© Photo Kenneth Lu

In Szene gesetzt: Ein globales Lebensmitteldrama

Am 25. April hatte „Cargo Fleisch“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Premiere. Die Inszenierung ist Teil des Projektes „Hunger for Trade“: Ein globales Theaternetzwerk (Standorte sind Hamburg, Brüssel, Manchester, Bukarest, Bern, Bangalore, Ouagadougou, Pretoria und Sao Paulo) erforscht mit den Mitteln des Dokumentartheaters die internationale Nahrungsmittelproduktion und den internationalen Nahrungsmittelmarkt. Wir sprachen mit Clemens Bechtel, Regisseur von „Cargo Fleisch“ und Initiator von „Hunger for Trade“.

Clemens, wie kam es zu dem Projekt „Hunger for Trade“?

Mich hat schon immer die Möglichkeit einer internationalen künstlerischen Kooperation interessiert, die Frage, ob es ein globales Theaternetzwerk geben kann, ein Austausch zwischen Theatern nicht nur über Gastspiele, sondern über andere Formen der Zusammenarbeit. Das Thema Nahrungsmittel habe ich dann gemeinsam mit einer afrikanischen Kollegin entwickelt – 2008 gab es große Nahrungsmittelpreissteigerungen, die zu Protesten auf allen Kontinenten geführt haben, auch die Revolutionen in den arabischen Ländern waren maßgeblich davon geprägt. Unter diesem Eindruck war sehr schnell klar, dass wir darüber arbeiten wollen: Nahrungsmittel sind ein globales Thema, das Einfluss nimmt auf die unterschiedlichsten Bereiche des Lebens.

Dieser Einfluss sieht in Europa aber vermutlich anders aus als in Afrika oder Südamerika.

Hier in Deutschland kennen wir urban gardening inzwischen als großen Spaß und Lifestyle-Trend, aber in Pretoria ist das ein Überlebensthema.

Natürlich ruft das Thema in Afrika, Brasilien oder auch Indien ganz andere Assoziationen hervor als in der Schweiz oder in England. Die Kollegen in Burkina Faso arbeiten zum Beispiel nicht über Nahrungsmittel, sondern über Hunger. Und das South African State Theatre beschäftigt sich mit urban food security, mit der Frage, wie man die Versorgung der Bevölkerung in den Städten gewährleisten kann. Die landläufige Vorstellung von Hungersnöten beinhaltet ja meist Menschen, die auf dem Land leben und keinen Zugang zu Nahrungsmitteln haben. In den großen Städten sind die Nahrungsmittel da, sie liegen in den Supermärkten, aber wegen der Preissteigerungen können die Leute sie sich nicht mehr leisten. Hier in Deutschland kennen wir urban gardening inzwischen als großen Spaß und Lifestyle-Trend, aber in Pretoria ist das ein Überlebensthema.

Für deine Inszenierung am Schauspielhaus Hamburg – „Cargo Fleisch“ – hast du als Thema die industrielle Fleischproduktion gewählt – wieso?

Ich verstehe uns mit der Hamburger Aufführung auch als Gastgeber für das ganze Projekt. Deshalb habe ich nach einem Thema gesucht, das die internationale Vernetzung reflektiert und mir erlaubt, zu den verschiedenen Ländern, die an dem Projekt beteiligt sind, Fenster zu öffnen. Fleischproduktion hat viele Aspekte: Von der Futtermittelproduktion – Soja – wie sie in Brasilien stattfindet, über die Massentierhaltung in Deutschland bis hin zum Export von Hühncheninnereien nach Westafrika. Am Geschäft mit Hühnerfleisch lässt sich festmachen, was Globalisierung ökonomisch bedeutet, was sie konkret für die Lebenswirklichkeit bedeutet, sprich: Dass Menschen aus den unterschiedlichsten Lebenswirklichkeiten miteinander konfrontiert werden. Mein eigentliches Thema ist das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, verschiedener Lebenswelten, verschiedener Ideologien.

Der Schutz des Regenwaldes ist eine Marketingstrategie, der Schutz von Menschen ist keine. Und trotzdem hat man immer das Gefühl: Öko ist gleich Fairtrade. Stimmt aber nicht.

Hat sich durch die Recherche für das Projekt in deinem persönlichen Leben und Denken etwas verändert?

Ich esse jetzt weniger Fleisch. Und der Appetit auf Putenschnitzel ist mir so ziemlich vergangen. Was das Denken angeht: Mir ist bei der Recherche klar geworden, dass die Gleichsetzung von ökologischem und sozialem Denken, die hierzulande vorgenommen wird, nicht stimmt. Viele Menschen fliehen aus Regionen, die zu Naturschutzgebieten erklärt worden sind, weil sie dort nicht mehr leben können, weil auf einmal wilde Tiere ihre Ernte auffressen oder sie selbst auffressen. Indianer in Brasilien dürfen keine Bäume mehr fällen, weil ein Abholzungsverbot besteht. Bei europäischen Konsumenten herrscht inzwischen ein ausgeprägtes ökologisches Bewusstsein, soziales Denken spielt hingegen eine deutlich geringere Rolle. Lebensmittelkonzerne werben damit, die Natur zu schützen. Sie werben nicht mit dem Engagement gegen Hunger oder für die Verbesserung der Lebensverhältnisse in anderen Ländern – das existiert nicht als Marketingstrategie. Der Schutz des Regenwaldes ist eine Marketingstrategie, der Schutz von Menschen ist keine. Und trotzdem hat man immer das Gefühl: Öko ist gleich Fairtrade. Stimmt aber nicht. Das ist eine Erkenntnis, die mich sehr beschäftigt.

Hast du eine Prognose für die Nahrungsmittelproduktion der Zukunft?

Ich glaube an technischen Fortschritt, Fleisch aus dem Labor ist doch eine großartige Idee, vielleicht kann man es so schaffen, die Welt zu ernähren. 

Es gibt zwei Überzeugungen, die heute aufeinander treffen. Das eine Lager vertritt die ökologische Landwirtschaft, den Schutz von Kleinbauern, regionalen Anbietern, regionalen Produkten. Das andere Lager glaubt an die stärkere Technisierung der Landwirtschaft, auch im Bereich der Forschung: Genmanipulierter Mais, der ertragreicher ist, Fleisch aus dem Labor, Hühnchenfleisch, das auf Pflanzen basiert. Die sagen: Mit Kleinbauern kommen wir nicht weiter, wir müssen zu viele Menschen ernähren. Und die anderen sind vom Gegenteil überzeugt, von Subsistenzwirtschaft, davon, dass jedes Land in der Lage sein muss, sich selbst zu ernähren. Ich persönlich bin da sehr unsicher. Ich finde es problematisch, wenn Lebensmittelkonzerne sich immer weiter ausdehnen und am ganzen Wertschöpfungsprozess partizipieren – sie liefern das Saatgut, das Werkzeug, kaufen den Bauern die Ernte ab, sorgen für den Transport der Waren, und haben die Hände dann noch im Supermarkt drin. Gleichzeitig glaube ich, dass es eine industrielle Landwirtschaft braucht. Und ich glaube an technischen Fortschritt, Fleisch aus dem Labor ist doch eine großartige Idee, vielleicht kann man es so schaffen, die Welt zu ernähren. Selbst höhere Lebensmittelpreise könnten eine Chance sein: Wenn Reis teurer wird, profitiert irgendwann vielleicht auch der Reisbauer in Burkina Faso davon. Im Moment ist das leider nicht so.

Was erhoffst du dir für die Wirkung von „Cargo Fleisch“ und „Hunger for Trade“?

Ich würde mir wünschen, dass die Zuschauer ein größeres Bewusstsein für eine globale Identität entwickeln, die heute möglicherweise wichtiger ist als die nationale. Wenn man in Europa und in Afrika vom selben Huhn isst, hat man nun mal miteinander zu tun.

Referenzen

  • Fotos © Hunger for Trade, flickr-User ToastyKen, flickr-User bj_hale