© Svetlana Pochatun

Von Beauty und Ästhetik in der Gegenwart

Die Collage als Schönheitsideal

Nie verlief Wandel so schnell, herrschte so viel gesellschaftlicher Aufbruch. Unsere Identitäten befinden sich im Flux und reagieren auf die unterschiedlichsten Anforderungen und Rollen unseres Lebens. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit wirkt sich auch auf unsere Schönheitsideale aus. Im neuen Trendletter erzählt unsere STURM und DRANG-Beauty-Expertin Florine, wie unsere Transformationsgesellschaft das ästhetische Empfinden und den Ausdruck von Persönlichkeit verändert.

Stilmix oder Lebenskultur?

Vor Kurzem verabredete ich mich mit einer Freundin, die „einfach mal wieder tanzen“ gehen wollte. Beim gemeinsamen Vorbereiten im Bad sprüht sie sich ihr hell blondiertes Haar mit rosa Farbe ein und erklärt mir „Mir ist heute nach Rosa, morgen bin ich dann wieder blond“. Später auf der Tanzfläche: Eine Tänzerin mixt in ihrem Stil viele Jahrzehnte zusammen. Ihr Make-Up erinnert mit dunkel geschminkten Lippen an den Spicegirl-Style, die 90er finde ich auch in ihren zu Cornrows geflochtenen Haaren und den Drähten um den Hals wieder. Ihr Kleidungsstil dagegen nimmt mich mit in die 68er, ich denke bei der mit Pins und Buttons voller feministischer Statements geschmückten Jacke an Demonstrationen gegen Großkonzerne und für freie Liebe. Ist das nur ein Stilmix – oder schon ein Lebensgefühl?

Identitätsbildung in der Swipe-Kultur

Eine Expertin erzählt mir kürzlich im Interview zu einer Beauty-Trendstudie:

„Ich commite mich weder zu einem Job, einem festen Wohnsitz oder einem festen Partner – wieso sollte ich das dann mit meinem Gesicht oder meiner Haarfarbe tun?“

Es stimmt: Das digitale Zeitalter ermöglicht uns ein Leben im Flux – wir können unsere Identitäten wechseln und verändern, andere Seiten unserer Persönlichkeit in unterschiedlichen Momenten zeigen und verstecken. Soziale Medien und mobile Lebensweisen geben uns die Möglichkeit, unsere Selbstpräsentation maximal zu diversifizieren. Im Zeitalter der „Swipe-Kultur“ kann ich mich je nach Stimmung entscheiden, was gerade zu mir passt und was nicht. Bindungen und Beziehungsmuster haben sich geändert und unsere Aufmerksamkeitsspanne hat sich genauso verkürzt wie die Bindungsbereitschaft zu Menschen oder Einstellungen. Individuen verstehen sich als Projektionsfläche des Wandels, sie scheinen ihn regelrecht zu verkörpern: „Body as a canvas“ lässt sich als neue Form der individuellen Kulturreflexion verstehen.

Die Collage als Manifest der Transformation

Schönheit und Ästhetik unterliegen schon immer konstantem Wandel. Wenn eine ästhetische Praxis unsere gegenwärtigen Schönheitsideale und -techniken repräsentiert, dann ist es die Collage. Als Individualisten wollen wir vielleicht selbst Kuratoren und oder sogar Künstler unseres Lebens sein und betrachten unsere Identität und Einzigartigkeit als Kunstwerk oder Manifest unserer Selbst. Wie wir uns kleiden und schminken, ist Ausdruck eben dieser Vorstellung des Selbst. Wenn wir Stile mixen, schaffen wir eine Collage – man fotografiert, reißt weg, klebt zusammen, schafft neue Zusammenhänge und bricht mit alten Konnotationen. Das Collagieren des Selbst als Leinwand spiegelt als neues Schönheitsideal die Sehnsucht nach Transformation und Bewegung wider. Gleichzeitig hält es auch dazu an, Altes zu reformieren und neu zu denken.

Als Endergebnisentsteht eine Collage als individuelles Manifest der eigenen Persönlichkeit. Der Mix aus unterschiedlichsten Eindrücken, die man zu einem Erscheinungsbild verarbeitet dominiert aktuelle Beautycodes.

Wo findet man das Phänomen der Collage in aktuellen Beauty-Signalen?

Signal #1: Der interkulturelle Collagenmix

Kulturspezifische Codes werden ubiquitär und man beginnt, sich Beautyhacks aus den unterschiedlichsten Kulturen anzueignen – ohne unbedingt den kulturellen Kontext zu übernehmen. Man übernimmt die Ästhetik und die Vorteile, ohne die Holistik des Codes zu hinterfragen oder zu adaptieren. Henna-Tattoos bieten kurzfristige Schönheit, verwenden den Körper als Leinwand – und präsentieren die Träger als Kosmopoliten.

Signal #2: Proportionen bis zur Unkenntlichkeit verschieben

Manche Beauty-Anwendungen wie „freezable facemasks“ oder „face tightener“ lassen an Praktiken des Kubismus denken: Proportionen werden verändert, zerschnitten und so fast unkenntlich gemacht. Das Gesicht wird zur Leinwand der Transformation unserer Schönheitsvorstellungen, wir betonen und verstecken einzelne Aspekte oder erlangen sogar Anonymität.

Signal #3: Entfremden von Produktfunktionen

Bringen wir Alltagsgegenstände in neue Kontexte und nutzen sie als Fashion- oder Beauty-Accessoires, entfremden wir sie ihrer Ursprungsfunktion. So eignen sich die Nutzer Produkte gegen ihre intendierten, ihnen eingeschrieben Regeln an. Nichts anderes ist das Zerschneiden von Materialien und das Hineinkleben in eine Collage, nur dass es sich hier um ein Mixen zur eigenen Persönlichkeit handelt.

Signal #4: Das Gesicht als Medium

Wenn Nutzer in sozialen Medien Filter für ihre Portraits nutzen, die ihre Lippen größer und die Wimpern dichter erscheinen oder sie komplett zum Tier werden lassen, wird das Gesicht zur reinen Zutat in einer medialen Collage. Auf Instagram gibt es nun den Gegentrend: Mit „No filter without face“ erklärt Johanna Jaskowska das Gesicht selbst zum Hauptdarsteller. Für sie soll der Filter nur dem Nutzer dienen – und ihre Filter überziehen das eigene Gesicht mit einer dünnen, schimmernden Schicht. So wird das Gesicht zur Leinwand der eigenen Inszenierung.