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Mobilitätskultur

5 Ideen für das Auto der Zukunft

Bald werden wir unsere Autos vermutlich nicht mehr selbst lenken. Was macht das mit dem Spaß am Fahren – mit dem Gefühl sein Leben für diesen Moment selbst in der Hand zu haben? Bildwissenschaftler Simon Bieling hat sich auf Instagram umgesehen, wie wir Fahrfreude heute definieren und daraus fünf Thesen zur Zukunft des Autos entwickelt.

Individuelle Mobilität, die Möglichkeit, sich unabhängig und frei zu bewegen, betrachten wir als hohes Gut. Daran hat sich nicht geändert, seit Walt Disney vor fünfzig Jahren Autos als perfekte Werkzeuge für das individuelle Streben nach Glück feierte. Doch warum fahren wir gerne Auto? Weil wir uns am Steuer als Autorinnen und Autoren unseres Lebens fühlen. Die Psychologie nennt das Selbstwirksamkeit: die Fähigkeit, Ziele selbst verwirklichen zu können. Deshalb bewegt uns die Aussicht so sehr, dass selbstfahrende Autos uns in nicht allzu ferner Zukunft das Lenkrad aus der Hand nehmen werden.

„Ich hab’s in der Hand“ – solche Bilder könnten bald der Vergangenheit angehören. September 2017, Instagram

Dabei sind auch die heutigen Autos ihrem Namen nach schon Fahrzeuge, die sich wie von selbst bewegen – stets im Vergleich zu anderen Fahrzeugen. Zu Beginn der Automobilgeschichte fühlte man sich am Lenkrad selbstwirksam, weil das Auto sich ohne Kutscher und Pferd und anders als das Fahrrad ohne den Einsatz von Muskelkraft fortbewegte. Heute kommt es eher auf die Unterschiede zwischen einzelnen Automodellen an. Das eigene Fahrzeug verschafft uns den Eindruck von aktiver Selbstwirksamkeit, weil es im Vergleich zu einem anderen Fahrzeug ein komfortableres Fahrerlebnis, höhere Geschwindigkeiten, größere Sicherheit oder einen geringeren Benzinverbrauch aufweist. So gesehen stellt das autonome Fahren nur eine weitere Etappe in der Automobilgeschichte dar. Was müssen selbstfahrende Autos also bieten, damit wir uns in ihnen immer noch eigenständig und selbstwirksam fühlen?

Spielen, vorlesen, kuscheln: Im selbstfahrenden Auto soll dafür mehr Zeit sein. © Waymo

Auch wenn wesentliche Alltagshandlungen automatisiert werden, möchten wir als Handelnde noch eine Rolle spielen. Eine stichprobenartige Analyse auf Instagram zeigt, welche Aspekte des Autofahrens Nutzerinnen und Nutzer besonders hervorheben – und wann sie sich selbstwirksam fühlen.

1. Neue Aufgaben fürs Lenkrad

Das Lenkrad mag seine eigentliche Funktion verlieren, aber hier zeigt sich, wer und was fährt. Instagram, September 2017

Wer ein neues Auto hat oder in den Urlaub fährt, lichtet sich selbst gerne am Steuer ab. Aber brauchen wir das Lenkrad überhaupt, wenn wir unsere Autos nicht mehr selber steuern? Vielleicht brilliert das Lenkrad künftig bei Sekundäraufgaben: als Bühne für Uhren, Schmuck und Nagellack oder als Begleitszenerie für Energydrinks oder Kaffee. Selbstwirksamkeit werden viele Insassinnen und Insassen zukünftig erreichen, wenn die führerlosen Autos ihnen eine Präsentationsplattform bieten können; wenn sie auch in fremd gesteuerten Automobilen ihre Gestaltungsmacht in modischen Angelegenheiten oder Getränkemomenten sich selbst und anderen beweisen können.

2. Schöne Aussichten für die Mitfahrer

Bald mit 360°-Panorama? Weite und Himmel statt Tunnelblick. Instagram, September 2017

Dass das Lenkrad seine Funktion und Bedeutung erweitert, macht die Autofahrt selbst noch längst nicht unbedeutend. So ist der Blick aus dem Wagen immer noch ein wichtiger Faktor, der uns die eigene Fahrleistung greifbar macht. Die Landschaft, die wir während der Fahrt durchqueren oder schließlich erreichen, ist ein wichtiger Beleg der eigenen Selbstwirksamkeit: ein attraktives Gegenbild zu unserer Alltagsumgebung. Das Büro des Architekten Jean Nouvel hat für das Kultur- und Kongresszentrum in Luzern eine Fensterreihe so geplant, dass die Besucherinnen und Besucher fast bildartige Perspektiven auf den Genfer See richten können. Bei autonomen Fahrzeugen könnte die Gestaltung der Fenster und die Lage der Fahrsitze ebenso auf attraktive Blickperspektiven für die Insassen setzen.

3. Die Fahrleistung wird messbar

Neue Meilensteine: Schon heute bieten Trackingsysteme mehr als Kilometer – etwa Green Score-Spiele, die zum umweltbewussten Fahren animieren. Instagram, September 2017

Zahlen werden als Bedeutungsträger von Werten und Idealen immer wichtiger. Für viele Fahrerinnen und Fahrer beweisen sie die eigene Fahrleistung. Tachometer sind trotz aller Navis ein beliebtes Motiv. Wer runde Kilometerzahlen hinter sich gebracht hat oder sich von seinem Wagen endgültig verabschieden möchte, postet gerne einen Blick auf die Kilometeranzeige. Je größer die Zahl, desto stärker scheint das Empfinden der eigenen Selbstwirksamkeit zu sein. So sollten die führerlosen Autos der Zukunft bei Bildschirmanzeigen und Navigationsoberflächen die Überzeugungskraft von Zahlen nicht übersehen. Denn automobile Willensstärke beweist man sich gern so, wie besonders disziplinierte Läufer ihre Trainingserfolge: mit einprägsamen Kilometerzahlen.

4. Vermenschlichte Autos

Händchen-Selfies demnächst vor stimmungsvollerem Hintergrund? Instagram, September 2017

Eine größere Studie zum autonomen Fahren machte die Hypothese stark, dass wir uns bereitwilliger der Fahrleistung künstlicher Intelligenzen anvertrauen, wenn wir ihnen menschliche Eigenschaften zuschreiben. Automobile werden freilich schon jetzt nicht selten vermenschlicht. Wer im Auto einen persönlichen Begleiter sieht, der stets uneigennützig zu Diensten steht, kann sich auch selbstwirksam und wirkmächtig fühlen. Denn er bringt die Leistungsstärke des Fahrzeugs mit der eigenen Person in direkte Verbindung. Das Auto fährt und bremst dann ausschließlich nach den individuellen Wünschen seiner Besitzer. Erweitern lässt sich diese Strategie noch, wenn wir das Automobil zugleich zu einem der Orte machen, an denen wir private Beziehungen zu anderen Menschen gestalten, an dem Paare, Freunde, Eltern und Kinder ihre Verbindung und Beziehungspflege vorführen.

Der technoide Maschinenlook der Fahrzeuge könnte einer menschlicheren, vielleicht wohnlicheren Gestaltung weichen, damit Geselligkeit oder Zweisamkeit im Auto in einem stimmungsvollen Umfeld stattfinden kann. Schließlich ist die Gangschaltung nicht der romantischste Hintergrund zum Händchenhalten…

5. Zusammenrücken

Im Auto der Zukunft könnte eine neue Sitzaufteilung helfen, soziale Momente zu gestalten. Instagram, September 2017

Die Ausrichtung des Sitzmobiliars könnte endlich alle Insassen zusammenbringen: damit Paare, Freunde, Mutter und Sohn sich direkt ansehen, nicht nur über den Innenrückspiegel. Denn bei aktuellen Gruppen-Selfies aus dem Auto fällt auf, dass Autositze die Insassen des Fahrzeugs eher voneinander trennen als sie einander näherzubringen.

In einem führerlosen Fahrzeug müssen wir nicht zwangsläufig unsere automobile Eigenwirksamkeit opfern. Das selbstfahrende Auto könnte zu einem Ort werden, an dem wir unsere Selbstwirksamkeit vielfältiger als zuvor erleben. So ist zu hoffen, dass die Gestaltung der Innenräume modischen Accessoires und Kleidung einen passablen Hintergrund bieten kann, die Fenster des Wagens den Blick auf die Landschaft verfeinern, das Sitzmobiliar vielfältige soziale Momente unter vertrauten Menschen fördert. Und für Zahlenliebhaber gäbe es neben der Kilometerzahl viele weitere Berechnungen, Statistiken und Bewertungen, die ihnen die eigene Fahrleistung quantitativ greifbar machen. So könnte das Auto Stück für Stück zu einem Ort werden, an dem wir unsere Vorstellung von Selbstwirksamkeit immer wieder neu überdenken.