© Michael Tyka

Changing Cultures

Die Intelligenzexplosion

Künstliche Intelligenz, das klingt nach düsteren Science Fiction-Filmen wie 2001, Blade Runner oder AI. Oder nach erotischen Fantasien von der perfekten Partnerin, die man zur Not auch mal ausstellen kann wie in Her oder Ex Machina. In Wirklichkeit hat Siri zwar ein paar schlagfertige Antworten parat auf die Frage „Liebst du mich?“, doch die Kognifizierung unseres Alltags ist auf den ersten Blick viel unspektakulärer. Im Internet der Dinge schickt der Kühlschrank die Einkaufsliste aufs Handy (und bestellt wohl demnächst die fehlenden Vorräte gleich selbst). Saugroboter und Waschmaschine erledigen die Hausarbeit, wenn wir noch unterwegs sind. Smart Home-Apps steuern Türschloss, Heizung und Rollos und sparen Energiekosten ein. Über die Cloud lernen unsere Alltagsgegenstände von- und miteinander und werden so immer nützlicher. Und wir können mit ihnen kommunizieren, ohne technisch besonders versiert zu sein. Mit diesen praktischen Alltagshelfern, die „mitdenken“, entsteht eine ganz neue Beziehung zwischen uns und den Maschinen. Und während die Maschinen immer menschlicher werden, fragen wir uns, was in Zukunft wohl das einzigartig Menschliche sein wird.

Mein künstlicher Bankberater

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„Leider habe ich Ihre Eingabe nicht verstanden.“ Sprachcomputer am Telefon waren lange eine extrem nervige Angelegenheit. Doch die großen Tech-Unternehmen investieren massiv in ihre Varianten des persönlichen elektronischen Assistenten und demnächst könnten wir mit künstlichen Callcentern sprechen, die tatsächlich verstehen, was wir meinen. In Südkorea heißt der Bankberater ab 2017 Watson. IBMs kognitives Computersystem nutzt Sprachverarbeitung und maschinelles Lernen, um aus gewaltigen unstrukturierten Datenmengen individuelle Lösungen für jeden Kunden zu finden. Eingearbeitet wird Watson als stiller Zuhörer, der Informationen für die menschlichen Kundenberater zusammenstellt. Später soll er als direkter Ansprechpartner Bankkunden telefonisch beraten.

Bot-Gespräche

© Screenshot von Twitter

Chatbots sind die neuen Markenbotschafter. Wir verbringen viel mehr Zeit mit Messaging als in den sozialen Netzwerken. Und dabei unterhalten wir uns immer öfter mit Maschinen. Chatbots nehmen Bestellungen auf, beraten uns in Finanz- und Beauty-Fragen, machen Angebote und zeigen mitunter echte Entertainerqualitäten. Auch zweifelhafte, wie Microsofts Twitter-Bot Tay, der in weniger als 24 Stunden von „Humans are supercool“-Frohnatur zum rassistischen und frauenfeindlichen Hater korrumpiert wurde. Das stellt uns vor neue kommunikative Herausforderungen. Nach welchen Regeln sollen Bots mit Kunden reden? Welche Beziehungen wünschen sich Menschen mit ihnen – und welche lieber nicht? Ted Livingston, Gründer des Messengers Kik jedenfalls glaubt: „Chat-Apps werden die neuen Browser, Bots die neuen Websites.“

Moderne Zentauren

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Die besten Schachspieler der Welt sollen sogenannte „Centaur Chess Players“ sein: Mensch-Maschine-Teams, die das Beste aus beiden Welten vereinen. Der Mensch steuert Kreativität, Überraschungsmoment und spielerisches Talent bei, der Computer berechnet Kombinationen und sagt Spielzüge vorher, gespeist mit dem Wissen einer Datenbank. Solche Mensch-Maschine-Teams werden uns in Zukunft auch im Job begegnen. Denn Roboter wie die Modelle Baxter und Sawyer der Firma Rethink Robotics sind intelligent, passen sich an, wenn sich ihre Umgebung ändert und kommunizieren mit Lächeln, niedergeschlagenen Augen oder erhobenen Brauen. Und wir müssen uns eventuellen Ängsten vor künstlichen Kollegen stellen und überlegen, wie wir am besten mit ihnen zusammen arbeiten können.

Roboter mit Wertesystem

© Matt Cooper

Könnten Roboter Bewusstsein erlangen und sich gegen uns auflehnen? Höchst unwahrscheinlich, glaubt Informatikprofessor und KI-Pionier Stuart Russell von der Universität von Kalifornien, Berkeley. Allerdings ist es durchaus möglich, dass künstliche Intelligenz nicht in unserem Sinne handelt und uns so unabsichtlich schadet oder frustriert. Deshalb entwickelt er künstliche Intelligenz, die im Einklang mit menschlichen Werten arbeitet. Und die Hersteller von KI-Angeboten könnten somit verantwortlich für deren Moral- und Verhaltenseinstellungen sein: menschliche Werte als Wettbewerbsvorteil.

Computerkunst

© Google Deep Dream

So sieht es also aus, wenn Maschinen träumen: Surreale Landschaften, psychedelische Farben und Formen, amorphe Tiergestalten. Google zeigt mit seinem Projekt Deep Dream, wie KI Kunst macht: Künstliche neurale Netzwerke, die dem menschlichen Gehirn und Nervensystem nachempfunden sind, machen in Bildern Formen aus – ganz ähnlich wie bei der Gesichtserkennung. Oder beim Wolkenlesen. Hat ein Element im Bild etwa eine tierähnliche Gestalt, verstärkt das Netzwerk diese Assoziation. Bei einer Ausstellung in San Francisco gingen die maschinellen Kunstwerke für mehrere Tausend Dollar weg. „Ich dachte immer, Kunst sei etwas zutiefst Menschliches“, sagte Blaise Aguera y Arcas, der Googles Abteilung für maschinelle Intelligenz in Seattle leitet und das Kunstevent mitorganisierte. „Aber inzwischen glaube ich, wenn wir jemals Aliens treffen, werden die etwas Vergleichbares haben.”

Referenzen

Titelfoto © Michael Tyka

Fotos © Feature Photo Services, Screenshot von Twitter, Rethink Robotics, Matt Cooper, Google Deep Dream