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5 Fragen an… Angela Oguntala

In unserer Interviewserie „5 Fragen an…“ stellen wir Visionäre, Innovatoren und Talente aus dem STURM und DRANG Netzwerk und den kreativen Zentren dieser Welt vor. Heute nimmt uns Zukunftsforscherin Angela Oguntala mit in eine langsamere Zukunft und spricht sich gegen allwissendes Expertentum aus.

Angela Oguntala (New York/Kopenhagen) ist Zukunftsberaterin, Experience Designer und TEDx Rednerin. Sie untersucht die möglichen Folgen zukünftiger Technologien auf unsere Kultur und Gesellschaft und arbeitet mit Kunden wie IKEA, Philips und der dänischen Filmindustrie. 2014 wurde Angela Oguntala vom Ars Electronica Festival, der UN Organisation für Telekommunikation, ITU und der japanischen Ideenschmiede Hakuhodo zum „Future Innovator“ gewählt. Für STURM und DRANG entwickelte und analysierte sie neue Design- und Interface-Konzepte für Küchengeräte.

Q: Wie möchten Sie in Zukunft leben?

A: Langsamer! Vielleicht wird das ja durch technologische Arbeitslosigkeit passieren. Ohne Jobs, die wir erfüllen müssen, um über die Runden zu kommen, hätten wir endlich Zeit zum Nachdenken, zum Mittagessen  ohne Magenverstimmung, um nur eine Sache auf einmal zu tun. Vielleicht kommt diese Verlangsamung aber auch durch einen anderen Auslöser zustande – weil  etwa viele unserer Systeme kollabieren und neue Strukturen von Grund auf  errichten werden müssen. Übrigens müssen das nicht zwangsläufig „Worst-Case-Szenarien” sein. Ich reise viel und bin erstaunt darüber, wie schnell alles geworden ist: Zu Hause, im Supermarkt, auf jeden Fall bei der Arbeit, in unseren Städten und sogar in unseren Dörfern.  Diese Schnelligkeit wird verpackt als Zeichen des Fortschritts. Dinge sind „effizient”, Prozesse „gestrafft“ oder „durchorganisiert“. Aber irgendwie fühlen sich dabei viele meiner Interaktionen unfertig an. Deshalb sagt mir mein Bauchgefühl, dass ich in der Zukunft langsamer leben möchte, auch wenn ich nicht weiß, welche konkrete Form das annehmen wird oder was das genau bedeutet.

Q:  Was ist Ihre wichtigste These?

A: Die Wirklichkeit ist vielschichtig. Wenn wir über die Probleme der Welt, über Trends, Ziele oder Visionen  reden, sprechen wir oft nur über die oberste Schicht der Realität: ihre offensichtlichsten und sichtbarsten Aspekte und das üblicherweise aus der Perspektive der gerade dominanten Gesellschaft. Doch innerhalb dieser Probleme oder Trends gibt es viele andere Schichten von Realität, die uns nicht bewusst sind oder die wir nicht verarbeiten können. Tiefere Schichten, die mit unserer Weltsicht zu tun haben, mit unseren Mythen, Metaphern und alten Geschichten, die diese Probleme oder Ziele verursacht haben, die werden selten aufgedeckt. Wenn wir diese tiefsten Realitätsebenen nicht verstehen und respektieren, dann können wir keinen sinnvollen Wandel in unserer Welt herbeiführen.

Q: Wie werden Sie in 20 Jahren arbeiten?

A: Keine Ahnung. Aber ich liebe, was ich tue und hoffe, dass ich das in irgendeiner Form fortführen kann. Da es mein Job ist, mir Gedanken um „die Zukunft“ zu machen, wird es spannend sein, in 20 Jahren zu sehen, welche Varianten der Zukunft kamen und gingen und das zu vergleichen mit den Projekten, an denen ich gearbeitet habe und der Art von Zukunft, die ich versucht habe, mitzugestalten.

Q: Was ist die wichtigste Fähigkeit, die ein Kind heute lernen muss?

A: Flexibilität. Als Kind wurde mir nie beigebracht, flexibel auf Änderungen zu reagieren oder zwei widersprüchliche Ideen gleichzeitig zu verarbeiten. Wenn man diese Flexibilität nicht hat – wenn deine Umgebung oder die ganze Welt sich radikal verändert – weiß man nicht, wie man daraus das Beste machen soll. Wir fürchten uns vor möglichen Veränderungen, dabei könnten wir unsere Vorstellung davon, was Veränderung ist, positiv umdeuten. Wir sollten uns bewusst machen, dass es nicht “die Zukunft” gibt, sondern viele mögliche Zukünfte.

Q: Was motiviert Sie?

A: „Ich weiß nicht” zu sagen. Vor allem in der Öffentlichkeit! Ich arbeite mit verschiedenen Branchen und Organisationen daran, Designs für eine alternative Zukunft, wie wir sie uns wünschen, zu erdenken und zu planen. Ich arbeite im Design, in der Filmbranche, im Finanzsektor, mit neuen Technologien, in der Stadtplanung. Da gibt es so vieles, von dem ich ehrlich gesagt keine Ahnung habe, so viele Fragen, auf die ich keine schlaue oder ausgefeilte Antwort geben kann. Ich habe hart daran gearbeitet, zu wissen, wann ich sagen muss: „Ich weiß es nicht. Wie kann ich es herausfinden? Wo kann ich nachhaken?“ ohne mich dafür zu schämen. Ich habe meine Schwierigkeiten mit dieser Expertenkultur, die davon ausgeht, dass Experten superschlaue Menschen sind, die alles mit absoluter Sicherheit wissen und vorhersehen. Vieles können wir einfach nicht sicher vorhersagen. Mich motiviert es, nicht die Expertin zu sein und stattdessen mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, oft solche, die am Rande der Gesellschaft leben. Denn die können ihr Wissen beisteuern und unseres bereichern.

Referenzen

Fotos: © Angela Oguntala

http://www.angelaoguntala.com/

TEDx Copenhagen „Re-imagine the Future"