© Ruggero Lupo Mengoni

Körper & Gesundheit

Blutige Revolution

Fast vier Jahrzehnte sind schon vergangen, seit Gloria Steinems beißende Satire „Wenn Männer die Periode hätten“ der Öffentlichkeit bewusst machte, wie Frauen wegen ihrer Monatsblutung diskriminiert werden. Vier Jahrzehnte, während der auch kulturelle Revolutionen und weibliche Emanzipation nicht wirklich ändern konnten, dass Frauen weltweit wegen ihrer Gebärmutter stigmatisiert werden. Doch plötzlich kommt neue Bewegung in unseren Umgang mit der Menses. Mit technologischen Waffen und vor einem viel größeren Publikum, als es Steinem in der prädigitalen Ära je erreichen konnte.

Die Hälfte der Menschheit besteht aus Frauen. Und jede Frau auf der Welt blutet fast neun Jahre ihres Lebens. Seit dem ersten menschlichen Fortpflanzungszyklus ist diese biologische Tatsache so elementar fürs Überleben unserer Spezies wie Essen, Schlafen und Sex. Und trotzdem ist die Menstruation auch im dritten Jahrtausend  – während Frauen an der Spitze von Konzernen und Ländern stehen, Kriege führen und ins Weltall fliegen – noch immer ein Thema, das in der Öffentlichkeit weitgehend verschwiegen wird. Kommt es dann doch mal zur Sprache, dann in gedämpftem, konspirativem Ton, durchsetzt von albernen, bedrohlichen,  oder einfach nur verwirrenden Umschreibungen. Allein im amerikanischen Slang reichen die Euphemismen von „Crimson Tide“ über „the Curse“, „Shark Week“, „the Blob“, „Aunt Sally”, „Clam with Red Sauce”, „Red Roof Inn“ und „Red Dot Special“, bis zum hollywoodesken „Carrie at the Prom“ und „Miss Scarlett Has Returned to Tara“ (mein persönlicher Favorit). Mit grenzenloser Fantasie wird die Menses in banale Neutralität oder boshafte Anspielungen gehüllt. Weniger einfallsreich sind wir dabei, die Probleme anzugehen, die die Menstruation vielen Frauen auf der Welt bereitet: etwa die Bezahlbarkeit von Hygieneprodukten oder die Verfügbarkeit von Wasser.

© Ian Carvalho, Sybil Heinz

Warum wird den meisten Menschen beim Gedanken an Menstruationsblut so unwohl? Warum zeigen Werbekampagnen für weibliche Hygieneprodukte auch im dritten Millennium noch weißgekleidete, tänzelnde Frauen, die ekstatisch lächeln, während harmlose blaue Flüssigkeiten auf blütenweiße Damenbinden träufeln? Und vor allem: Warum besteuern viele Länder weibliche Hygieneprodukte als Luxusartikel, obwohl sie so elementar für die Gesundheit von Frauen sind wie Seife und Wasser?

Spiral Slo-mo von Künstlerin und “Menstrual Designer“ Jen Lewis. © Jen Lewis

Doch dann kam 2015, das Jahr, in dem die Periode zur öffentlichen Angelegenheit wurde.   Neue feministische Bewegungen wehrten sich gegen die Stigmatisierung der Menstruation. In den USA wandten sich Aktivisten und Ärzte mit Aufklärungsprogrammen zur weiblichen Hygiene an alle Generationen und Bildungsschichten und bewirkten politische Verbesserungen für einkommensschwache und obdachlose Frauen. In Entwicklungsländern, wo die Periode einer Frau oft noch mit einer Krankheit gleichgesetzt wird oder gar mit etwas Unsauberem, vor dem die Gesellschaft geschützt werden muss, begannen Menstruationsaktivisten gegen das Stigma der Menses zu kämpfen. Gleichzeitig schlugen globale Initiativen Lösungen für mangelnde Waschmöglichkeiten vor, die viele menstruierende Mädchen von der Schule fernhalten. Pilotprogramme in Afrika und Asien haben gezeigt, dass schon der Zugang zu wiederverwertbaren Menstruationstassen und Binden die Zahl der Mädchen, die der Schule wegen ihrer Regel fernbleiben, drastisch verringert und ihnen damit eine finanziell unabhängige Zukunft ermöglicht.

In diesem Jahr hat das Bekenntnis zur Periode noch mehr Fahrt aufgenommen und ist zu einem globalen Phänomen geworden. Blogs und Websites veröffentlichen Diskussionen, explizite Bilder, humorvolle Videos und sogar Kunst, die die Regel in ihrer ganzen blutigen Realität präsentieren. Von der Sportlerin, die während eines Marathons öffentlich blutete bis zu Fotoserien zum Thema Menstruation rufen die Schlagzeilen nach einem Ende des Tabus, das die Menses seit Jahrtausenden diffamiert hat. Und zum ersten Mal in der Geschichte der modernen Medien können sich junge Mädchen in humorvollen Videokampagnen über die erste Regelblutung informieren: mit realistischen, lustigen und ironischen Schilderungen auf ein Initiationsritual, das eigentlich von Stolz begleitet sein sollte.

Laut Time Magazine eine der besten Erfindungen 2015: saugfähige Unterwäsche von Thinx. © Thinx

Und nicht zuletzt bringt diese blutige Revolution Produkte hervor, die für Frauen auf der ganzen Welt Erleichterung bedeuten könnten. In einer Produktlandschaft, die sich in den letzten Jahrzehnten wenig geändert hat, sind schließlich schon einige wenige Neuheiten ein Hoffnungsschimmer.

Hoffen wir, dass die neuen saugfähigen Unterhosen,die unbequeme oder invasive Hygieneprodukte ersetzen können oder halluzinogen-freie medizinische Cannabis-Produkte, die bei Menstruationsbeschwerden helfen sollen, nur der Anfang in einer langen Reihe von innovativen Hilfsmitteln sind, die der Hälfte der Weltbevölkerung das Leben erleichtern.

Referenzen

Titelbild: © Ruggero Lupo Mengoni

Fotos:  © Ian Carvalho, Sybil Heinz, Jen Lewis, Thinx