© Jacob Mejicanos

SuD x Getty Images: Visual Trends

Authentizität des Alltäglichen

Weltweit schwindet das Vertrauen in die mediale Repräsentation der Wirklichkeit. Die Gesellschaft sehnt sich nach authentischer Realität und damit auch nach Bildern, die keine perfekte Unerreichbarkeit ausstrahlen, sondern die ungeschminkte Wahrheit zeigen. Perfekt retuschierte Bilder geraten in Verruf. Wir präsentieren einen der visuellen Trends 2018: Conceptual Realism.

Die Bildagentur Getty Images analysierte eine Milliarde Suchanfragen und 400 Millionen Downloadanfragen auf ihrer Website, um für das Jahr 2018 prägende Veränderungen in der Popkultur zu identifizieren. Conceptual Realism spiegelt sich in genau diesen Suchdaten wider: Die Bildersuche nach unexpected concept ist um 116% – die nach reality sogar um 176% gestiegen. Wie aber gelingt das ästhetische Zusammenspiel aus einem cleveren Konzept und der Realität?

Trend und Gegentrend

Trends erfolgen häufig nach dem Konzept des Gegentrends – irgendwann will niemand mehr eine bestimmte Ästhetik sehen, weil sie eben einfach schon zu häufig genutzt wurde oder inzwischen auf mehrere Lebensbereiche übergeschwappt ist. Es entwickelt sich ein Gegentrend – ein scheinbar subversiver Wandel des bestehenden Mainstreams. Die Besonderheit bei Conceptual Realism ist, dass dieser Trend nicht etwa nur eine Reaktion auf einen vorhergegangenen gegensätzlichen visuellen Trend ist – sondern viel mehr einen Gegentrend zur aktuellen politischen und medialen Situation darstellt. In Zeiten von Fake News und einer allgemein erhöhten gesellschaftlichen Skepsis steigt die Nachfrage nach Authentizität. Besonders Influencer müssen sich zweifellos schon länger mit dieser Nachfrage auseinandersetzen. Aber Authentizität scheint nicht mehr nur ein Modewort, dass die Bloggerwelt betrifft: Auch Konzerne setzen in ihrer Werbung auf eine realistische, aber dennoch konzeptionelle Ästhetik. Die Perfektion wird zum Klischee – die Realität zum neuen visuellen Trend. So hat die britische Marke Bodyform, die Hygieneprodukte herstellt, mit ihrer Kampagne Blood  Aufsehen erregt. Die Kampagne zeigt die Füße einer Ballerina, einen mit Spitzenschuh – den anderen ohne – und wird gerade dadurch gleichermaßen ehrlich und brutal. 

Banales und Relevantes

Die Spannung aus Banalität und Relevanz ist es, das diesen Trend besonders ausmacht. Alltägliche Szenarien und vertraute Objekte werden auf eine besondere Weise inszeniert. Es entsteht ein Bild, dass ebenso banal, wie absurd ist. Durch die konzeptionelle aber dennoch realistische Darstellung wird eine Spannung zwischen Banalem und Relevantem – Bekanntem und Unbekanntem – Abstraktem und Konkretem hergestellt.

Einige zeitgenössische Fotografen arbeiten mit genau diesem Anspruch. So zum Beispiel der New Yorker Ben Zank in seiner Fotoreihe Alter Ego, Cig Harvey in seinem Bildband Gardening at Night oder Prue Stent und Honey Long mit ihrer Arbeit Soft Tissue, die den weiblichen Körper, durch eine starke Fokussierung einzelner Details, fast abstrakt wirken lassen und so feminine Stereotypen aufbrechen wollen.  

Aber auch in Bewegtbildformat scheint dieser visuelle Trend zu funktionieren: Erst vor einigen Tagen veröffentlichte Libresse, eine internationale Marke für Damenhygieneprodukte, den Clip Viva La Vulva, indem unterschiedlichste und absolut banale Objekte, wie Geldbörsen, Muscheln oder Grapefruits als Symbole für das weibliche Geschlechtsteil inszeniert werden.

Unmögliche Wahrheiten

Durch perspektivische Spielereien kann aus Realität auch Illusion werden. Und gerade das ist es, was diesen visuellen Trend besonders spannend macht. Die Verflechtung der Realität mit konzeptionellen Ideen resultiert in Bildern, bei denen länger hingeschaut wird. Sie bleiben im Gedächtnis und der Betrachter versucht die Illusion zu enthüllen. Der Clue ist es, dass gerade das gelingt, da die Illusion eben nicht durch starke Bearbeitung oder Manipulation der Bilder erreicht wird, sondern durch die Perspektivierung und Komposition der gezeigten Objekte, Menschen und Szenerien.

Scholz & Friends schaffte genau das mit einer Kampagne für den Tagesspiegel. Ein Bild, das quasi nur das Produkt – also die Zeitung – inszeniert, dies aber auf eine solch raffinierte Art und Weise macht, dass dabei die Illusion eines Donald Trumps, mit extrem großen Mund entsteht. Die besagte Kampagne gewann 2017 sogar den goldenen Löwen in Cannes.

Die Kampagne von Scholz & Friends für den Tagesspiegel

Dieser visuelle Trend scheint in enger Verbindung mit einem Wandel des Schönheitsideals zu stehen. Die Gesellschaft sehnt sich nach unretuschierten Models, nach Ungeschminktheit, nach Realität. Conceptual Realism spielt mit dieser Nachfrage und es entsteht eine Ästhetik, die zeigt, dass Realität nicht langweilig sein muss, sondern dass es auf ein smartes Konzept ankommt.

Die konzeptionelle Darstellung von Alltäglichkeit innerhalb dieses Trends erinnert an Marcel Duchamps Readymades Anfang des 20. Jahrhunderts. Alltagsgegenstände werden gestaged und erhalten gerade dadurch Relevanz. Nicht das Objekt selbst, sondern das Zusammenspiel von Konzept und Realität steht im Vordergrund. Vielleicht erleben wir hier gerade ein Revival. Sicher ist jedenfalls, dass die Ehrlichkeit dieser Ästhetik erfrischend ist und den Betrachter durch brutale Realität überrascht und zum Schmunzeln bringen kann.