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Trendletter

Die Zukunft der Mobilität: von Zeit und Verkehr

Kann autonomes Fahren das zeitschluckende Pendeln revolutionieren und unsere wichtigste Ressource Zeit neu aufladen? Während überall auf der Welt spannende Konzepte entstehen, stellen wir uns die Frage: wohin wird sich Mobilität entwickeln, in einem System, das so stark an das Auto gebunden ist? Wie verändert sich die Gleichung, wenn wir die wichtigste Variable neuerfinden?

Das Pendeln ist den Menschen verhasster als jede andere Tätigkeit in ihrem Leben: Als die Ford Motor Company 2015 über 5.500 Menschen in sechs europäischen Städten befragte gaben viele an, dass Pendeln stressiger sei als die Arbeit, der Umzug in ein neues Haus oder ein Besuch beim Zahnarzt. Bereits vor 10 Jahren zeichneten Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Wirtschaftswissenschaftler Alan Krueger ein ähnliches Bild nachdem sie 909 berufstätige Frauen in Texas befragt hatten wie sie sich während verschiedener täglicher Aktivitäten fühlten – dabei landete der morgendliche Arbeitsweg hinsichtlich positiver Gefühle abgeschlagen auf dem letzten Platz, weit hinter Arbeit, Kinderbetreuung und Hausarbeit. In der Tat gibt es in der öffentlichen Gesundheits- und Sozialwissenschaft eine Fülle von Forschungen, die von den negativen Auswirkungen des Pendelns auf das persönliche und gesellschaftliche Wohlergehen hinweisen. Und die Dinge haben sich in den letzten zehn Jahren nicht verbessert.

Die Notwendigkeit des Pendelns ergibt sich oft aus der Wahl zwischen „Wohnen in der Nähe der Arbeit“ und „Wohnen in einem größeren Haus“ –wobei sich viele Berufstätige für Letzteres entscheiden insbesondere wenn sie Kinder haben. Aber auch unabhängig von der Haus- oder Wohnungsgröße macht das steigenden Preisniveau in den (Groß-)Städten das Leben in der Nähe des Arbeitsplatzes für viele berufstätige Familien unerschwinglich.

Möglichkeiten Pendeln weniger lästig zu machen, wären zum Beispiel ein erschwinglicheres Leben in den Städten, die Arbeit von zu Hause oder die Pendelfahrten im eigenen Auto zu optimieren. Hier kommt das autonome Fahren ins Spiel. Nach der ersten technologischen Faszination für das Konzept, rücken nun kulturellen Aspekte in den Mittelpunkt. Und wenn Technik vom Menschen gefilterte Evolution ist, dann ist das Rennen eröffnet – viel Spaß beim Lesen!

FACETTE #1: ZEIT ALS KOSTBARE RESSOURCE

Zeit ist unsere wertvollste Ressource, auch wenn wir sie täglich unvorsichtig verschwenden. Sie kann nicht erneuert, gehandelt und auf Vorrat angelegt werden. Unsere einzige Wahl ist, wofür wir sie verwenden, nicht ob wir es tun. Der deutsche Premium-Autohersteller Audi behandelt  Zeit als den ultimativen Luxus mit einem Projekt namens 25th Hour. Ziel ist es herauszufinden, wie autonomen Fahrzeuge in der Zukunft in der Lage sein könnten, die ineffiziente Zeit des Pendelns zurückzugewinnen. Eine zusätzliche Stunde Freizeit ist ein immaterielles Gut, für das die meisten Menschen bereit sind zu zahlen. Eine Studie zeigt, dass der „Wert der Zeit“ interessanterweise nach Land, Alter, Einkommen und Fahrzeugsegment variiert: Jugendliche, Besserverdienener, Sportwagenfahrer und Deutsche legen am meisten Wert auf eine zusätzliche Stunde Freizeit.

© AUDI

FACETTE #2: INTRANSIT (sekundäre) AKTIVITÄTEN

Vollautomatische (Level 4) und fahrerlose (Level 5) Autos werden vermutlich erst in etwa 10 Jahren auf die Straßen der größeren Städte kommen. Mit zunehmender autonomer Mobilität werden Fahrer zu Fahrgästen, die weder das Lenkrad festhalten noch in Gefahrensituationen eingreifen müssen. Dies eröffnet viele Gestaltungsmöglichkeiten für Designer, Hersteller und Dienstleister.
Etablierte Autohersteller und Neueinsteiger könnten immer vielfältigere Fahrzeuge produzieren – von größeren selbstfahrenden Modellen, die Kinder aus der Schule und Lebensmittel aus dem Supermarkt abholen, bis hin zu autonomen, gemeinsam nutzbaren Pods, die es den Fahrgästen ermöglichen sich auf die Arbeit zu konzentrieren, während sie durch die Stadt zu ihrem nächsten Treffen flitzen. Die Fahrzeuge können flexibel auf den jeweiligen Reisezweck zugeschnitten werden, wobei der Innenraum für Unterhaltung, Produktivität, Entspannung und mehr optimiert ist. Panasonic zum Beispiel hat jüngst das Interieur eines autonomen Fahrzeugs der Zukunft entworfen welches gleichzeitig als Entspannungsstation dient und damit einen gewaltigen Technologiesprung gemacht.

© Panasonic

FACETTE #3: DEN VERKEHR ÜBERBRÜCKEN

Wie in allen Bereichen mit großem Veränderungspotenzial wird intensiv über die mögliche Zukunft diskutiert. Unser Mobilitätssystem ist so eng mit dem heutigen Auto verbunden, dass eine Änderung der Vorstellung vom Auto selbst die ganze Gleichung verändert. Städte – in denen die meisten von uns  leben – könnten ein viel besserer Ort oder aber noch teuflischer werden. Lesen Sie mehr über die meist diskutierten Ideen und wagen Sie einen Ausblick in eine noch fernere Zukunft, in der der Verkehr mit Hilfe von Krypto-Währungen besiegt wird.

© Andre Francois

“Die Zukunft der persönlichen, urbanen Mobilität ist nicht das autonome Auto, sondern das autonome Fahrrad. Sauber, leise, elektrisch und auf Abruf werden die selbst-tretenden Fahrradtaxis auf Fahrradspuren statt Straßen fußläufige Entfernung vergrößern und die letzten Kilometer zu den öffentlichen Verkehrsmitteln abdecken. Uber hat Jumps 12.000 elektrische Fahrräder gekauft, da die durchschnittliche Weglänge beider Firmen gleich lang war. Eine neue Generation von Fahrzeug wartet nur darauf, geboren zu werden.“

 

Greg Lindsay ist Journalist und als Strategy Director bei der LA CoMotion tätig. Mit seiner Expertise für Mobilität bereicherte er unseren Thinktank zur Zukunft des autonomen Fahrens.

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