© Flickr Cory Doctorow

Das neue Helfersyndrom

Volunteering ist hip und leichter als je zuvor. Man muss nicht einmal mehr den Pyjama ausziehen, um die Welt per Klick ein Stückchen besser zu machen. Microvolunteering ist Ehrenamt im Kleinstformat und machte in den letzten Jahren Schlagzeilen und Hashtags. Im Zuge von Flüchtlingskrise und Willkommenskultur kommt die Renaissance des traditionellen Ehrenamts mit Selfie-Beweisfoto als neuem inszenatorischen Benefit.

2015 war das Jahr der Helfer. Nie war freiwillig anpacken so verbreitet. Was ist die Motivation hinter den verschiedenen Formen von freiwilligem Engagement, wie wir es in den vergangenen Monaten in Deutschland erlebt haben?

Der klassische freiwillige Helfer alter Schule spendete Zeit, Geld und körperlichen Einsatz, um weniger glückliche Mitwesen zu unterstützen. Er rackerte sich ab bei Feldarbeit und Ziegenmelken, baute Schulen und Spielplätze, schützte Schildkröteneier vor Wilderern und belieferte Bedürftige mit Essen auf Rädern. Mit ihm verbinden wir ein Bild von Opferbereitschaft, aber auch Abenteuer und exotische Länder, eine Auszeit vom Alltag.

Eine Weile lang sah es so aus, als gäbe es mit dem neuen Hashtag #microvolunteering eine Abkehr vom traditionellen Ehrenamt. Philantropie 2.0 bedeutete Weltverbessern ohne Blut, Schweiß und Tränen, bequem vom Sofa aus. Auf Websites wie Help from Home können Freiwillige „on demand“ helfen. Die Projekte erfordern meist minimales Zeitinvestment und lassen sich nach Aufwand oder Thema filtern. Weniger als 30 Sekunden, um eine Online-Petition zu unterzeichnen, ein paar Euro, um mit dem Handy eine gute Sache zu unterstützen, ein paar Stunden, um Schreibutensilien an eine Schule in Kenia zu schicken. Die meisten Projekte sind einmalig und erfordern wenig Commitment. Microvolunteers können sich aber durchaus auch längerfristig verpflichten, etwa indem sie Sprachstunden per Skype geben oder Kinder aus Indien oder Afrika aus der Ferne coachen.

Kampf-dem-Hunger-App

Selbst das World Food Programme der Vereinten Nationen bietet eine Microvolunteering-App: ShareTheMeal. Mit 40 Cent am Tag kann einem hungernden Kind einen Tag lang geholfen werden. Das Projekt wirbt damit, dank extrem niedriger Verwaltungskosten 90 Prozent der Spenden direkt im Kampf gegen den Hunger einsetzen zu können.

Essen auf Funkwellen: Microvolunteering ist schnelle Hilfe per Klick. © ShareTheMeal.org

Der Appeal dieser Art von Freiwilligenarbeit ist offensichtlich. Wer helfen möchte, kann dies innerhalb von Minuten von überall auf der Welt tun, Internetverbindung vorausgesetzt. Auf den verschiedenen Microvolunteering-Plattformen tauschen sich Helfer eifrig aus, taggen, kommentieren und liken Projekte.

Microvolunteering befriedigt das Hilfsbedürfnis sofort. Und es ist inklusiv: Auch solche Menschen können Microvolunteers werden, denen traditionelles Ehrenamt nicht möglich ist. Weil sie nicht die Zeit haben, neben Job und Familie in der Suppenküche auszuhelfen. Weil sie nicht die finanziellen Mittel haben, in ferne Länder zu reisen. Weil sie körperlich nicht in der Lage sind, Spielplätze zu bauen.

Anders als klassisches Volunteering ist Microvolunteering allerdings nicht immersiv. Selten findet ein Dialog mit den Menschen statt, denen der Freiwillige hilft. Der Microvolunteer ist Teil einer Bewegung, ohne sich groß zu verpflichten, ohne sich körperlich anzustrengen oder emotional auszusetzen. Böse Zungen könnten sagen, Microvolunteering verkörpert auf typische Weise die Tendenz des Internets, ehemals hart erworbene Titel jedem zugänglich zu machen, unabhängig von Fleiß und Können. Der Microvolunteer erwirbt sich den Titel des Ehrenamtlichen so einfach, wie sich jeder Hobbyknipser auf Flickr Fotograf nennen darf, jedermann per Blog zum Autoren oder dank Adobe Creative Cloud zum Designer wird.

Eine neue Form von Benefit

Doch obwohl Helfen nie einfacher war als per App, erlebte Deutschland im letzten Jahr eine wahre Massenbewegung sozialen Engagements, bei dem durchaus tatkräftig angepackt wurde. Freiwillige versorgten Flüchtlinge am Bahnhof mit Essen und Trinken, sortierten mit ihren Kindern Spielzeug aus, kauften in der Drogerie ein paar Tuben Zahnpasta oder Flaschen Haarshampoo extra für die Spendenbox. Statt ins Kino ging es freitagabends zum Sortieren in die Kleiderkammer. Ehrenamtler brachten Flüchtlingen Deutsch bei, halfen bei Behördengängen, zeigten den Neuankömmlingen ihre Stadt. Engagement für Flüchtlinge war zur Bürgerpflicht geworden, trotz Kontroversen über Flüchtlingsobergrenzen, Massenunterkünfte und Integration. Und durch eine schnelle Professionalisierung der Flüchtlingshilfe wurde das Engagement schnell für fast jeden so machbar wie das einfache Helfen im Internet.

In der aktuellen Flüchtlingskrise wird mit angepackt – und später online darüber berichtet. © Rene Dana via Flickr

Aber auch die handfeste Freiwilligenarbeit in der Flüchtlingskrise findet zu großen Teilen online statt. Geholfen wird vor Ort, doch sichtbar wird der Volunteer im Internet. Auf dem Selfie-Foto beim Klamotten-Sortieren, in der Facebook-Gruppe, in der er über seine Deutsch-als-Fremdsprachenstunde berichtet. Hier wird sein Engagement von vielen wahrgenommen, geliked, geteilt. Und so neue Helfer, die sich davon inspirieren lassen, gewonnen. Online- und Offline-Hilfe sind längst miteinander verknüpft. Philantropie 3.0.

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