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Mobilitätskultur

Das Sammeltaxi von morgen

Umwelt schützen und trotzdem hin und wieder auf ein Auto zurückgreifen können, das hört sich für viele Stadtmenschen gut an. Und so ist es kein Wunder, dass immer mehr Carsharing-Anbieter aus dem Boden sprießen. Neben alten Bekannten wie Car2Go, DriveNow oder Flinkster, die auf den Individualverkehr ausgerichtet sind, kommen nun „Ridepooling-Services“ dazu. Einer davon ist MOIA, ein Unternehmen des Volkswagen-Konzerns. Katharina Goethe hat die soziale Bewegung im Taxi getestet.

Wo wohnen Sie? Was ist Ihr Beruf? Haben Sie einen eigenen PKW? Das sind Angaben, die ich schon bei der Bewerbung zur MOIA Testfahrerin machen muss. Ich habe kein Auto und wohne innerhalb des Testgebietes, einige Stadtrandlagen sind bislang noch nicht abgedeckt. Beim Runterladen der App muss ich zustimmen, dass MOIA auf alle möglichen Daten meines Telefons zugreifen darf. Ich schlucke – und erteile die Erlaubnis. Ein Fahrer verrät mir später, dass dies schon viele Menschen abgehalten hätte sich als Testfahrer zu bewerben.

Die Bedienung der App ist dann sehr einfach. Direkt vor Fahrtantritt gebe ich meine gewünschte Start- und Zieladresse sowie die Anzahl der mitfahrenden Personen an. Die App berechnet, welche der 20 Autos gerade eine ähnliche Strecke fahren. Startschwierigkeiten gibt es trotzdem: Beim ersten Versuch bekomme ich kein Auto – zu hohes Passagieraufkommen.

Samstagnachmittags ist also keine gute Zeit zum Fahren, diese Erfahrung mache ich in den kommenden Wochen noch ein paarmal. Beim nächsten Versuch, ich will zum Bahnhof, bietet mir MOIA eine Fahrt mit Start in 9 Minuten an, für die Fahrt selbst werden noch einmal 10 bis 15 Minuten veranschlagt. Ich verzichte, ich wohne dicht zur nächsten Stadtbahnhaltestelle, es sind drei Stationen bis zum Bahnhof, für den Weg von „Tür zu Tür“ brauche ich mit den Öffentlichen insgesamt 10 Minuten.

An einem Montagvormittag funktioniert es besser. Mein Ziel ist weiter entfernt, ich müsste mit der Stadtbahn umsteigen: Platz bei MOIA gebucht, 100 Meter zur „virtuellen Haltestelle“ gelaufen (laut MOIA und eigener Erfahrungen sind es nie mehr als 250 Meter), auf der App verfolgt wo sich „mein MOIA“ gerade befindet und schon biegt es um die Ecke. Die nächste Überraschung: Das vielbeworbene Elektroauto ist ein Benziner.

Der Prototyp des goldenen E-Sammeltaxis – in der Testphase fahren noch graue Benziner durch Hannover. © MOIA

Freundliche Begrüßung des Fahrers, er fragt, ob ich Katharina sei, und ich setze mich auf einen der vier Einzelplätze im hinteren Teil des Kleinbusses. Alle sind von der Tür erreichbar, ohne dass man sich über andere potenzielle Mitfahrer hinüberquetschen müsste. Ein fünfter Platz ist der Beifahrersitz.

Während der Fahrt unterhalte ich mich mit dem Fahrer. In der Testphase gehe es erst einmal darum, das Zusammenspiel der App mit den Autos zu testen, dann, beim Launch in Hamburg Mitte des Jahres, werde es wirklich die E-Busse geben. Auf einem Monitor kann ich mitverfolgen, was die nächste Station ist – da ich die gesamte Fahrt der einzige Gast bleibe, ist es meine Zieladresse. Steigen bei meinen folgenden Fahrten andere Gäste ein, kann ich deren Vornamen, Start- und Zieladressen ablesen.

Zum Schluss zeigt mir die App den Preis an (30 Cent für rund 5 Kilometer) und ich darf ich einen Daumen hoch oder runter geben, samt Kommentar. 6 Cent pro Kilometer und Person für eine quasi individuelle Taxifahrt, unschlagbar – ist aber leider nur der Preis in der Testphase. Später strebt MOIA laut Eigenauskunft einen Preis an, der sich zwischen Taxi und ÖPNV bewegt.

In dieser Art gingen meine MOIA-Testfahrten weiter. Bei bisher 10 Fahrten war ich 8 mal alleiniger Gast. Einmal saß „Manfred“ schon im Auto und roch so stark nach Alkohol, dass ich froh war, als ich wieder aussteigen konnte. Einmal stieg „Gabriele“ zu, die wir kurz suchen mussten, da sie 100 Meter vom Treffpunkt entfernt wartete. Für solche Fälle sei es später angedacht, dass man in der App ein Foto von sich hochlädt, erzählt der Fahrer, damit er gezielter Ausschau halten kann. Muss man das, frage ich. Das scheint alles noch nicht entschieden zu sein.

Familienfreundlich? Leider bucht der Algorithmus noch keine Kindersitze. © MOIA

Gern hätte ich MOIA mit meinen Kindern getestet, doch es erschien mir wenig praktikabel. Einer der Plätze lässt sich zum Kindersitz umbauen, für weitere Kinder müsste man einen eigenen Kindersitz mitbringen. Statt beim Einkauf mit zwei Kindern noch einen Autokindersitz mit mir herumzutragen, fuhr ich dann doch lieber Stadtbahn. Auch ist bei Buchung mit der App nicht ersichtlich, ob der umbaubare Platz noch nicht von einem anderen Kind in Anspruch genommen wird.

Gepäck ist etwas einfacher mitzunehmen: Offiziell darf man zwar nur ein Handgepäcksstück sowie eine weitere kleine Tasche einpacken. Hätte ich aber mal mehr Gepäck, sollte ich einfach einen Platz dazu buchen, gibt mir der Fahrer als Tipp.

Für Geschäftsreisende und schwer Bepackte ist gesorgt. © MOIA

Nicht erschlossen hat sich mir, worin das „Social Movement“ besteht, das MOIA zu seinem Motto gemacht hat. Mit „Manfred“ strebte ich keine Unterhaltung an, zwei Minuten nachdem „Gabriele“ zu uns gestoßen war, hatte ich mein Ziel erreicht. Unterhalten haben wir uns nicht. Vielleicht liegt es an den Zeiten zu denen ich unterwegs bin, denn die Fahrer berichten durchaus, dass die Autos zu den Hauptverkehrszeiten ausgelastet seien, und ja, dass sich die Gäste auch manchmal unterhalten würden. Social Movement? Oder ist damit vielmehr gemeint, dass mit MOIA Menschen mobil werden, die sich kein eigenes Auto leisten können? CEO Ole Harms sagt im Werbevideo auf der MOIA Website: „We really want to offer mobility in a new way, in a democratic way, so that it should be there for everybody.“ Zurzeit benötigt man allerdings zum Anmelden zumindest eine Kreditkarte. Auf meine Frage an einen Fahrer, ob denn nach Abschluss der Testphase alle Interessierten freigeschaltet würden, antwortet dieser zögerlich, dass MOIA eher an der „oberen Mittelschicht“ interessiert sei – anhand welcher Indikatoren dann auch immer die Auswahl erfolgen soll.

Für die Zukunft hat MOIA jedenfalls große Pläne: Ab Mitte 2018 sollen zunächst in Hamburg rund 200 der Elektroautos fahren, die im Dezember bei der TechCrunch Disrupt vorgestellt wurden. Früher oder später werden sich die Fahrer wohl einen anderen Job suchen müssen – MOIA setzt ganz klar aufs selbstfahrende Auto, wohl auch aus Kostengründen.

Ob sich das Ridepooling auch außerhalb von Millionenstädten lohnt, wird der Test in Hannover zeigen. Am meisten Sinn – aus Nutzersicht – macht MOIA sicher in kleineren Städten und am Stadtrand, wo es mit Nahverkehr dünn aussieht. Doch ist das auch rentabel? „Wer die Stadt rettet, rettet die Welt“, proklamiert die MOIA Website. Doch dafür müsste Ridepooling wirklich den Individualverkehr reduzieren, und nicht dem ÖPNV die Kundschaft abgraben. Wünschenswert wäre es.