© Nonfood

Esskultur

„Algen könnten die Erde nachhaltig ernähren“

Dieser dunkelgrüne Block sieht mehr nach Seife als nach Essen aus. Und sein Name spielt mit den Vorbehalten, die wohl viele Mainstream-Konsumenten haben, wenn sie an die Hauptzutat der Nonbar denken: Sie besteht zu 42% Algen. Das Food-Kollektiv Nonfood hat vor kurzem den Prototyp eines neuen Ernährungsriegels gelauncht und sprach mit uns über die Zukunft von Essen, Natur und Technologie.

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Das hier sind nicht die Gründer von Nonfood, dem Künstler- und Food-Kollektiv, das unsere Art zu snacken revolutionieren möchte (und visuell gerne unter dem Radar bleibt).

Sean Raspet designt künstliche Aromen und entwickelte Geschmacksrichtungen für den Nahrungsersatz Soylent. Er möchte „Kunstwerke erschaffen, die zugleich brauchbare Produkte sind“. Für sein Projekt „Nonfood“ tat er sich zusammen mit Kuratorin, Autorin und Medienforscherin Lucy Chinen, Brand Strategist Dennis Oliver Schroer und Lebensmittelingenieurin Mariliis Holm.

Ihr erstes Produkt, der Nonbar Algensnack, wurde Ende 2017 gelauncht und ist momentan nur in den USA verfügbar.

STURM und DRANG: Warum nennt ihr euch „Nonfood“? Algen werden doch schon seit Jahrtausenden gegessen und gelten als Superfood.

Nonfood: Es stimmt schon, dass Algen seit hunderten, wenn nicht tausenden Jahren konsumiert werden — Mikroalgen wie Spirulina in Mexiko und Makroalgen in der asiatischen Küche. Algen sind auch eine beliebte Nahrungsergänzung. Der Name Nonfood soll auf verspielte Art der westlichen Welt Algen als Hauptquelle von Protein und Nährstoffen nahebringen.

SuD: Der Künstler Sean Raspet, kreativer Kopf hinter der Nonbar, ist bekannt dafür, künstliche Nahrung wie den Mahlzeitenersatz Soylent zu promoten, dessen Geschmack er entwickelt hat. Auch für Gentechnik und Süßstoffe hat er sich in der Vergangenheit ausgesprochen. Was bedeutet das für die Nonbar? Ist das ein völlig künstliches Produkt oder geht ihr hier zurück zur Natur?

Nonfood: Nonbar enthält keinen Zucker. Die Lebensmittelindustrie hat uns abhängig von Zucker gemacht und diese Sucht wollen wir nach und nach abbauen. Und was Natur versus Technologie angeht: Der Anbau von Mikroalgen in einer kontrollierten Umgebung ist eine neue Technologie, mit der eine natürlich vorkommende und sehr nahrhafte Pflanze in großem Maßstab angebaut werden kann.

SuD: Warum sind Algen das Essen der Zukunft? 

Nonfood: Algen sind ökologisch extrem effizient. Im Vergleich zu jedem anderen Nahrungsmittel benötigen sie nur einen Bruchteil der Ressourcen. Im Wasser-, Land- und Energieverbrauch sind Algen 100 mal nachhaltiger als gewöhnliche Kulturpflanzen wie Mais und Soja und 1000 mal nachhaltiger als tierische Produkte. Sie wachsen extrem schnell und können auf Land kultiviert werden, das für anderen Anbau und Tiere ungeeignet ist. Wenn die Welt sich morgen auf eine algenbasierte Ernährung umstellen würde, könnten wir die globalen Treibhausgasemissionen um 30% reduzieren, den Wasserverbrauch 70% und den Landverbrauch um 40%.

Schon in den 1960er Jahren haben Raumfahrtbehörden in den USA, Europa und der Sowjetunion Algen als potentielle Nahrungs- und Sauerstofflieferanten für Weltraummissionen erforscht. 1974 hat die Weltgesundheitsorganisation erkärt, das eine Alge, nämlich Spirulina, das beste Nahrungsmittel für die Zukunft sei. Und letztes Jahr verkündete BIOMEX (Biology and Mars Experiment), dass Algen fast eineinhalb Jahre in den extremen Bedingungen des Weltraums überleben können. Algen haben also nicht nur das Potential für zukünftige Marsmissionen, sondern können auch die Erde nachhaltig ernähren.

SuD: Ist die Nonbar ein Snack für zwischendurch oder seht ihr sie als vollwertige Ersatzmahlzeit, wie den Soylent-Drink?

Nonfood: Die Nonbar ist ein funktionaler, nahrhafter Snack oder eine leichte Mahlzeit. Als Nahrungsersatz würde sie wohl nicht durchgehen, weil sie nicht die Menge an Kohlenhydraten enthält, die in der täglichen Lebensmittelpyramide empfohlen wird.

SuD: Plant ihr weitere Algen- oder „Nonfood“-Produkte?

Nonfood: Wir werden demnächst weitere Produkte auf Algenbasis launchen, die einzeln oder in Kombination mit anderen Nonfood-Produkten konsumiert werden können.

SuD: Wohin entwickelt sich unsere Esskultur in den nächsten zehn Jahren?

Nonfood: Da die Nahrungsmittelindustrie der größte Verursacher des Klimawandels ist, wird sie sich immer stärker auf nachhaltige Lösungen zubewegen. Globale Megatrends werden unsere fleischbasierte Ernährung in eine größtenteils pflanzenbasierte umwandeln. Zudem wird Fleisch aus der Petrischale die aktuelle Fleischindustrie zum Zusammenbrauch bringen. Ein weiterer interessanter Trend ist „Note-by-Note“. Hier werden Lebensmittel auf molekularer Ebene komponiert. In Kombination mit Personalisierung wird das unsere Esskultur revolutionieren.

SuD: Welche Entwicklungen im Lebensmittelbereich machen euch Angst?

Nonfood: Zuletzt der Hype um „Raw Water“, also ungefiltertes Quellwasser, in Kalifornien.