© Flickr Cajsa Lilliehook

Schönheitskultur

Beauty 3.0

Was „Schön sein“ heißt, wird neu verhandelt: Die Wandelbarkeit des digitalen Selbst und die Normalisierung der Schönheitschirurgie entwerten klassische Schönheitsideale zunehmend. Schönheit muss heute über das Ideal hinauswachsen – denn Ideal wird in Zeiten von Selfie-Retusche und Selbstdesign zum Durchschnitt. Schönheit, an die wir uns erinnern, wird künftig daher spielerischer werden und mitunter irritieren müssen, um eine erinnernswerte Geschichte zu erzählen.

Käme ein Zeitreisender aus der Vergangenheit in einen Bahnhofskiosk des Jahres 2016, er müsste angesichts der Titel gegenwärtiger Modeblätter überzeugt sein, Klonen sei zum Standardfall geworden. Jeder, der eine Frauenzeitschrift aufschlägt, weiß: Die perfekte Schönheit ist der neue Durchschnitt. „Photoshoppen“ ist ein gängiges Mittel, nicht mehr nur die Gesichter von Promis oder Models in der Moderedaktion zu frisieren, sondern in Form von Filtern heute in vielen Smartphone-Fotoprogrammen bereits voreingestellt. Ziel ist immer die ebenmäßige, jugendlich korrekte Proportion – das Idealbild. Dass das Mittelmaß die Basis aller Schönheit sei, konstatierte schon Immanuel Kant. Psychologische Studien belegten: Symmetrie, Kindchenschema und Jugend waren lange Zeit die Zutaten für ideale Schönheit. Während es aber früher ums „Schönmachen“ ging, um die Kraft zwischen zwischen Mann und Frau und das Reproduktionsgeschäft, so wendet sich der Blick längst auf das eigene Selbst. Die Individualisten der Gegenwart kümmern sich mehr und mehr um Selbstoptimierung und Körperdesign.

Schönheit ohne Wiedererkennungswert

Die Standards für optische Perfektion werden immer höher gesetzt. Optimiert von Grafikdesignern, Schönheitschirurgen oder gleich ganz künstlich, als Roboter-Lookalike oder Anime-Version des echten Menschen. Der schöne Mensch erzeugt sich selbst. Paradoxerweise schaffen die vielen digitalen und physischen Schönheitsassistenten damit allerdings ab, wozu sie verhelfen sollen: Die Besonderheit des Ebenmaßes. Ohne Makel, Eigenheiten und Störer fehlt Menschen der gedankliche Anker, der emotional involviert, überrascht oder stimuliert. Das belegen auch Befragungen: Ein durchschnittliches, symmetrisches Gesicht wird zwar von Probanden als attraktiv wahrgenommen, aber schnell wieder vergessen. Ein perfektes Gesicht ist schlicht nicht menschlich genug. So lange Falten, unregelmäßige Zähne, Flecken unvermeidlich waren, stach das Perfekte heraus. Wenn alle perfekt sind, ist das Ideal normal.

Eine Reihe von Signalen deuten mittlerweile darauf hin, dass sich Schön-sein derzeit in eine neue Richtung verändert. Schönheit bewegt sich vom gegebenen Schicksal zum Selbstdesign, vom Ideal zum Individuellen, vom Hübschen zum Bemerkenswerten. Drei Beispiele:

 

Future Beauty Trend #1: Bewegliche Identitäten

In der Netzwerkgesellschaft verschwimmen digitale und reale Welten. Unsere Identität wird vielfältig. In unserem Online- und Offline-Leben spielen wir mit multiplen Rollen, die sich immer der jeweils aktuellen Situation anpassen. Authentisch zu sein, bedeutet dabei, sich seine Identität aus verschiedenen Quellen wie in einem Kaleidoskop zusammenzustellen und damit zu spielen. Früher statische Kategorien – Rasse, Geschlecht oder Alter – verlieren an Bedeutung. Schon heute gibt es Supermodels aller Ethnien, Models, die 80 oder erst 10 Jahre alt sind und solche, die sich als „gender-fluid“ bezeichnen.

 

Future Beauty Trend #2: Recodierte Menschen

Schönheit wird zum Hacking des Physischen. Sie verbindet sich mit Technik im Selbstexperiment. Dafür müssen wir noch nicht mal Cyborgs werden: In der Quantified-Self-Bewegung kontrollieren wir unsere Körper mit Apple Watch, elektronischem Schmuck und tragbaren Membranen, Apps messen Kalorienverbrauch, Schrittzahl, die Intensität unseres Tiefschlafs und wie oft wir über den Tag gelacht haben. Es geht aber durchaus noch tiefer. Per Genanalyse soll Alterungsprozessen optimal entgegengewirkt werden, Iris-Implantate machen eine dauerhaft neue Augenfarbe möglich, ein tragbares Ganzkörperinterface virtuelle Welten physisch spürbar. Und das ist sicher erst der Anfang.

 

Future Beauty Trend #3: Die selbstkreierte Story

Tattoos tauchen in immer neuen Kontexten auf, im Sport, in der Mode, in der Politik. In einer digitalen Welt voller Bildschirme wird die Haut zur körperlichsten Projektions- und Erlebnisfläche, auf der wir unsere eigene Version von Schönheit inszenieren. So werden Models mit Pigmentstörungen zu Stars, die ihre Lebensgeschichte auf der Haut tragen. Tattoos erzählen nicht nur Geschichten und unterstreichen die Persönlichkeit ihrer Träger, sondern werden durch Technik sogar selbst lebendig. Elektronische Tattoos reagieren auf Berührung oder erwachen per Video Mapping zum Leben.