© WeWork

Arbeitskultur

Büro im Himmel über Berlin

Wir denken viel über die Zukunft des Arbeitens nach, was aber ist eigentlich mit der Zukunft des Arbeitsplatzes? In unserer neuen Serie zur Start-up-Kultur erforschen wir, wie Jungunternehmen an hergebrachten Konventionen der Arbeit sägen. Folge 1 besucht Start-up-Räume: Setting und Inspirationsquelle für eine neue Arbeitskultur. Kultur, das kommt von „Kult“, dem was wir verehren. In den Arbeitstempeln von Offices, Inkubatoren und Hubs wandelt Hans Rusinek in Coworking-Spaces, deren Innenausstattung ebenso durchdesignt ist wie die Arbeitswege und erlebt Impro-Ästhetik mit Europaletten, Bierkästen und umfunktionierten Bettgestellen.

Mein erster Einsatzort: der Coworking-Space „WeWork“ im Sony Center am Potsdamer Platz in Berlin. „Für maximale Credibility“, wie uns ein Gründer versichert. WeWork ist ein Taubenschlag von jungen Unternehmen, selbst ein Start-up und nach der jüngsten Finanzierungsrunde mit üppigen 16 Milliarden Dollar bewertet. Kurze Einordnung? Das ist doppelt so viel wie die Deutsche Lufthansa (8.65 Mrd.) Nun kann man von Start-up-Bewertungen halten was man will, fest steht: WeWork gibt in Sachen Start-up-Kultur den Ton an. Wie sieht es also dort aus? Und wie fühlt sich das Arbeiten dort an?

Durchdesignt von der Tapete bis zur Toilette: WeWork im Sony Center Berlin. © WeWork

Pioniere der Arbeit

„Büro“, da denke ich an dezente Farben, nüchternes Mobiliar, graue Funktionalität. Vielleicht ein paar verlegene Ausbrüche ins Bunte in Form von Mitarbeiter-Collagen oder Erinnerungen an Jubiläumsveranstaltungen, in ihrer Krampfhaftigkeit genauso grau wie die restliche Optik. Was machen emporstrebende Jungunternehmen, die Firmen mit genau solchen Arbeitsplätzen ersetzen wollen? Müssen die jetzt auch seriös wirken? Ganz im Gegenteil: Bei WeWork ist Arbeit emotional aufgeladen, garniert mit einem Schuss Improvisation.

Beruf = Berufung. Daran erinnert WeWork seine Mieter mit Motivationsparolen. © WeWork

„Tun statt Ruhn“. Gleich beim Betreten des WeWork lese ich in übergroßen schwungvollen Buchstaben Sprüche an den Wänden. „Do what you love“. Es hat etwas Feierliches, so begrüßt zu werden. Mich beschleicht das Gefühl, dass hier an einer Mission gearbeitet wird. „Thank God it‘s Monday“. Und diese Mission ist irgendwie sehr persönlich: Es geht um Liebe und die Dankbarkeit für Arbeit. „Jetzt geht’s los“. Ein bisschen schmunzele ich auch beim Gedanken daran, dass das WeWork Office am Potsdamer Platz liegt. Also ziemlich genau auf der ehemaligen Mauer, die ein Gebiet abgrenzte, in dem Jungpioniere beim Fahnenappell gar nicht so unähnliche Sprüche schmetterten. „Wach auf, Pionier, steh auf Pionier, die helle Sonne lacht dir ins Gesicht.“ Daran erinnern mich die Losungen ein wenig. Andere mag es aber motivieren. Und vielleicht in ihnen einen anderen, neuen Pioniergeist wecken?

Palettenpodeste und Bierkastentische

Meine nächsten Einsatzorte: die Büros eines Social Start-up, eines Verlagshauses für 3D-Design und eines Anbieters von E-Mobilität. Die Aufbruchsstimmung von WeWork wird hier untermauert durch den Charme des Improvisierten. War der Coworking-Space durchgestylt wie ein Wohndesign-Blog, so herrscht jetzt der Low-Budget-Look einer Studenten-WG. Es türmen sich die Europaletten, Schreibtische ruhen auf Bierkästen (bevorzugt Augustiner!), darüber schweben bunte Post-it-Wolken.

Bei diesem Anbieter von Elektrorollern ruht das Büro auf Europaletten. © unu

Ist diese Ästhetik ist wirklich nur aus der Not geboren?  Nein, der improvisierte Raum erzählt mir eine Geschichte. Er sagt Dinge wie: „Wir wachsen so schnell, dass der Innenausstatter nicht mitkommt“, „Es geht um die Sache und nicht um Oberflächlichkeiten“ oder „Die Gegenwart interessiert uns nicht, weil wir die Zukunft erfinden“. Das Improvisierte ist auch Ausdruck einer Hoffnung, dass, wer auf Europaletten sitzt, gar nicht erst auf die Idee kommt, an konventionelle Geschäftsmodelle zu denken. „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten“ oder: „Always prototype!“ Ein starker Kontrast zu Konzernen, in denen die richtige Parkplatzlage oder das Büro am Ende des Flurs ein entscheidendes Statussymbol ist. Vielleicht ist es das, wovon sich Start-ups mit ihrer betont uneitlen Improvisation abgrenzen wollen. „Unternehmenspolitik verhindert den Fokus auf das Core Business“, glaubt ein junger Gründer.

Keine Zeit für Innenausstatter, hier zählt das Core Business. Start-up-Räume ohne Designschema. © Hans Rusinek

Treffpunkt Umweg

Zurück im WeWork muss ich den zwei Grundbedürfnissen des Arbeitsalltags nachgehen: dem Konsum von Kaffee und dem Gang auf die Toilette. Würde ich auf dem Grundriss des WeWork eine Linie einzeichnen, vom zentralen Konferenzraum zur Kaffeemaschine und vom „Konfi“ zur Toilette, dann wären dies die zwei längsten Strecken in jeweils entgegengesetzte Richtungen. Auf diesen langen Wegen laufe ich einem guten Dutzend von Jungunternehmern über den Weg, schaue in ein Dutzend transparente Büros (dazu gleich mehr) und habe dadurch jede Menge Gelegenheit, mich auszutauschen und inspirieren zu lassen. Die Wege werden zu Möglichkeitsräumen – und zu kleinen Spaziergängen. Zurufkommunikation statt Bürokratie. Anregende Bewegung statt Fließband-Effizienz.

Gläserne Büros

Vielleicht sind auch deswegen alle Büros vollverglast. Dort ein junges FinTech. Es möchte die großen Banken das Fürchten lehren. Ich bleibe stehen und sehe alles: Auf dem einen Whiteboard eine Umsatzprognose für die nächsten fünf Jahre. Auf Post-its werden Zielgruppen charakterisiert. Alles transparent, nichts Geheimnis. Ich bin sprachlos.

Zugleich sind die Büros sehr klein. Groß und gemütlich hingegen ist es davor in der Lounge-Area. Hier gibt es bequeme Sofas, stylische Coffeetable-Books, sogar einen Schaukelsessel, aber: keine Privatsphäre. Und: Dauerbeschallung. Was macht das mit mir? Halb zieht es mich, halb sinke ich aus den kleinen Glaskästen in die Lounge. Dort muss ich mich wieder austauschen und networken. Ruhe: Fehlanzeige. Die finde ich nur im Büro, doch in diesem Panoptikum sieht mich jeder.

Lange Wege sind System bei WeWork und jeder sieht jeden. © WeWork

Was so hinterlistig klingt, ist eigentlich ziemlich genial: Im Büro werden so schnell und konzentriert die Ideen abgeerntet, die in der Lounge im Austausch mit anderen gesät werden. Doch ein bisschen fühle ich mich wie ein Laborratte. Und der werden ständig Goodies hingehalten: Es gibt auf jeder Etage Zapfhähne für frisches Bier. Abends locken Networking-Events. Und im obersten Stock wird mir ausdrücklich die Toilette empfohlen: Die Designerkacheln glitzern, lauter Techno hämmert auf den Raum ein und ich schaue durch eine Wand aus Glas. Ich sitze auf diesem Thron aus Porzellan und habe einen Blick auf ganz Berlin. Dort ist der Bundestag, da das Brandenburger Tor, dahinten das Kanzleramt. Jetzt geht’s los!

Referenzen

Titelfoto: © WeWork

Fotos: © WeWork, unu, Hans Rusinek