Zwischen Offenheit und Geschlossenheit

Die Suche nach neuen Gemeinschaften

Die umstrittene Dresdener Hetzjagd oder die grausamen Bilder aus Christchurch – wir alle sind regelmäßig mit ihr konfrontiert: Der unkontrollierten Verbreitung von Hass und Gewalt in den sozialen Medien. Doch welche kulturellen Auswirkungen haben digitale Netzwerke dabei? Und welche Mechanismen stecken dahinter? Ein systembedingter Mangelzustand führt zur Aufspaltung unserer Realitäten.

In weiten Teilen des Internets – abgeschottet vom Rest der Welt – bahnen sich rechtsextreme Ideologien unbemerkt und schwer kontrollierbar ihren Weg in die Köpfe der Menschen. Aus Furcht vor Kontrollverlust wird ausgegrenzt und Feindbilder werden heraufbeschworen, denn in der Rückbesinnung auf das Nationale und der Orientierung am Leitbild der heimischen Kultur verspricht man sich (neue) Sicherheit in globalisierten und sich wandelnden Zeiten.

Auf anderen Schauplätzen der virtuellen Welt glaubt man hingegen nicht an die klare Trennung zwischen dem Innen und dem Außen. Hier machen sich Menschen stark für eine globale Gemeinschaft mit offenen Grenzen. Zur Erreichung höherer, gemeinsamer Ziele appellieren Leitfiguren wie die junge Greta Thunberg an die Zusammenarbeit aller Nationen. Junge, kosmopolitische, gut gebildete Menschen finden sich hier zusammen um für Multikulturalismus, Feminismus und Diversität einzustehen.

Nun mag ein jeder – ungeachtet welcher politischen Gesinnung er angehört – ganz impulsiv eine Reaktion zu diesen beiden Lagern hervorbringen. Einige mögen wohl in der Ausbreitung von Hass und Gewalt eines der größten Probleme sehen. Wesentlich unruhiger sollten uns jedoch nicht die symptomatisch-inhaltlichen Differenzen stimmen, sondern der systembedingte Mangelzustand, dass sich diese beiden Lager in der analogen Welt kaum mehr begegnen.

Kulturkampf statt Klassenkampf

Der Politikwissenschaftler Dieter Rulf beobachtet in den aktuellen Entwicklungen eine Verschiebung der alten politischen Trennlinie: Sie verlaufe nicht mehr entlang ökonomischer Fragen (CDU/CSU vs. SPD), sondern wird entlang kultureller Themen (AfD vs. Grüne) ausgefochten. Jüngst warf der SPD-Chef Schäfer-Gümbel den Grünen vor, sie verkürzten Politik in „grotesker Weise“ auf die Frage des Klimawandels. Damit folgten sie einem ähnlich populistischen Stil wie die AfD, die sich ihrerseits auf die Migrationsthematik beschränke. Spannend ist, dass für das Populismusbaromether 2018 des WZB und der Bertelsmann-Stiftung bislang das klare Gegenteil galt: „Je unpopulistischer ein Wähler, umso eher wählt er grün“. Fraglich also, welcher kulturellen Entwicklung dieser zunehmenden politischen Polarisierung entstammen?

Entlang der Spannungsfelder zwischen offen-geschlossen, gebildet-ungebildet, urban-ländlich, jung-alt, ost-west formieren sich die neuen Gemeinschaften. Dabei treibt uns die soziale Ungleichheit immer weiter auseinander, nicht nur räumlich, sondern auch was unsere Erfahrungen betrifft. Immer stärker nehmen wir die Welt aus völlig unterschiedlichen Perspektiven wahr und scheinen dabei nicht bereit zu sein, uns mit der Gegenseite zu beschäftigen.

Digitalisierung als Treiber der Spaltung?

Während wir dem Internet in seiner Ursprungsphase eine zutiefst vernetzende Funktion der Gesellschaft zugedacht haben – ein Medium, das als Katalysator einer demokratischen Auseinandersetzung dient – müssen wir heute eingestehen, dass es seiner Verheißung nicht gerecht werden kann. Zumindest nicht in der Art und Weise, wie es derzeit vornehmlich Wirkung entfaltet und Realitäten konstruiert. Zwar ist die Globalgesellschaft über verschiedene Kontinente, Tag und Nacht miteinander verbunden, wir haben Zugriff auf mehr Wissen als je zuvor, häufen immer mehr Daten an und doch schaffen wir dadurch nicht zwangsläufig mehr Offenheit für andere Weltanschauungen – im Gegenteil: Neue Technologien erschaffen Paralleluniversen.

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Die Psyche und soziale Systeme

Ein näherer Blick verrät, dass wir schon immer dazu tendierten nur mit „Unseresgleichen“ verkehren zu wollen. Psychologen sehen den Grund darin in der Funktionsweise unseres Gehirns, welches im Alltags- und Routinemodus stets nach Komplexitätsreduktion strebt. In Bezug auf unseren Energiehaushalt ist das zwar hochgradig funktional und überlebensnotwendig, hinsichtlich unserer Fähigkeit zu sozialer Offenheit wird es allerdings zum Nachteil.

Letztlich resultiert daraus unsere Tendenz zu konzeptgesteuerter, teils stereotyper Wahrnehmung. Unbewusst nehmen wir die Welt ständig in vereinfachten Modi wahr und versuchen dabei stets zwischen richtig und falsch, sowie Gut und Böse zu unterscheiden. In diesem Zustand, so die Forschung, befindet sich unser Denkorgan zu neunzig Prozent der Zeit. Erst wenn es zu gröberen Störungen kommt, sind wir gezwungen in Reflexion zu gehen und unsere Konzepte zu überdenken.

Wir leben mit Menschen des gleichen Stamms auf Smartphone-verbundenen Inseln im Internet

Entgegen mancher Vermutungen, ist das Internet also nicht die Ursache von Mobbing, Shitstorms und dem rüden Ton, den wir in gewissen Blogs und Websites vorfinden. Vielmehr wirkt die virtuelle Vernetzung als Katalysator der sozialen Segregation.
Die Kräfte sozialer Bindung – Vertrauen, Verpflichtung, Verantwortung – sind in allen Systemen stark nach innen zentriert. Zugehörigkeit bestimmt Verhalten und Loyalität. Das Besondere daran ist, dass sich die Anhänger von Gemeinschaften in der digitalen Welt noch nicht mal als solche identifizieren. Sie sind schlichtweg Follower der gleichen Leute auf Instagram, Twitter und Facebook. Sie lesen die gleichen Beiträge, schauen die gleichen Videos, benutzen die gleichen Hashtags, sie «liken» und «sharen» die gleichen Links und verachten die gleichen Feinde. Je mehr wir unsere Beziehungen in digitale Blasen – in kulturell homogenisierte Gemeinschaften – verlagern, desto stärker kommen die vorhandenen tribalen Tendenzen im Menschen zum Tragen.

Die Algorithmen der Plattformen und Suchmaschinen zeigen die am meisten umschwärmten Informationen stets zuerst an. So entsteht eine Sogwirkung, die mehr und mehr vom Gleichen anzieht und reproduziert. Untersuchungen der Netzwerkstrukturen von Twitteraccounts haben beispielsweise gezeigt, dass Menschen, die Fake-News verbreiten vom Rest des Netzwerks abgekoppelt sind und sich fast ausschließlich untereinander folgen. So kann man von einer treffenden Analogie sprechen, wenn der Philosoph Christoph Türcke die neo-primitive Formierung ideologisch abgegrenzter Weltbilder mit den isolierten Stämmen in einem digitalen Dschungel gleichsetzt. Ein Leben in tribalisierten Phantom-Gemeinschaften, das Karl Popper bereits als «Entgesellschaftung» der Gesellschaft vorausgeahnt hatte.

Bewusstwerdung als erster Schritt

Lebenswerte Zukünfte entstehen erst dann, wenn die unterschiedlichen Sichtweisen und Lebensformen zueinander in ein neues, produktives Gleichgewicht finden. Der erste Schritt in diese Richtung ist die Bewusstwerdung existierender Parallelwelten. Nur wenn wir die kulturellen Auswirkungen und die Mechanismen der digitalen Netzwerke verstehen lernen, können wir die Aufspaltung unserer Realitäten als Herausforderung angehen um genügend Brücken in die analoge Wirklichkeit zu bauen.

Welche neuen Handlungsräume entlang der beschriebenen kulturellen Spannungsfelder entstehen und wie wir wieder mehr Begegnungsräume schaffen um Toleranz für Diversität und das Andere zu entwickeln – dazu mehr im nächsten Teil in unserer Serie.