© Photo Marc Ditschke

Interview

Werden Insekten das neue Superfood?

Sie schmecken nach Nuss oder Hühnchen und geben mehr Power als ein Steak: Insekten sind kaum mit Schadstoffen belastet, einfach und schnell zu züchten. In den kommenden Jahren könnten Insekten zu einem wichtigen Faktor der Welternährung werden. 80 Prozent der Weltbevölkerung essen sie mehr oder weniger regelmäßig. Doch der Ekelfaktor der Krabbeltiere in westlichen Gesellschaften ist hoch. Dabei experimentiert selbst die Spitzengastronomie längst mit Insekten auf der Speisekarte, etwa das berühmte Noma in Kopenhagen. Der Hamburger Unternehmer Marc Ditschke möchte Insektenessen in Deutschland salonfähig machen. Vor kurzem gründete er seinen Online-Versand „Beste Insekten“.

Insekten-Superfood

© Marc Ditschke

Name: Marc Ditschke

Alter: 44

Beruf: Insektenverkäufer & ehemaliger Onlinemarketing-Experte

Hobbys: FC St. Pauli, Lateinamerika-Reisen

Lieblingsessen: Heuschrecken-Tacos

Herr Ditschke, in New York gibt es eine Reihe ethnischer Restaurants, in die weiße Hipster zum Insekten essen gehen. Wird dieser Hype auch zu uns kommen?

Mit ein bisschen Verzögerung sicher. Wenn die Szenebars in Hamburg und Berlin anfangen, statt Erdnüssen oder Chips geröstete und gesalzene Insekten hinzustellen – in Kombination mit Alkohol ist auch die Hemmschwelle gesenkt – dann knabbert man die einfach so weg.

Wie bekommen wir auch in nüchternem Zustand den Widerwillen gegen Insekten aus dem Kopf?

Auch hier war das Insekten essen früher völlig normal. Vor 100 Jahren gab es in Deutschland noch Maikäfersuppe. Das haben wir verdrängt. Die Fleischindustrie hatte lange kein Interesse an alternativen Proteinquellen. Auf der anderen Seite hat Nestlé im Herbst eine Studie veröffentlicht über die Frage, wie wir in der Zukunft essen werden. Da waren Algen ein Thema oder Fleisch aus der Petrischale. Aber eben auch Insekten. Multinationale Unternehmen sehen darin also ein Potential. In 50 Jahren werden viele Deutsche noch immer gerne Wurst essen. Aber ich glaube, dass immer mehr Leute auch Insekten als ganz normal ansehen werden. Man mag sie oder nicht, wird aber nicht mehr sagen, igitt, das ist mir zu eklig. Da bin ich sehr zuversichtlich.

Wann haben Sie zuletzt Insekten gegessen?

Vor ein paar Tagen erst. Ich esse inzwischen ein bis zwei Mal die Woche Insekten.

Was sagen Familie und Freunde dazu?

Mein Sechsjähriger isst sie tatsächlich gerne, der kleinere Sohn nicht so und meine Frau gruselt sich noch ein bisschen. Unseren Freunden habe ich im Sommer marinierte Heuschrecken vom Grill serviert. Die meisten probieren. Selbst meine 87-jährige Oma hat sich getraut. Das hat mich dann doch verblüfft!

Welche Insekten essen Sie am liebsten?

Heuschrecken und Grillen. Wir essen oft Tacos mit den Kindern, da mag ich es, wenn etwas Größeres drin ist. Aus Buffalowürmern habe ich neulich Müsliriegel gemacht, die schmecken auch gut.

Buffalowürmer-Nuss

Gut versteckt im Energy-Riegel: Buffalowürmer sollen nach Nuss schmecken © Marc Ditschke

Wie bereite ich die Insekten zu?

Ich habe auf meiner Website einige Rezeptvorschläge. Lecker sind beispielsweise Grillen in Kokossuppe oder Schoko-Grillen als süßer Snack.

Was ist das für ein Mundgefühl? Eher knusprig?

Dadurch, dass sie gefriergetrocknet sind, haben die Insekten die gleiche Konsistenz wie ein Keks und sind einfach brüchig. Es ist nichts Wabbeliges oder Glibberiges daran. Die Heuschreckenbeine haben kleine Widerhaken. Die müssen auf jeden Fall ab, damit sie nicht im Hals stecken bleiben.

Hmm, okay…

Und die Flügel schmecken nicht. Die bricht man einfach ab, wirft die Heuschrecken in die Pfanne, braten, fertig. Sie können gerne welche mitnehmen und zu Hause probieren!

Ähhh, vielleicht lieber die kleinen Grillen. Wonach schmecken die genau?

Grillen schmecken ein bisschen nussig, Mehlwürmer auch. Manche sagen, Heuschrecken erinnern sie an Hühnchen. Aber sie haben keinen besonders starken Eigengeschmack.

Sie haben früher für Internetunternehmen wie Google und Elitepartner gearbeitet. Wie kommen Sie dazu, Insekten zu verkaufen?

Auslöser war der TED Talk „Why not eat insects?“, den ich vor zwei Jahren zufällig gesehen habe, von dem Holländer Marcel Dicke. Seine Argumente haben mich überzeugt. Insekten sind nachhaltig. Ein Pfund Rindfleisch verbraucht in der Produktion 7.500 Liter Wasser. Ein Pfund Grillen nur vier Liter Wasser. Sie benötigen kaum Fläche. In einer kleinen Box kann man kiloweise Mehlwürmer züchten und diese Boxen bis unter die Decke stapeln. Insekten fühlen sich wohl dabei, auf kleinem Raum mit vielen Artgenossen zu leben. Außerdem enthalten Insekte viele Nährstoffe, Vitamine, Mineralien und Aminosäuren. Heuschrecken haben nur ein Prozent Kohlenhydrate, Grillen sogar null. Das ist eine Low Carb-Ernährung mit hohem Eiweißanteil, knapp 70 Prozent bei Grillen.

Also eine Art neues Superfood?

Die Frage ist doch, wie wir eine wachsende Weltbevölkerung in Zukunft ernähren können. Schon jetzt wird der Großteil der Agrarflächen für Viehzucht und Viehfutter genutzt. Wir bräuchten eine zweite oder dritte Erde, um unseren Proteinbedarf auf Dauer decken zu können. Hier sind Insekten eine super Quelle.

Bio-Superfood

Das Rohprodukt: Die Insekten sind nachhaltig, die Verpackung auf Bio-Basis auch © Marc Ditschke

In den USA gibt es Energieriegel zu kaufen, die aus gemahlenen Insekten oder Würmern bestehen. Das wäre für Einsteiger sicher die einfachere Variante.

Auf jeden Fall. Natürlich gibt es eine gewisse Schwelle zu überschreiten, wenn man Insekten als Nahrung kulturell nicht gewohnt ist, aber es ist nicht nur ein Essen für Freaks oder besonders Mutige.

Woran hängt es dann?

Leider ist es in Deutschland noch nicht erlaubt, Insekten gemahlen oder geschrotet in Mehlform zu verkaufen. Das fällt in die Kategorie „Novel Foods“. Aber ein erster Schritt ist schon getan. Vor ein paar Wochen kam eine EU-Kommission zu der Erkenntnis, dass Insekten zu essen per se nicht schädlich ist. Klar, es ist ein Lebensmittel und wie jedes andere Nahrungsmittel sollte es unter hygienisch einwandfreien Bedingungen gezüchtet werden.

Was für Leute kaufen bei Ihnen ein?

Natürlich gibt es die Experimentierfreudigen. Im Oktober hatte ich ein paar Bestellungen, da wusste ich, die wollen die Insekten als Halloween-Gag. Aber das Schöne ist, es gibt ganz unterschiedliche Zielgruppen. Insekten sind interessant für Menschen, die sich bewusst ernähren möchten, aber keine Lust auf Vegan oder Vegetarisches haben. Eine andere Zielgruppe ist Paleo, also Steinzeiternährung. Und die Leistungs-, Extrem- und Kraftsportler. Denen ist es weniger wichtig, wie das Essen schmeckt und aussieht. Die wollen nur wissen, was habe ich davon, bringt mich das weiter? Und sie sind bereit, dafür Geld auszugeben.

Ganz billig sind Ihre Insekten ja nicht, eher ein Luxusprodukt.100 Gramm Heuschrecken verkaufen Sie ab 50 Euro, Mehl- oder Buffalowürmer ab 14 Euro. Warum sind Insekten so teuer?

Es gibt bisher nur eine Handvoll Züchter in Europa und die Produktion ist noch nicht automatisiert. Zwar sind Insekten noch teurer als Fleisch, dafür braucht man aber weniger Masse. 100 Gramm Heuschrecken haben 560 Kilokalorien, Rindfleisch dagegen nur 100 bis 150. Insekten bieten also nicht nur deutlich mehr Proteine als Fleisch, sondern auch viel mehr Energie. Außerdem wurde den Insekten beim Gefriertrocknen das Wasser entzogen. Durch Marinieren können sie bis zum Dreifachen an Gewicht wieder zulegen. Wer also die Preise vergleicht, sollte bedenken, dass das Wasser beim Rindfleisch schon dabei ist. So relativiert sich der Preis ein bisschen.