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Von Aufklärung und Factfulness in der Gegenwart

Alles ist besser, wenn wir es wollen

Die Welt wird anscheinend immer schlechter! Pessimismus bestimmt viele Debatten. Ist diese Wahrnehmung ‚richtig‘ oder ist die Welt doch besser als wir annehmen? Was können wir (oder auch Unternehmen) dafür tun, um ein begründet optimistisches Abbild unsere Gegenwart zu bekommen. Bücher wie „Factfulness“ von Hans Rosling oder „Aufklärung jetzt“ von Steven Pinker widmen sich bspw. diesem Thema.

Der 2017 verstorbene Wissenschaftler Hans Rosling, der sich selbst als „Possibilist“ bezeichnete, hat sich mit seinem letzten Buch „Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ (Ullstein 2018) das Ziel gesetzt, dem düsteren Weltbild ein auf Wissen und Tatsachen basierendes Verständnis entgegenzusetzen.
Ein Hoch auf Sachlichkeit und Genauigkeit liefert ebenso Steven Pinker, sei es in TED-Vorträgen, Artikeln und zuletzt mit der Publikation „Enlightenment now“ („Aufklärung jetzt“). Der Harvard Professor beruft sich dabei auf die Epoche der Aufklärung als entscheidende Entwicklungsstufe für den heutigen Wohlstand, deren Erfolge weiterhin geschätzt werden sollten: „Unsere Vorfahren haben Dogma, Tradition und Autorität durch Vernunft, Debatte und der Wahrheitssuche verpflichtete Institutionen ersetzt. Wissenschaft trat an die Stelle von Aberglauben und Magie. Und die Werte verlagerten sich von Stamm und Nation, Rasse, Klasse oder Religion hin zu einem Ideal universalen menschlichen Wohlergehens“, schreibt er in einem Beitrag für die Neue Zürcher Zeitung.

Fakten, Fakten, Fakten

Um dem vorherrschenden Pessimismus entgegenzuwirken, erläutert Rosling die Ursachen für diese negative Wahrnehmung und liefert zahlreiche Zahlen und Tabellen. Auch Pinker setzt auf eine Vielzahl an Fakten sowie auf die entscheidenden Fortschritte der Menschheit: erfolgreiche Armutsbekämpfung, sinkende Kindersterblichkeit, steigendes Umweltbewusstsein, mehr Frieden auf der Welt, oder der verbesserte Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung.

Doch die alleinige Rückbesinnung auf Daten mag nicht immer helfen, ein anderes Weltbild zu erlangen, erschwert durch persönliche Erlebnisse, eine Hysterie in Sozialen Medien und der körperlichen Nähe des Weltgeschehens durch Push-Nachrichten, die das Smartphone in der Hosentasche zum Vibrieren bringen. Hinzu komme der Unterschied zwischen der allgemeinen Lebensqualität und dem subjektiven Wohlbefinden: „Life could be getting much better objectively, on the social scale, without getting better all that much better subjectively, on the individual scale“, wie Joshua Rothman in einem Beitrag „The Big Question. Is the world getting better or worse?“ in The New Yorker anmerkt.

Umdenken lernen

Insbesondere Hans Rosling hat jedes Kapitel seines Buch mit Factfulness-Tipps angereichert. Sie erscheinen dabei so simpel wie logisch. Eine sofort wirksame Pille stellen diese Tipps jedoch nicht dar. Sie sollen dazu anregen, überlegtes Handeln anstelle der bloßen Reaktion zu stellen und Wahrnehmungen kontinuierlich zu überprüfen und zu hinterfragen.

Im Umgang mit oftmals negativen Nachrichten merkt Rosling an, dass „über gute Nachrichten […] fast nicht berichtet“ wird. Daher solle gefragt werden, ob ähnlich positive Nachrichten, oder Nachrichten über allmähliche Verbesserungen, uns auch erreicht hätten. Zudem dürfe nicht der Schluss gezogen werden, dass mehr Nachrichten mehr Leid bedeuten. „Dass negative Nachrichten zunehmen, liegt auch daran, dass Not und Leid aufmerksamer zu Kenntnis genommen und verfolgt werden, und nicht daran, dass die Zustände auf der Welt schlimmer werden.“ (94)

Um festgefahrene Perspektiven zu lösen empfiehlt er, eigene Ideen zu überprüfen, indem man offen für die Meinung und das Fachwissen anderer ist (246). Klischees wie die unverbesserliche gesellschaftliche Situation in Teilen von Afrika oder Asien solle man unter Kontrolle bekommen, indem erkannt wird, dass sich Veränderungen allmählich und nicht plötzlich vollziehen. Folglich müsse das Wissen über Technologien, Länder, Gesellschaften, Kulturen und Religionen stets auf dem neuesten Stand gebracht werden (224). Rosling konstatiert: „Bei Investitionsentscheidungen müssen Sie sich verabschieden von den naiven Vorstellungen über Afrika, die von der kolonialen Vergangenheit geprägt sind (und von den Medien aufrechterhalten werden), und begreifen, dass Ghana, Nigeria und Kenia zu jenen Ländern gehören, wo sich heute die besten Anlagechancen bieten“ (303-304).

In seinem letzten Kapitel betont er zudem, dass Dringlichkeit die Weltsicht besonders verzerrt, wodurch ein permanentes Gefühl von Krise und Stress entsteht. Dem „Jetzt oder nie“-Kredo sollten schrittweise Veränderungen entgegengesetzt werden, beruhend auf Zeit zum analytischen Denken, auf der Basis relevanter und genauer Daten und nach einer Begutachtung mehrere Szenarien.

Bei der Frage, ob jetzt Bedarf besteht das Denken im privaten wie im beruflichen Umfeld auf den Kopf zu stellen, hilft der Test von Hans Rosling am Anfang des Buches, den es in leicht veränderter Form auch bei Spiegel Online gibt.