© Annie Spratt

Arbeitskultur

Wo sind die Start-up-Frauen?

Nur neun Prozent aller Berliner Start-ups werden von Frauen geführt, nur ein Viertel der Mitarbeiter sind weiblich. Und die verdienen im Durchschnitt 25 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Wie kann das sein in einer jungen, angeblich so fortschrittlichen und disruptiven Arbeitskultur? Franziska Müller von der Ahé und Ida Tin erzählen, wie sie Gründerinnen wurden, wie sich Arbeit und Familie vereinen lassen und warum es vielen Frauen schwer fällt, sich in der Start-up-Szene zu behaupten.

Franziska Müller von der Ahé

© Glutamat Kommunikation

Franziska Müller von der Ahé ist Co-Gründerin von Glutamat, einer Kommunikationsagentur für Online-Content mit Sitz in Berlin und München.

Ida Tin

© Clue

Ida Tin ist Gründerin des Start-ups Biowink, das die Frauengesundheits-App Clue entwickelt hat. Mit Clue können Frauen ihren Zyklus dokumentieren und so Schwangerschaften planen oder verhüten.

Berlin-Kreuzberg, ein bewölkter Nachmittag Anfang Mai. Im Büro von Franziska Müller von der Ahé ist die Heizung voll aufgedreht, während leiser Regen gegen die Scheibe prasselt. Einige Kolleginnen stehen gerade um einen Bildschirm versammelt, in eine Diskussion vertieft. „Na, habt ihr euch gefreut, dass ich kurz verschwunden war?“, scherzt Franziska Müller von der Ahé im Vorübergehen.

Mittlerweile dreißig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt das Duo aus ihr und Julia Sommerer, den beiden Gründerinnen der Kommunikationsagentur Glutamat. Sie sind zwei von neun Prozent: Nur neun Prozent aller Berliner Start-ups liegen in weiblicher Hand. Im internationalen Metropolenvergleich liegt Berlin damit weit hinter Paris, Tel Aviv, Moskau, Chicago, São Paolo oder London. Und auch jenseits der Chefetagen ist in der Hauptstadt eine eklatante geschlechtsspezifische Differenz zu beobachten: Frauen machen gerade einmal ein Viertel der Mitarbeiterschaft in Start-ups aus und sie verdienen durchschnittlich 25 Prozent weniger Gehalt. Wie kann es dazu kommen in einer Branche, in der so gern von Revolution gesprochen wird?

Franziska Müller von der Ahé, Mitte dreißig, schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans, die langen Haare zu einem Dutt aufgetürmt, hat die Tür geschlossen und sich in einen der Stühle fallen lassen. Sie wirkt entspannt, auch wenn es momentan, wie sie beinahe beiläufig erzählt, den Auftrag eines Großkunden fertigzustellen gilt.

Vor fünf Jahren hat sich Müller von der Ahé für die Selbstständigkeit entschieden. In ihrem vorigen Beruf als Journalistin im Nachrichtengeschäft erfuhr sie eine sehr klassische Rollenverteilung, die sie befremdet habe: Frauen, die aus dem Mutterschutz zurückkamen, seien dann beispielsweise oft in der „Halbtags-Grabbelecke“ gelandet. Die Arbeitsweise innerhalb der journalistischen Branche gefiel ihr einfach nicht. „Und immer, wenn man das System nicht ändern kann, muss man es halt selber machen.“ Nach einer freiberuflichen Zusammenarbeit gründeten sie und Julia Sommerer also kurzerhand Glutamat Kommunikation, eine Agentur für Web-Content.

Mit Ende zwanzig waren sie ohnehin noch in einem Alter, in dem das Risiko einer Gründung nicht allzu hoch ist – einen neuen Job hätten sie beide sicherlich gefunden, wäre die Unternehmung gefloppt. Haben sich die beiden darum bemüht, ernst genommen zu werden, womöglich sogar einen männlichen Habitus angeeignet? „Wir haben keine Sekunde darüber nachgedacht, wie wir uns da präsentieren, wir haben halt einfach gemacht“, sagt Müller von der Ahé unbekümmert. „Wir hätten sicherlich viel früher auf dicke Hose machen können – aber es hat trotzdem funktioniert. Ich glaube, dass Qualität sich durchsetzt.“

Mit dieser sorglosen Einstellung äußert sich Franziska Müller von der Ahé nicht repräsentativ: In einer aktuellen Vodafone-Studie gaben 86 Prozent der befragten Gründerinnen als eine besondere Hürde für Frauen im männlichkeitsdominierten Start-up-Business an, sich auf die innerhalb der Branche übliche Form der Selbstdarstellung einzulassen. Auch wenn sie selbst damit keine Probleme gehabt habe, bestätigt Müller von der Ahé: Es gäbe eine „bestimmte Sprache“, ein Gebaren, das der Sozialisation der meisten Frauen nicht entspräche. Frauen ihrer Generation und auch der nachfolgenden hätten solch ein dominantes Auftreten meist einfach nicht gelernt. Fraglich sei jedoch, ob diese Sprache eine sei, die man in Zukunft überhaupt weiterhin sprechen wolle – oder ob nicht auch die nächste Generation von Männern sie bereits ablegen wird.

Stefan Stefancik

„Ich zeig dir, wo’s langgeht.“ Patriarchales Gebaren ist auch in der jungen Start-up-Szene noch verbreitet. © Štefan Štefančík

Fast zwei Drittel der befragten Gründerinnen bekräftigten im Rahmen der Studie zudem die Aussage, sich oftmals nicht ernst genommen zu fühlen. Dem kann Franziska Müller von der Ahé nicht zustimmen: Sie habe in den vergangenen Jahren kaum Erfahrungen mit Sexismus gemacht. Diskriminierung habe auch immer etwas damit zu tun, „wie viel Raum man anderen gibt“. Natürlich trage man an ungleicher Behandlung keine Schuld, fügt sie schnell hinzu. „Aber wenn man das Gefühl hat, dass was in die Richtung kommt, kann man gegensteuern, indem man die Leute damit konfrontiert.“ Vor ein paar Jahren sei ihr das in Verhandlungen noch schwerer gefallen. „Aber jetzt langsam werde ich ja so seriös alt, da sind die Leute nicht mehr so verschreckt“, sagt sie mit einem Schmunzeln.

Hört man den persönlichen Erfahrungen Franziska Müller von der Ahés zu, scheint die Lage für Frauen innerhalb der Start-up-Branche nicht allzu vertrackt. Anstatt über Schwierigkeiten spricht sie lieber über Eigenschaften, die beim Gründen hilfreich seien. „Sich auf eine gedankenlose Art Gedanken zu machen“ sei beispielsweise erforderlich. Ebenso dürfe man nicht angstbesetzt sein. Und natürlich seien solche Charakteristika nicht geschlechtsgebunden, sondern hätten vielmehr etwas mit der Erziehung zu tun.

Als eine zweite große Hürde in der Unternehmungsgründung gaben 62 Prozent der Befragten eine empfundene Benachteiligung durch Investoren und Kreditgeber an. Ein US-amerikanisches Experiment bestätigte diesen Eindruck kürzlich: Männliche Investoren, so zeigte sich, investierten lieber in Ideen, die ebenfalls von Männern stammten – und bei den meisten Investoren handelt es sich um Männer.

„Wir investieren lieber in Leute, die aussehen wie wir“, kommentiert Ida Tin dieses Ergebnis. Ihre Erfahrung: Investoren neigen dazu, Geld für Geschäftsmodelle zu geben, zu denen sie einen persönlichen Bezug haben. „Die ganze soziale Situation in einem Pitch-Prozess belohnt Charaktereigenschaften, die traditionell als männlich wahrgenommen werden.“

Ida Tin, Kopf der Menstruationskalender-App Clue, ist eine von Franziska Müller von der Ahés Berliner Start-up-Kolleginnen. Die gebürtige Dänin gründete ihre Firma Biowink ebenfalls im Jahr 2012. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Hans Raffauf leitet sie seitdem das Unternehmen, das mittlerweile zwanzig Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigt. Genau wie Müller von der Ahé thematisiert sie den Aspekt des Raum Einnehmens – formuliert es aber anders herum: “Wenn das Umfeld angenehmer wäre für weniger aggressive und dominante Persönlichkeiten, die nicht dazu neigen, viel Raum einzunehmen, dann hätten nicht-männliche Gründer sicher bessere Wettbewerbschancen.“

Bringt man beide Standpunkte zusammen, bräuchte es also ein Raum Nehmen von der einen und ein Raum Abgeben von der anderen Seite, um Frauen gleichberechtigter an der Start-up-Branche teilhaben zu lassen. Das scheint jedoch allzu vereinfacht: Die Diskriminierung von Frauen im Berufsleben hat ihren Ursprung schließlich auch in der Befürchtung eines Schwangerschaftsausfalls, zumindest in den herkömmlichen Branchen.

Dabei könnten alle Menschen um die dreißig, Männer und Frauen, potentiell Kinder kriegen, kommentiert Franziska Müller von der Ahé trocken. Sie und Ida Tin sind beide zweifache Mütter. Gern wird ihnen das Label der Mompreneurs aufgesetzt, ein Ausdruck für Gründerinnen mit Kindern. Mit solch einer Zuschreibung möchte sich Müller von der Ahé jedoch nicht identifizieren: Der Begriff helfe Frauen nicht, vielmehr würde er sie in die „Mutti-Ecke“ stellen. Oftmals habe der Gestus, mit dem über die so genannten Mompreneurs gesprochen würde, den Charakter eines „trotz Kindern auch das“. Das sei eine veraltete Vorstellung. Man sollte lieber von neuen Familienmodellen sprechen, „in denen sich Männer und Frauen in beiden Bereichen verwirklichen können, wenn sie wollen. Denn nur Kinder macht keinen glücklich. Nur Arbeit aber auch nicht.“

Auch Müller von der Ahés Co-Founderin Julia Sommerer ist zweifache Mutter. Die vier Kinder in der Führungsetage hätten die Unternehmensphilosophie weniger verändert als vielmehr bestärkt, „nämlich darin, dass das, was wir anders machen wollen, ein guter Weg ist“. So habe jedes Kind „eine neue Struktur, einen positiven Schub“ in die Firma gebracht. Das Geheimnis dabei sei, aus der eigenen Arbeit heraustreten zu können und Leute zu fördern, die eine Aufgabe besser vollbringen können als man selbst. Kontrolle abzugeben und der eigenen Mitarbeiterschaft zu vertrauen, „das ist gute Führung“, schließt Franziska Müller von der Ahé.

Clue Büro

Elternfreundlicher Arbeitsplatz: Home Office, Teilzeit und manchmal sogar Kinder im Büro. © Clue

Ähnlich formuliert es Ida Tin: Es sei wichtig, den Perfektionsanspruch auch mal abzulegen. Dass sie als Unternehmerin ihre eigenen Bedingungen setzen und genau die Arbeitsumgebung schaffen könne, die sie brauche, darüber sei sie sehr glücklich. Flexibilität sei dabei ein großer Faktor – wenn ein Kind krank sei, könne sie es mit zur Arbeit nehmen oder zu Hause bleiben. Und das müsse auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelten: „Arbeitsplätze, die sich an jungen Eltern ausrichten, statt junge Eltern, die sich daran kaputt arbeiten zu ihrem Arbeitsplatz zu passen“,  beschreibt sie die Struktur ihres Unternehmens. „Teilzeit und Home Office-Lösungen klingen trivial, aber wenn du gerade ein Baby bekommen hast, machen sie einen Riesenunterschied.“

Natürlich, darin sind sich beide einig, sei die Rolle des Partners ebenso entscheidend. Auf privater Ebene empfiehlt Müller von der Ahé, vorab die Vorstellungen der Elternschaft abzugleichen. Für sie und ihren Mann sei klar gewesen, dass sie sich alle Aufgaben teilen wollten. Und vielleicht, fügt sie an, könnten Männer in Bezug auf neue Familienmodelle sogar inspirierender sein, „um zu zeigen, dass sich ein cooles Leben mit Kitaeingewöhnung vereinbaren lässt“.

Und was muss sich auf struktureller Ebene ändern? Zum einen dürfe man Frauen nicht länger das Risiko zuschreiben, wegen einer Schwangerschaft auszufallen, und sie damit als weniger wertvolle Arbeitnehmerinnen zu betrachten: „Das glaube ich einfach nicht, und das wird sich auch durch die wachsende Zahl von Männern ändern, die in Elternzeit gehen.“ Bezüglich der Gender Pay Gap sagt sie lakonisch: „Wir als Unternehmer und Unternehmerinnen müssen die Leute verdammt noch mal gleich bezahlen. Die Lösung ist ganz einfach: gleiches Geld für alle. Fertig.“

Jedoch, lenkt sie ein, gäbe es weniger faktische Barrieren als vielmehr gefühlte Hürden. Es sei doch erstaunlich: In der Schule und der Uni hätten Mädchen und Frauen meist die besseren Noten. „Und auf einmal, mit dreißig, verschwinden die alle. Wo sind all die Mütter hin?“ Oftmals, spekuliert Müller von der Ahé, trauten sich die Frauen mit Kind nicht zurück an den Arbeitsplatz. Aber das werde sich ändern, wenn in den Medien noch mehr Frauen, auch Mütter, gezeigt würden, die „auf eine entspannte, coole Art Unternehmen führen. Rollenmodelle helfen immer.“ Sicherlich auch denen, die keine Gründungsambitionen haben.

In der Darstellung von erfolgreichen Gründerinnen wie Franziska Müller von der Ahé und Ida Tin liegt sicherlich auch stets die Gefahr, vorherrschende strukturelle Probleme zu negieren. Diejenigen zu zeigen, die es geschafft haben, sich in einer männlichkeitsdominierten Branche durchzusetzen, Geldgeber und Kunden zu überzeugen, bedeutet im gleichen Moment, nicht diejenigen zu zeigen, die mit geschlechtsspezifischen und anderen Diskriminierungsformen zu kämpfen haben. Nichtsdestotrotz kann solch ein Einblick den weiblichen Beitrag innerhalb hegemonialer Verhältnisse umreißen. Ida Tin sieht die größte Hürde im Denken vieler Frauen:

„Frauen selbst sind diejenigen, die sich ausbremsen und Blockaden im Kopf haben wie ‚Ich bin nicht bereit, ich muss noch dies und das machen, bevor ich meine eigene Firma starten kann’.“ Was ließe sich daran ändern? „Alles, was ich sagen kann, ist, einfach machen.“

Autorin