© Photo Sohel Parvez Haque

Cyberchonder auf dem Weg zur App-probation

Drei neue Apps zeigen Wege aus der Cyberchondrie auf, indem sie von diffuser Informationsflut geplagte Menschen und ihre Krankheitszeichen wieder mit Experten zusammenbringen.

Wir haben uns im Debut vor Kurzem der erstaunlichen Karriere von Dilettanten gewidmet. Fast scheint es, als gäbe es kein Gebiet, auf dem sich Laien nicht als die besseren Profis erproben wollten. Die traditionellen Experten geraten angesichts der Masse aufstrebender Amateure in Erklärungsnot, gerade auch wenn einschlägige TV-Casting-Formate suggerieren, dass es jeder auch ohne fachliche Ausbildung an die Spitze schaffen kann. Im Fall der Guttenberg-Dissertation meldeten sich die Experten allerdings mit aller Kraft zurück und zeigten die Grenzen des neuen Aufstrebertums auf, das sich mit lästigen Details wie Qualifikationsschriften und fundierter Ausbildung auf dem Weg nach oben nicht herumärgern will.

Die Beteiligung von Laien in den Bereichen Popmusik, Kochen, Styling wie auch in der Bereitstellung von (User generated) Content mag eine (wenn auch nicht immer) begrüßenswerte Abwechslung sein. Spätestens aber wenn es um medizinische Versorgung, Erziehung/Ausbildung des Nachwuchses oder das Steuern einer Boeing 747 zur Urlaubsdestination geht, sind die meisten Menschen dann doch ganz froh, wenn sie auf Experten treffen, die dazu zertifiziert sind, den Job erledigen zu können und sich nicht nur dazu berufen fühlen.

Dennoch zeigt sich auch im medizinischen Bereich (traditionell eine Experten-Zone) ein Trend zur Transparenz wenn es um den Zugang zu einschlägigem Fachwissen geht. In den USA etwa ist die Hürde des Arztbesuches dadurch, dass es kein flächendeckendes Gesundheitssystem gibt, deutlich höher als in Deutschland. Dementsprechend reagiert die Bevölkerung besonders kreativ im Entwickeln von Alternativen zum (teuren) Arztbesuch.

Die Konjunktur von Gesundheitsportalen wirkt sich dabei sehr zum Nachteil der Hypochonder aus, die sich, bevor sie den Gang zum Arzt antreten, im Netz als Brutstätte der „Cyberchondrie“ verrückt machen. Es gehört zur Symptomatik eben dieses Krankheitsbildes, das erworbene Fachwissen konsequent negativ auszulegen, so dass die Cyberchonder mit dem Suchbefehl „Kribbeln in den Fingern“ oder „Kopfschmerzen“ fast zwangsläufig bei den schlimmsten angenommenen, aber statistisch nicht sehr wahrscheinlichen Krankheitsbildern wie Multipler Sklerose bzw. Gehirntumoren landen.

Eine Reihe neuer Apps soll dieser Angstspirale vorbeugen, indem nicht einfach nur Information, sondern auch eine Verlinkung zum Profi bereitgestellt wird.

Mit der App HealthTap können User medizinische Fragen posten und Antworten von den 14000 teilnehmenden Ärzten crowdsourcen lassen. Die Ärzte bewerten ihre Antworten zudem gegenseitig, so dass mit diesem Validierungssystem ein wenig Ordnung ins Chaos an Informationen gebracht wird. Fragen, die das erste Mal auftreten werden an Spezialisten weitergeleitet – der User bekommt eine Benachrichtigung, sobald die ersten Antworten vorliegen. Zudem kann ein virtueller Arzttermin mit einem teilnehmenden Arzt für 10 Dollar gebucht werden.

Bei SymCAT handelt es sich um eine von zwei Medizinstudenten der Johns Hopkins Universität entwicklente App, die ausdrücklich keinen Arztbesuch ersetzen soll, aber dem statistikgetriebenen Hypochonder ein Stück weit Orientierung bei der (realistischen) Beurteilung seiner Symptome bieten dürfte. Dies geschieht mit Hilfe eines riesigen Datenkorpus, auf dessen Grundlage Korrelationen von Symptomen und Krankheiten errechnet werden. Der Algorithmus liefert dem User nach Abfrage bestimmter Parameter ein personalisiertes Gesundheitsprofil in Echtzeit.

Auch Ringadoc bemüht sich um einen unmittelbaren Zugang zu verlässlichen, medizinisch einwandfreien Informationen. Seiner Aufgabe als Navigator durch die Informationsflut kommt das Portal nach, indem es dem Patienten eine auch am Wochenende erreichbare medizinische Videokonferenz-Hotline für das Smartphone oder Tablet bereitstellt (ca. 40$ pro Anruf). Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein echter Arzt, der den Patienten berät, eine Ferndiagnose stellt und im Einklang mit us-amerikanischem Recht Medikamente verschreibt, wenn nötig. Überhaupt scheint mit diesem Service vor allem die US-Zielgruppe adressiert zu sein, die damit bürokratische Barrieren im Zusammenhang mit einem Face-to-Face-Arztbesuch umgehen kann. Die App funktioniert derzeitig als Beta-Version ausschließlich in Kalifornien.

Von Crowdsourcing über Big Data bis hin zu Always-On dürfte damit für jeden Hypochonder-Typus etwas dabei sein. Gute Besserung!

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