© Foto Rose Callahan

Visuelle Kultur

Gestatten, ich bin ein Dandy

Die Herrenkultur erlebt ein Comeback. Handgefertigtes Schuhwerk, Maßanzug und Traditionsmarken sind gefragt wie schon lange nicht mehr. Barber Shops springen aus dem Boden, man lässt sich wieder die Schuhe putzen. Doch der Dandy wird 2014 ganz unterschiedlich interpretiert, wie ein neuer Bildband und verschiedene Männerblogs zeigen. Elegant, schrill, rückwärtsgewandt, ironisch, mit erhobenem Mittelfinger. Wichtig ist nur die Attitüde.

„Noch nie war Tradition so wertvoll wie heute“, verkündete das Wirtschaftsmagazin brand eins im Januar. Besonders seit dem Finanzkrisenjahr 2008. „Je mehr Gewissheiten sich plötzlich ins Nichts auflösten, desto stärker wurde die Sehnsucht nach anfassbaren, soliden Dingen.“ Ganze Industrien besinnen sich auf Altes, Regionales, Handfestes. Backshop-Filialen und Restaurantketten präsentieren ihre Ware auf handgeschriebenen Kreidetafeln. Vergessene Traditionsgetränke werden wieder aufgelegt. Die coolsten Bars servieren Cocktails nach alten Rezepten. Und die erfolgreichsten Fernsehserien dieser Tage spielen in lang vergangenen Jahrzehnten. Kein Wunder, dass handgefertigtes Schuhwerk und maßgeschneiderte Anzüge derzeit einen Boom erleben.

„Dandys versprechen einer Welt in der Krise neue Hoffnung“, heißt es auch im Vorwort zu I am Dandy, einem Fotoband vom Berliner Gestalten Verlag. Die Zukunft mag ungewiss sein, aber zumindest gibt es noch Männer mit Sinn für Schönheit, Stil, Individualität. Die Dandys im Bildband von Autor Nathaniel Adams und Fotografin Rose Callahan sind so bunt wie ihre Krawatten, so breit gefächert wie ihre Spirituosensammlungen.

Der puertoricanische Opa macht eine gute Figur in Karohose, Bayernhut und Rauschebart. Das koreanisch-taiwanesische Designerduo erinnert an tragische Antihelden in einem durchgestylten Wong Kar-wai-Film. Ein platinblonder Jüngling sitzt im Glanzanzug unter seinem eigenen Ölportrait, ganz Paris Hilton. Tony Sylvester, Leadsänger der Deathpunk-Band Turbonegro, kombiniert Fliege, Filzhut und Schultertuch zu Tattoos, halb Schäfer, halb Punk. Ein 18jähriger, der mit Zylinder, Cape und Zwicker vor einem schmiedeeisernen Tor posiert, scheint bereit für den Showdown mit Graf Dracula. Vom Teenager bis zum ergrauten Señor sind alle Altersgruppen vertreten. Manche der Herren wirken, als hätten sie ihren Gehstock verschluckt, andere sind ein Bild von Lässigkeit. Gemeinsam ist ihnen nur das Motto: „Dressing up will always make a better impression than dressing down.“

„Das Problem in unserer Welt ist nicht die übermäßige Beschäftigung mit sich selbst, sondern das Auflösen des Individuums in der Masse“, glaubt der Mode- und Kulturjournalist Glenn O’Brien, der das Vorwort zu I am Dandy schrieb. „[Die Herren in diesem Buch] versuchen allesamt, über das Gewöhnliche hinauszugehen und solchen Bereichen des Lebens Bedeutung zu verleihen, die die meisten Männer der Gewohnheit oder dem Zufall überlassen.“

„Konformismus ist der Feind des Dandys“, meint auch James Sherwood, Autor von Büchern über englische Herrenmode und einer der Dandys im Bildband. Dandytum ist eine Gegenbewegung: zu Massenmode, Wegwerfkultur, vielleicht auch Jugendwahn. Unter dem Titel Retrosexuell schrieb der KulturSpiegel letztes Jahr, dass sich die Herrenkultur abgrenze von zwei dominanten Männertypen: „gegen Anti-Intellektuelle wie Mario Barth, Atze Schröder und Robert Geiss von den „Geissens“, die dafür gesorgt haben, dass traditionelle Männlichkeit im Privatfernsehen fast nur noch als Unterschichtenmännlichkeit existiert… und gegen den exhibitionistischen Sport- und Fitnessjünger. Anders als er kann der Herr einen Bauch haben, denn den versteckt der Maßschneider.“

Vielleicht ist das Revival der Herrenkultur auch eine Protestbewegung gegen die angebliche Krise des Mannes, wie sie Die Zeit neulich in ihrem Titelthema beschrieb. Nachdem Männer jahrhundertelang darauf gedrillt wurden, erfolgreich und mächtig zu sein und wenn auch nur als Familienoberhaupt, sind nun viele verunsichert über ihre Rolle in einer feminisierten, dialogbasierten Gesellschaft.

@Dandy Diary Bierduschen, Flitzer und Fashion-Bashing: David und Jakob zeigen der Modewelt, was ein Berliner Dandy ist

Der US Blog The Art of Manliness möchte dem verwirrten postfeministischen Mann Ideen liefern, was Maskulinität heute bedeutet. Nicht dogmatisch, aber wertkonservativ. Neben Mode- und Beauty-Artikeln (klassische Rasur, Hutpflege, Krawattenknoten), philosophischen Essays über die Rolle des Mannes und zeitlose männliche Tugenden (Ernährer, Erzeuger, Beschützer bzw. sparen, Tagebuch schreiben, meditieren), gibt es auch praktische Überlebenstipps (Toilette entstopfen, Fackel bauen, Flugzeugabsturz überleben). Der Blog ist erfolgreich: Mehr als drei Millionen Besucher beschäftigen sich hier mit einem nostalgischen Ideal von männlicher Identität.

Doch nicht jeder Herr ist ein Dandy und nicht jeder Dandy ein Gentleman. Modisch mögen sie sich mitunter ähneln, doch während der nostalgisch-konservative Herr vermeintlich besseren Zeiten hinterhertrauert, steht der Dandy ganz im Heute. Er ist Trendsetter, unangepasst, liebt das Heraustreten aus der Masse und die Provokation. Wie es einer der Herren in I am Dandy ausdrückt: „Ed Hardy tragen heißt, die Regeln des Modebusiness brechen.“ Also tut er es, auch wenn es das Gegenteil von Eleganz ist.

Die subversive Attitüde haben die selbsternannten „Trailerpark-Dandies“ vom Berliner Modeblog Dandy Diary perfektioniert. Manchmal mögen auch die Berliner Dandys feine Halstücher, im Moment in der Kombination Poloshirt über Hemd über Seidentuch. Doch meist geht der Stil in Richtung Streetstyle-Bling und Ethno-Punk: dicke Sneakers, bunte Bomberjacken, Folklore-Fellmützen, bauchfreie Tops und Hightech-Sandalen zu Tierpfoten und Neoprenhosen. Am liebsten zeigen sie ihre exzentrischen Outfits in modefernen Settings: in der hessischen Fleischerei, im polnischen Boxclub oder im Altersheim stellen sie sich dem Urteil des Publikums. Sie dissen die Berliner Fashion Week, deren Eröffnungsparty sie seit 2012 schmeißen, und schicken einen Flitzer über den Laufsteg von Dolce & Gabbana.

Dandy Jakob Haupt präsentiert Nagellack und Ringe mit ausgestrecktem Mittelfinger

Im Geburtsland des Dandy hat Gustav Temple mit The Chap Magazine eine typisch britische Welle von „Anarcho-Dandyism“ gestartet. Temples zunächst handkopiertes Heft traf einen Nerv. Fünf Jahre nach seiner ersten Ausgabe hatte Temple bereits 10.000 Abonnenten – und eine revolutionäre Bewegung. „Chappism“ verbindet englische Kultur und Tradition mit dem bizarren Humor von Monty Python. Chaps trinken Tee, rauchen Pfeife, tragen Tweed und Schnurrbart und wollen mit guten Manieren die Welt verbessern. In Flashmob-Aktionen protestieren sie gegen „unästhetische“ moderne Kunst und besteigen mit Pfeifen, Monokeln und Flachmännern bewaffnet Skulpturen im Tate Modern. Sie stürmen McDonald’s und Starbuck’s Filialen und verlangen nach Hammelnierchen und Oolong-Tee aus Porzellantassen. Sie verteilen Trilbys und Fedora-Hüte auf dem Piccadilly Circus und bringen Sportkappenträgern das Hutziehen bei.

Doch die Chaps lehnen nicht alle Aspekte moderner Kultur ab. Mr. B the Gentleman Rhymer ist im Herzen Rapper. Er überarbeitet HipHop-Tracks und gibt ihnen mit seiner Banjolele und englischem RP-Akzent die Dandy-Note. Seine Website hat natürlich Tweed-Background, die Links sehen handgestickt aus, die Videos sind eingerahmt von einem hölzernen Röhrenfernseher.

Das Dandy-Revival macht auch vor Hip Hop nicht Halt: It’s Chap-Hop!

Der Dandy in Reinkultur mag eine Randerscheinung bleiben, aber einzelne Elemente von Dandyism sind schon längst in den Mainstream gewandert. H&M verkauft Blousons mit floralem Muster, Seidenkrawatten und Samtblazer und veröffentlicht Trendreports zu Männer-Makeup. Selbst die Erzfeinde des Dandy, Denim und Sportswear, bleiben nicht unberührt: Puma und Miharayasuhiro haben zusammen einen Hybriden aus Turnschuh und Brogue entwickelt. Levi’s Vintage Clothing legt für die Frühjahr/Sommer-Kollektion 2014 ein Kultstück neu auf: den Smoking aus Denim, wie ihn Levi’s 1951 für Jeansliebhaber Bing Crosby schneiderte. In welcher Form auch immer, der Dandy ist das Gegenstück zum Loser-Image des deutschen Mannes, wie es kürzlich im Zeit-Artikel gezeichnet wurde. Also rebelliert und macht euch schön, Männer!

Referenzen