brautpaar, Brautpaar mit Eltern und Schwiegereltern, das Brautpaar mit Geschwistern und je ein Bild der Eltern. Es handelt sich um eine Handvoll offizieller Schwarz-Weiß-Bilder, wodurch die Hochzeit repräsentativ beglaubigt wird. Was während der Zeremonie, oder beim Essen stattgefunden hat, blieb der menschlichen Wahrnehmung überlassen, oder dem Sucher einer Kleinbildkamera. Das war Dezember 1969, irgendwo in der DDR.

Im Juli 2012 sollte ich dann meiner ersten standesamtlichen Hochzeit als Gast beiwohnen. Bis dahin begegnete ich dem Hochzeitsakt und der Hochzeitsfotografie nur beim Vorbeigehen an diversen Portraitstudios. Zu sehen gibt es dort immer noch das ‚klassische‘ Paar- und Gruppenfoto, doch immer öfter verschlägt es das Brautpaar in die Natur oder an persönlich gewählte Orte – vom Stadion bis hin zum Schloss ist alles möglich.

Liebe, Spaß und Humor stehen heute im Vordergrund

Im letzten Sommer wurde natürlich auch fotografiert. Freunde und Familie zückten den ganzen Tag Kameras und Smartphones, so dass diese Hochzeit wohl sehr detailreich festgehalten wurde. Auch wenn meine Freunde damals keinen Fotografen engagiert hatten, lagen sie letztendlich – ohne es zu wollen – voll im Trend. Denn für die Hochzeitsreportage sollen sich immer mehr Paare entscheiden.

Dabei begleitet der Fotograf das Paar den ganzen Tag und setzt zahlreiche Momente in Szene: von den Vorbereitungen über die Hochzeitszeremonie und -feier bis hin zu kleinen, sich zufällig entwickelnden Momenten. Im Unterscheid zur Amateurfotografie kann oftmals sogar zwischen verschiedenen Themen und Stilrichtungen gewählt werden, die das Ambiente der Hochzeit und die Persönlichkeit der sich Trauenden unterstreichen sollen. Die Hochzeitsfotografen von „Charmewedd“ differenzieren auf ihrer Website unter anderem zwischen Classic, Dance, Rock und Jazz.

Somit soll sich der spezifische Charakter einer Hochzeit auch in den Bildern widerspiegeln. Zudem ist die Inszenierung des Paares heutzutage weit entfernt von dem Ernst und der Strenge früherer Jahre. Es steht die romantische Liebe im Vordergrund, wobei vor allem der Spaß und ein humorvoller Umgang des Paares fokussiert wird.

Das Konzept ist bis ins kleinste Detail durchdacht

Der Trend, die Hochzeit unter ein bestimmtes Design-Motto zu stellen, gipfelt letztendlich nur in den Bildern, und kann bereits bei der Einladungskarte zum Ausdruck kommen. Auf der Pinterest-Seite „Wedding Month Design Contest“ von Fontshop sind zahlreiche Hochzeitseinladungen zu sehen, die vielfältiger kaum sein könnten. Durch den Einsatz von Typographie und Designelementen hat jedes Paar die Möglichkeit, die Geschichte ihrer Beziehung zu erzählen oder zu unterstreichen. Diese wird dann am Hochzeitstag durch Kleidung, Location, Essen, Accessoires und Ablauf weiter herausgearbeitet.

Zwar charakterisieren sich Hochzeiten seit jeher durch ein einheitliches Konzept, auf das bei großen Feiern zur Erleichterung der Organisation zurückgegriffen wird. Doch ist dieses Konzept nicht mehr nur eine Bedingung für einen guten Ablauf, sondern gleichzeitig Teil der Liebes-Inszenierung. Es geht nicht mehr nur darum, dass ein Blumengesteck vorhanden ist, sondern ob damit auch das Besondere des Paares unterstrichen wird. Aus der leichten Musik zur Untermalung ist eine ausgeklügelte Setlist geworden, die den Abend dramaturgisch begleitet. Der Kampf um die perfekte Hochzeit gipfelt dann, wenn man US-amerikanischen Filmen und Sitcoms Glauben schenken darf, in Nervenzusammenbrüchen und einem Streit zwischen Braut und Bräutigam – spätestens beim Vorkosten der Torte.

Die Liebe und Exklusivität der Beziehung soll für alle sichtbar werden

Daher kann man auch die Frage stellen, seit wann die Hochzeit hierzulande vermehrt als Design-Projekt verstanden wird? War dazu der 2001 erschiene Filme „Wedding Planner – Verliebt, verlobt, verplant“ mit Jennifer Lopez notwendig? Waren es Unterhaltungsshows wie „Frank, der Weddingplanner“? Oder ist es schlichtweg möglich geworden? Unabhängig von diesen medialen Einflüssen, arbeitet der Trend dem Verständnis der Hochzeit als Verkörperung der romantischen Liebe zu, die es vom Gewöhnlichen abzugrenzen gilt. Kurzum: Nicht mehr nur die Vermählung, sondern die Liebe und Exklusivität der Beziehung soll durch die Hochzeit für alle sichtbar werden. Aus dem performativen Satz „Ja, ich will“ wird „Ja, ich will und liebe dich und wir passen so gut zusammen, wie ihr seht“. Die Bedeutung wird zudem verstärkt, da dem Akt des Heiratens – trotz kontinuierlich steigender Scheidungsraten – die Einmaligkeit anhaftet.

Darüber hinaus kann gefragt werden, warum sich Paare dem Design-Projekt Hochzeit verwehren sollten, wenn bereits das ganze Leben als (performatives) Designprojekt verstanden wird. Beispielsweise erfolgt auch die Wahl der gemeinsamen Wohnung, der Tapete bis hin zur Inneneinrichtung nicht nach dem Zwang der Notwendigkeit, sondern nach den Formeln eines schönen und angenehmen Lebens, wodurch gemeinsame (Geschmacks-)Präferenzen und das ‚Paarsein’ zum Ausdruck kommen sollen. Das wird seit Jahren durch günstige, regelmäßig wechselnde Serien bekannter Möbelhäuser und diverser Einrichtungsstores begünstigt.

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