© Warren Wong

Trendletter

Auf zum Kampf – Beauty & Ästhetik 2017

Die globale Krisenstimmung wirkt sich bis in unsere Schönheitsideale und Körperbilder aus. Wie die Modewelt auf aggressive gesellschaftliche Töne reagiert und wie wir auch ästhetisch aufrüsten, zeigen die STURM und DRANG Beauty-Expertinnen im neuen Trendletter.

Als wir die ästhetischen Trends für diesen Newsletter diskutierten, erreichte uns die Nachricht vom Lastwagenattentat in Barcelona. Das vielleicht Verstörendste dabei ist, wie sehr wir uns schon an zweiwöchentliche Schreckensmeldungen gewöhnt haben. Im Sommer richtete unsere Heimatstadt Hamburg den G20-Gipfel aus und wir wurden Zeugen, wie friedlicher Protest innerhalb kürzester Zeit in Gewalt umschlug. Und nun der neueste Nachrichtenschock: eine rechtspopulistische Partei ist drittstärkste Kraft im Land.

Rezession, Einwanderungswellen, Terrorangst und Klimawandel haben zu starken wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Spannungen geführt. Doch hieraus erwächst nicht nur Unsicherheit und Populismus, sondern auch politischer Aktivismus und ein neues Gefühl für soziale Gerechtigkeit. Und die Lust, für die eigenen Überzeugungen zu kämpfen.

Dieses Intro mag Sie überraschen. Doch wir finden viele Hinweise darauf, dass Schönheit und Ästhetik politischer, körperlicher, aggressiver ausgelegt werden: Der neue Idealkörper ist nicht mehr Yogi-schlank, sondern muskelgemeißelt. Die Haute Couture übernimmt die Codes der traditionellen Arbeitskleidung und sogar des Militärs. Beauty- und Modemarken beziehen klare politische Stellung.

 Das neue Schönheitsideal spiegelt die Sehnsucht nach Stärke – aber vor allem die Angst vor Verletzlichkeit.

Phänomen #1: Politische Mode
Ultrakonservative und rechte Politik ist weltweit auf dem Vormarsch, doch Modemacher halten mit fortschrittlichen sozialen Werten dagegen. Über das hypervisuelle Medium Mode kommentieren sie gesellschaftliche Debatten und zeigen ihre Position zu Themen wie Feminismus, Migration oder Donald Trump. „Wir müssen kämpfen für all das, woran wir glauben“, sagt US-Designer Jeremy Scott.

© Prabal Gurung

Vom „politischen Erwachen der Mode“ war im Frühjahr in der „Washington Post“ die Rede; „Forbes“ kürte Politik zum „größten Trend der New York Fashion Week“. Das klingt, als hätten Donald Trump und Co. die Mode aus einem langen Dornröschenschlaf wachgerüttelt. Dabei hat das, was wir tragen, immer eine gesellschaftspolitische Dimension.

Phänomen #2: Der neue Aggro-Mann
Jedem Trend folgt ein Gegentrend. So haben sich in den letzten Jahren unsere Vorstellungen von Männlichkeit stark gewandelt. Männer wenden sich ab von rigiden Stereotypen (siehe Axe mit seiner Find Your Magic Kampagne.) Ein breites Geschlechterspektrum zieht in den Mainstream ein (wie Transgender-Star Ruby Rose in der Netflix-Serie Orange is the New Black).

Auf der anderen Seite drängeln sich neue männliche Prototypen und Idole ins Bild: großspurig, aggressiv und mitunter brutal, als müssten sie in einer soften genderfluiden Welt wieder ihren Platz zurückerobern. In der Mode sehen wir zurzeit eine hypermaskuline Ästhetik: Bei ASOS tragen ganzkörpertätowierte Models Mainstreammode, Jogginghosen verkaufen sich für €150 aufwärts. Moschino präsentiert Mode im Combat-Style und das Enfant Terrible der Modewelt Vêtements präsentiert russischen Streetstyle auf dem Laufsteg. Die Models dazu liefert die Moskauer Agentur Lumpen.

© Lumpen

Der Lumpenlook unterscheidet sich deutlich von dem etablierter Adressen wie IMG, Next oder Ford. Die Agenturchefin Avdotja Alexandrova zeigt Models abseits der Schönheitsnorm mit feisten Nasen, runden Gesichtern, eng stehenden Augen – untypische Züge, die man nicht auf einer Zahnpasta-Werbung sehen würde, aber auf Modenschauen von Kenzo und Balenciaga oder den gerade angesagten Labels Vetements und Gosha Rubchinskiy, mit denen Alexandrova arbeitet. Es sind Gesichter, bei denen man sich fragt: „Was hat der?“, „Warum die?“. Und genau darum geht es in einer Branche, deren Markt sich in den letzten Jahren beschleunigt, diversifiziert und vergrößert hat: Was fällt auf (zur Not auch unangenehm)? Was bleibt in Erinnerung?

Phänomen #3: Aufstieg der Arbeitskleidung
Auf der diesjährigen Documenta gab die serbische Künstlerin Irena Haiduk ergonomische Schuhe an die weiblichen Mitarbeiter der Ausstellungen in Kassel und Athen aus. Die Borosana Schuhe wurden in den 1960ern in der Borovo Gummifabrik im ehemaligen Jugoslawien produziert, von den Arbeiterinnen der Fabrik selbst getestet und für ein bequemes neunstündiges Arbeiten im Stehen entwickelt. Während des Kommunismus wurden die Borosana Schuhe zum Standardkleidungsstück im öffentlichen Sektor. In ihrer Arbeit belebt Haiduk die Maxime von gutem funktionalem Design im Dienste der berufstätigen Frauen von heute. Ihre „Army of Beautiful Women“ verwandelt die Stadt gleichzeitig in einen Laufsteg und ein Fließband. Die Bücher auf den Köpfen der Models symbolisieren eine geradlinige Haltung, Rückgrat und Geschick.

Eine andere Interpretation der Arbeiterkultur bietet das amerikanische Luxuskaufhaus Nordstrom mit der „Barracuda Straight Leg Jeans“ seines Denimlabels Prps’. Auf der Nordstrom Website wird die Hose als „Americana Workwear“ beworben, „die mit ihrem Schlammüberzug beweist, dass du keine Angst hast, dir die Hände schmutzig zu machen“. Die 425,-Dollar-Jeans (€360) waren sofort ausverkauft. Der abgenutzte Look ist mehr als eine Hommage an funktionale Berufskleidung: eine konstruierte Arbeiterfantasie, die von der wachsenden Faszination für Handwerk und körperliche Arbeit zeugt.

Irena Haiduk, Spinal Discipline, 2016–, Spazier-Performance, Neue Neue Galerie (Neue Hauptpost), Kassel, documenta 14, Foto: Mathias Völzke

Der Gründer von Prps, Donwan Harrell, hat zugegeben, dass sich sein Herstellungsprozess an den Jeans von echten Arbeitern anlehnt. Das wirft die Frage auf: Warum wollen Kunden, die 400 Dollar für eine Jeans ausgeben können, wie Bauarbeiter aussehen? Was wir tragen verrät weniger darüber, wer wir sind, sondern vielmehr darüber, wie wir wollen, dass uns andere wahrnehmen. Die Kleidung ermöglicht es, uns zwischen den Klassen zu bewegen, oder wenigstens so zu tun als ob.

Phänomen #4: Rachsüchtige Körper
Schon seit einer Weile gilt das Mantra ‘strong is the new skinny’Durchtrainierte, belastbare Körper haben das Size Zero-Ideal abgelöst. Das brachiale Fitnesstraining CrossFit wurde zum Trendsport, Social Media Fitnessgurus haben riesige Followerzahlen und Budokon Yoga verbindet kraftvolle Asanas mit asiatischem Kampfsport. Beim World Fitness Day in der Frankfurter Commerzbank Arena kamen gut 25.000 Menschen in ihrer Suche (und Sucht) nach einem starken Körper zusammen.

Nun gibt Khloé Kardashian dem Fitnesskult einen neuen Dreh mit ihrer Reality TV-Serie Revenge Body. Jede Episode stellt zwei Teilnehmer vor, denen mit Hilfe von Trainern, Ernährungsexperten und Stylisten ein Makeover verpasst wird. Am Ende sehen sie besser aus als je zuvor – um allen den Mittelfinger zu zeigen, die sie vorher schlecht behandelt haben: Ex-Partnern, Schulhofschlägern oder der eigenen Familie. Der Verwandlungsprozess wird in den sozialen Medien dokumentiert, auf dass die Übeltäter ihr schlechtes Benehmen realisieren und bedauern. Auf Kritik, dass ihre Show auf einem destruktiven Selbstbild und falscher Motivation fußt, entgegnet Khloé: „Revenge Body ist mehr als eine physische Transformation. Es geht um einen spirituellen und emotionalen Wandel. Das Körperliche ist ein Bonus!”

FAZ

Rache ist harte Arbeit

Der moderne Rachekörper ist in allerbester Verfassung. Er ist der prachtvolle, durchtrainierte, strahlende Beweis dafür, dass erst das Ende der Liebe den Weg zur Perfektion ebnet. Über soziale Netzwerke verbreitet, sollen die Bilder des schönen Körpers dem Abtrünnigen vor Augen führen, was ihm durch die Lappen geht. Sieh her! Sieh dies! Und das! Und erst die von Orangenhaut befreiten Oberschenkel. Die einst moppelige Khloe Kardashian, wie der gesamte Kardashian-Clan mit einem glücklichen Vermarktungshändchen gesegnet, hat aus der Trennungsbewältigung durch Körperoptimierung eine Reality-Show gemacht, und auf der Foto-Plattform Instagram präsentieren zahllose Verlassene ihre definierten Körper, in denen harte Arbeit steckt.

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