© Instagram Indah Nada Puspita

Visual Culture

Fashion-Statement mit Schleier

Anfang des Jahres lancierte Dolce & Gabbana eine ästhetisch ansehnliche Kollektion, geprägt von langen Kleidern, die den weiblichen Körper elegant umschlingen und mit ihren primelbedruckten Kopftüchern passende Akzente setzten. Es handelt sich dabei nicht um ein Kopftuch-Comeback der 1950er Jahre. Die D&G-Kollektion präsentiert Hijabs, muslimische Schleier.

Aufregung, Skandal, mutiges Statement? Die Schleier-Kampagne startete eine neue Kopftuchdebatte. Doch was steckt wirklich hinter der Kollektion? Warum sehen wir eine solch religiös aufgeladene Kampagne fast schon als revolutionär an? Und was passiert wirklich auf den Straßen und in den Städten fernab der Luxus-Modehäuser? Tragen wir etwa bald alle Mode-Hijabs?

Die Reise in die muslimische Modewelt beginnt mit einem Artikel im Handelsblatt Magazin. Das Model mit seinem seidenen Schleier schaut den Betrachter kaum an – eine große Luxusbrille ziert das Gesicht der Schönen. Auch auf Instagram führen schon ein paar Stichworte wie „Muslima“, „D&G“ und „Fashion“ in eine Welt, die vielen westlichen Fashionistas bislang verborgen geblieben ist: Orte, wo Mode auf Mekka trifft. Muslima-Blogs mit Streetstyle-Fashion. Der nahe Osten, seine Schönheiten und Moden. Dort sind etwa Nada und Dina die Stars der Stunde, erfolgreiche Modebloggerinnen, die täglich ihren Lifestyle mit hunderttausenden von Followern teilen. Indah Nada Puspita beschreibt sich selbst als „Creative Mind Business Woman“. Dina hält mit ihrem Design- und Fashion-Blog Dina Tokio dagegen. Keine Spur von protzigen Brillen oder Versteckspiel wie in der D&G-Kollektion. Die beiden „Hijabistas“ zeigen sich lässig-elegant und ganz privat in der Sonne oder beim Frühstück. So oder so ähnlich präsentieren sich westliche Stylebloggerinnen auch, nur ohne Kopftuch.

Haben Kopftücher das Potential zum neuen Must-Have?

Dina Tokio, Britin mit ägyptischem Hintergrund, ist junge Mutter, liebt Pastellfarben und postet für ihre rund 937.000 Follower fast täglich neue Bilder. Ob mit ihrem Partner, lässig mit Müslischale oder aus ihrem Jet-Set-Leben, Dina versteckt sich ganz sicher nicht. Auch Nada aus Hannover zeigt ihre Mode in einem fröhlichen Mix aus Travel, Fun und Kreativität. Ob sie auch modeinteressierte Nicht-Muslime inspiriert? Schließlich verkaufen selbst Mainstream-Modegiganten wie H&M oder Zara knöchelllange Sommerkleider, Rollis, XXL Schals, Hippie-Bänder und Hepburn-Kopftücher. Weniger Haut zu zeigen scheint auch jungen Frauen, die nicht dem Islam angehören, zu gefallen. Zum Schleier fehlt vielleicht nicht mehr viel?

Instagram-Stars Safiyah und Saufeeya vom Style-Bog Hijab Fashion. © Walid Kafi

Sie sind die neuen Hipster: Hijabistas!

Die Reise geht weiter auf die Straßen Berlins. In Kreuzberg gehören Kopftücher, Hijabs und Schleier seit Jahrzehnten zum Straßenbild, doch Mitte ist in dieser Hinsicht weniger bunt. Rund 300.000 Muslime leben in der Metropole. Auch wenn immer mehr Läden extra für muslimische Frauen eröffnen, kaufen die meisten Frauen mit islamischen Wurzeln doch lieber in den normalen Modeketten wie H&M ihre Kleidung und werden hier dank des Trends zu mehr Stoff auch fündig. Elie Saab und viele Top-Designer setzen schon seit vielen Jahren auf weite Schnitte. Plädieren für das lange Kleid. Hinzu kommen Trendwellen wie der Folkloretrend, der jedes Jahr neu aufgelegt wird oder der Trend zur Androgynität: Kleidung für Frauen- und Männerkörper. Die Verschmelzung dieser Modeströme bringt derzeit viele fließende und körperbedeckende Schnitte in die Geschäfte.

Der Hijab als ein folkloristischer Impuls bekommt durch seinen Auftritt bei Instagram oder Pinterest etwas Subkulturelles. Ein neues Hipstertum bildet sich: die Hijabistas! Sie benutzen Mode als Ausdruck ihrer Person – nicht eines Ideals. Die mit Frivolität behaftete Rolle der Mode liefert mittels des muslimischen Kopftuchs eine erfrischende Antwort darauf, wie normal es eigentlich sein sollte, einen Hijab zu tragen und diesen auch individuell in Szene setzen zu dürfen.

Gegen die Kommerzialisierung des Hijabs durch die Modeindustrie wehrt sich Amani Al-Khatahtbeh, Gründerin der Plattform Muslim Girl. In einem kurzen Video zeigt sie das Kopftuch als Symbol von Macht, muslimischer Geschichte und Identität – mit Stil und erhobenem Mittelfinger.

100 Years of Hijab Fashion in 1 Minute

Muslimas überlassen das Schleier-Thema also nicht länger nur Politik, Religion oder den großen Modemarken. Selbst Kampagnen wie die von D&G oder die „We-Are-So-Colorful“-Strecke von H&M können lediglich bereits existierende Stimmen aus Netz und Co. aufgreifen. Denn das Zentrum dieses Wandels sind echte Frauen wie Dina und Nada, keine Luxus-Labels.

Referenzen

Titelfoto: © Indah Nada Puspita

Fotos: © Walid Kafi für Hijab Fashion

Hijab Fashion Instagram

Dinatokio Instagram

Indah Nada Puspita Instagram

Hijabmuslim Instagram

http://muslimgirl.com/

Charlotte Gerling und Ralf Pauli. Stadt der unsichtbaren Moscheen. Zeit Online. 19.04.2014

Judith Brachem. Hijab Fashion // Mode mit Kopftuch. Blog Tumblr. Jane Wayne (Partnerseite der Vogue). 02.11.2015

Rüdiger Schmitz. Glaubenssache Mode. Handelsblatt Magazin. 02.03.2016

Katharina Pfannkuch. Kopf, Koran und cool. Die Welt Online. 14.06.2015

Berliner Statistik. Die Zahl der Muslime. Tagesspiegel. 26.01.2010

Leanne Bayley. Trending: Maria Hidrissi, H&M’s first Muslim model. Glamour UK. 28.09.2015