© Photo Reinhard Hunger

Ess- & Trinkkultur

Die Fantasie isst mit

Ein gemeinsames und ausgedehntes Mahl war schon immer der perfekte Rahmen für Geschichten. Steinzeit-Papa gegen das Mammut, Klatsch und Tratsch aus Dorf und Büro, familiäre Legenden und Abgründe beim Festtagsessen. Dass sich Essen und Geschichten gut vertragen, hat auch die Food-Industrie längst begriffen. Wir sind so hungrig nach guten Geschichten wie nach gutem Essen. Und wenn das Essen Geschichten erzählt und Sehnsüchte weckt, verkauft es sich besonders gut. Drei Beispiele für besonders fantasievolle Food Stories.

Curries von echten Seemännern

So riecht Abenteuer: nach brennendem Chili, aromatischem Ingwer, gerösteten Kernen und lieblich-tropischem Kokos. Randi Köster verkauft ihre handgemachten Captain’s Curries in kleiner Auflage in ihrem Berliner Delikatessengeschäft Proviant. Meeresgetier wie Riesenkraken und Quallen zieren die Gewürzdosen. Ein Gruß an Kapitän Nemo? Dabei sind die Geschichten, die jede der vier Würzmischungen begleiten, genauso spannend – und wirklich wahr.

So erzählt es jedenfalls Randi Kösters Vater, der in den 1960ern als Matrose und Kapitän auf Handelsschiffen des Norddeutschen Lloyd um die Welt fuhr. Seine Schiffe sind inzwischen abgewrackt und geben nun den Curries Namen und Gesicht, rekonstruiert aus alten Fotos und Konstruktionszeichnungen. In Bremen-Nord machte sich Randi Köster auf die Suche nach den alten Smutjes der Schiffe.

„Eigentlich wollte ich nur ihre Rezepte rekonstruieren. Von meinem Vater wusste ich, dass es früher regelrechte Wettbewerbe unter den Smutjes gab, wer das schärfste Curry kocht.“ Die Smutjes verrieten ihre Kombüsengeheimnisse bereitwillig. Doch Randi Köster merkte schnell: „Wichtig ist nicht nur, was im Curry drin ist, sondern auch weshalb.“ Denn die Zutaten waren abhängig von der Schiffsroute.

Curries von echten Seemännern: Captain´s Curry. © Elin Goethe 

Seit Generationen Teil der „Bremer-Norder-Seemanns-Mischpoke“: Randi Köster in ihrem Deli „Proviant“. © Elin Goethe 

„Heutzutage wird der komplette Proviant mitgenommen, aber in den Sechzigern gab es nur Vorräte bis zum ersten Hafen. Dort kaufte man dann ein, was es vor Ort gab. Die Frischekammern wurden verplombt, damit nichts eingeschleppt werden konnte.“ So ist jedes Curryrezept geboren aus den Umständen der Reise. „Das Spannendste an meiner Recherche waren die Reisegeschichten, die jedes Rezept begleiteten. Alle überboten sich mit Anekdoten. Ich hatte solche Seemannskoteletts am Ohr!“

In Neuseeland hatte die „Weserstein“ Wolle geladen. Vier Wochen lang gab es an Bord nur Hammel und Aal. Den hatten die neuseeländischen Austernfischer als Beifang und wussten damit nichts anzufangen. Der Bremer Smutje freute sich über den günstigen Fisch und kreierte ein kräftiges Curry, das hervorragend zu Aal und Hammel passt. „Eine Weile ging das gut, aber immer nur Aal und Hammel und überall quoll die Wolle raus – die Männer konnten erst mal keine Schafe mehr sehen!“

Das Curry „Reifenstein“ entstand auf der Fahrt durch Mittelmeer, Suez-Kanal und Indischen Ozean. Fernöstliche Aromen wie Galgant, Koriander und Zimt treffen auf mediterrane Pinienkerne. Auf dem Heimweg erhielt der Kapitän die Nachricht, dass die Route durchs Rote Meer gesperrt war – der Sechstagekrieg hatte begonnen.

Doch trotz der abenteuerlichen Geschichten glaubt Randi Köster: „Wichtig ist doch vor allem, dass es auch schmeckt!“

Kochen wie im Märchen

Was hatte Rotkäppchen eigentlich noch so im Picknickkorb außer Kuchen und Wein? Autor und Foodblogger Stevan Paul verrät es uns in seinem neuen Kochbuch: Lauchmuffins, Schinkenstullen, Hühnersuppe und Beerenlimonade! Dass da im Wolfsmagen noch Platz für eine ganze Großmutter blieb… In Heute koch ich, morgen brat ich. Märchenhafte Rezepte erzählt Stevan Paul die Grimm-Klassiker leicht modernisiert und ausgeschmückt mit kulinarischen Details. Damit wir die Märchen nicht nur hören, sondern auch schmecken können, liefert er die passenden Rezepte gleich dazu.

„In den Märchen der Grimms hat das Essen überwiegend funktionalen Charakter“, schreibt Stevan Paul in der Einleitung. „Schneewittchen wird mit einem rotbackigen Apfel verführt, mit Brotkrumen versuchen Hänsel und Gretel den Weg zurück nach Hause zu finden, Kuchen und Wein sollen Rotkäppchens Großmutter gesunden lassen, und Aschenputtel erfährt echtes Mobbing durch eine Handvoll Linsen.“ Doch zum guten Ende eines Märchens lassen es die Überlebenden gerne krachen, dass sich die Tische biegen. „Was da genau gekocht, gebacken und serviert wurde, im Räuberhaus der Bremer Stadtmusikanten, im märchenhaften Hochzeitsschloss oder dem verwunschenen Hexenhäuschen, darüber schweigen die Grimms.“

Ein echter Traumprinz macht aus der Dornenhecke einfach diesen Spargelsalat mit Rosen

Hier springt Stevan Paul ein. Und seine Gerichte aus alten Gemüsesorten, Kräutern, Pilzen und regionalen Zutaten, stimmungsvoll bebildert mit Fotos von Daniela Haug, überzeugen uns: Aschenputtel lebte wohl in Norddeutschland. Ihr widmet Stevan Paul ein Rezept für die Traditionssuppe Schnüsch mit frischem Gartengemüse sowie weitere schlichte Gerichte – mit und ohne Linsen. Für die rosa Prinzessinnenwelt von Dornröschens Schloss tafelt er elegante Hingucker für Gäste auf: Himbeer-Cupcakes, Rosenlikör und Prinzregententorte. Bei den Bremer Stadtmusikanten gibt es Krabbenbrot mit Rührei und Speck, Rumpelstilzchen kocht auf Feuer und die Hexe natürlich im Backofen. Gerne auch vegetarisch übrigens, wenn sich gerade mal kein Kind am Knusperhäuschen festgebissen hat!

Stillleben verkaufen auch Non-Food

Was haben Eier mit Luxusuhren gemein? Vielleicht die schlicht-elegante Form? Soll das Ei als Symbol der Unendlichkeit andeuten, dass das Produkt unverwüstlich ist? Beim Blättern durch den Bildband The Still Life in Product Presentation and Editorial Design vom Gestalten Verlag fällt auf: Kunstvoll arrangierte Lebensmittel machen nicht nur das Essen schmackhaft, sondern auch Schmuck, Autos oder Schuhe.

Das Genre Stillleben feiert ein Comeback: in der Kunst, in Magazinen, in Instagram Feeds. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Kunstform und reiner Produktpräsentation. Klassische Stilllebenmotive wie erlegtes Wild oder Obstschalen werden heute neben Modeaccessoires und Luxusgegenständen präsentiert, Bühnenbild, Skulptur und Fotografie wild mit dem Verkaufen gemixt.

Schon im Barock funktionierte die Nature Morte als visueller Geschichtenerzähler. Lebensechte, aber leblose alltägliche Gegenstände wie Essen, Blumen, Tiere oder Rauchutensilien übermittelten verschlüsselte Botschaften und Allegorien von Moral, Überfluss, Endlichkeit und Überlebenskampf.

Auch im aktuellen Still Life erheben die Künstler scheinbar banale Lebensmittel wie Eier oder Obst gern zum Protagonisten. Sie sind der Food Porn-Star in überästhetisierten Bankettszenen, dienen als schmückende oder erzählende Accessoires für Mode-Fotografie, setzen Kontraste zu Luxusgütern oder erzählen als verfaulendes Obst, ganz im Stil der barocken Vanitas-Malerei, von der Vergänglichkeit.

Doch während die holländischen Meister in ihren Gemälden Konsumkritik übten und mit Totenschädeln und welken Blumen vor dem Ende mahnten, scheinen die neuen Vanitas-Fotografien eher augenzwinkernd zu mehr Lebenslust aufzurufen.

© Peter Langer Stillleben in der Produktpräsentation

© Joss Mc Kinley Mehr Carpe diem als Memento mori: Schmuck auf druckstelligen Birnen, samt Juwelenfliege

Fotos von toten Hasen und Rebhühnern auf dem Tisch hätten vor ein paar Jahren vielleicht noch für leichten Ekel gesorgt. Doch mit der aktuellen Maker-Bewegung, also der Sehnsucht nach dem Selbermachen, nimmt auch das Interesse an eigener Wurstproduktion und Jagd zu. Auch wer selbst kein Tier erschießen oder schlachten möchte, kann sich beim Anblick der unblutigen Beute romantische Waldszenen vorstellen, fühlt den Wind um die Nase, als wäre er selbst auf Treibjagd im schottischen Hochmoor.

„Die florierende Food-Industrie bringt das flämische Festmahl zurück auf den Tisch“, heißt es in The Still Life. „Ähnlich wie die holländischen Gemälde des 18. Jahrhunderts, stellen die Stillleben von heute Überfluss zur Schau. Vielleicht feiern sie den Konsum. Doch vor allem die Fantasie.“

In diesem Sinne wünscht die Autorin: einen lebhaften Appetit!

Referenzen

Titelfoto © Christoph Himmel (Design), Reinhard Hunger (Fotografie) aus The Still Life, Copyright Gestalten 2015

Fotos © Elin Goethe (Captain’s Curries), Daniela Haug aus Heute koch ich, morgen brat ich, Hölker Verlag 2015, Chanel-Uhr: Winnie Placzko (Design), Peter Langer (Fotografie) aus The Still Life, Copyright Gestalten 2015, Birnen mit Schmuck: Victoria Bain (Design), Joss McKinley (Fotografie) aus The Still Life, Copyright Gestalten 2015