© Kevin Grieve

Zukunft der Arbeit

Die neue Suche nach dem Sinn

Employer Branding ist der neue Trend in Unternehmenskulturen: Alle wollen auf den New Work-Zug aufspringen. Neben neuen Arbeitsweisen, versucht jedes Unternehmen unter einem Identitätsdruck strategisch der Gesellschaft und allen anderen Stakeholdern seinen unerschwinglichen Mehrwert klar zu machen. Was für Arbeitnehmer erstmal nach vielen Vorteilen klingt, führt doch auch in ein Spannungsfeld: Will ich Teil einer (Firmen-)Ideologie werden oder möchte ich mich doch auf ganz andere Weise verwirklichen?
Ein Beispiel ist die FIRE-Bewegung aus dem Silicon Valley: bestehend aus Highperformern, die mit 30 den Eintritt in die Frührente anstreben und sich den Versuchungen einer verheißungsvollen Arbeit wiedersetzen.

Sinnhaftigkeit – eine neue Suche nach Purpose

Eine wiederkehrende Romantisierung in der Wirtschaft und damit verbundenes achtsames Leadership bringen Unternehmen dazu, sich selbst ganz neu zu definieren: Sinnhaftigkeit also die Suche nach dem Purpose, treten in das Zentrum der Unternehmensentwicklungen. Unternehmen als Systeme beginnen sich durch eine aufgeklärte Selbstreflexion zu fragen, was sie für andere und dabei vor allem für ihre Mitarbeitende tun können und ihre Daseinsberechtigung als holistisches Ganzes zu manifestieren.

Der Soziologe Hartmut Rosa spricht in diesem Zusammenhang von neuen Arten von Beziehungen, die Schwingungen auslösen. Er beschreibt diese als Resonanz, als neue Formen von Weltbeziehungen. Nach eben dieser streben auch Unternehmen, wenn sie versuchen innerhalb und außerhalb der Organisation neue Bindungen einzugehen. Nicht erst seit Apple ist klar: Mitarbeiter folgen Unternehmen, die für neue Ideologien oder teilweise sogar für kleine Revolutionen in der Branche stehen. Purpose ist mehr als CSR, es geht darum, seine Relevanz am Markt langfristig zu begründen.

Unternehmen werden also empathischer, gehen neue Beziehungsformen ein. Mit gleichberechtigten Strukturen – irgendwie gesünder und vielleicht auch langfristiger. Aber wie sieht es eigentlich auf der anderen Seite aus? Alle arbeiten? Und was, wenn nicht? Ich habe mich gefragt, was ist, wenn wir uns trauen, diesen Reizen zu widerstehen. Was bleibt dann? Gibt es neben den New Work-Anhängern auch jene, die den neuen Versprechen der Arbeit wie Flexibilität und Freiheit im digitalen Zeitalter widerstehen?

Die FIRE Bewegung

Besonders spannend: die FIRE-Bewegung. Ihre Anhänger untersagen der Produktivitätssehnsucht und den Anreizen für eine Organisation zu arbeiten, die für etwas Größeres steht. Sie leisten Wiederstand auf eine leise, ganz besondere Art und Weise: Sie drehen die Rollenverteilungen der Industrialisierung um und übersetzen sie in einen neuen Kontext. Sie nutzen das System maximal für sich, verdienen schnell viel Geld und verabschieden sich dann. Arbeit wird hier auf eine ursprüngliche Funktion reduziert: das Verdienen von Geld für den Lebensunterhalt. Die Beziehung zum Unternehmen begrenzt sich auf den direkten Austausch von Leistung gegen Geld.

Techies aus den USA leben den Traum der Rente mit 30

FIRE – steht für „Financial Independence, Early Retire”. Ihr Erfolgsrezept? Ein sparsamer Lebensstil und ein sehr gutes Einstiegsgehalt. Idol der Szene und Gesicht der Bewegung ist Mr. Money Mustache. Der Prediger finanzieller Unabhängigkeit entwickelte Richtlinien und Tutorials für ein Leben, in dem man nicht mehr abhängig ist von der täglichen Arbeit. Allerdings muss das Einstiegsgehalt stimmen, um Teil dieser Bewegung sein. Ein Angehöriger von FIRE betont fairerweise: „Von nichts kommt nichts“. Eine Sache haben sie alle gemein, die Anhänger von FIRE: Sie sind Techies, am Markt gefragt, wie kaum andere Professionals. Sie setzen ihre Währung maximal gut ein, und suchen nach Sinnhaftigkeit in anderen Kontexten.

Fazit

Dennoch, auch wenn die hier zugrundeliegende Motivation vielleicht gerade durch die Abgrenzung und den Austritt aus dem Markt entsteht, eine Gemeinsamkeit lässt sich finden: auch die FIRE Anhänger schließen sich einer Bewegung an und streben mit einer Gruppierung einem Ziel entgegen. Sie teilen Werte und Überzeugungen: eine davon ist die, der finanziellen Unabhängigkeit und dem frühen (vielleicht besseren) Leben ohne Arbeit.