© Elin Goethe

Immersion

Imbissbude Deluxe: Die große Food-Truck-Story

Die Rezession hat auch ihre guten Seiten – zumindest kulinarisch. Seit die Nordamerikaner weniger Geld fürs Essengehen ausgeben, müssen viele Gourmetköche improvisieren. Das Ergebnis: ein Revival der Street Food-Kultur. Das neue Essen auf Rädern hat nicht mehr viel gemein mit den berüchtigten Frittierbuden der Vergangenheit, die im englischsprachigen Volksmund den unappetitlichen Spitznamen „Roach Coaches“ tragen. Food Trucks sind hip, bieten hohe Qualität für wenig Geld und oft innovativere Gerichte als die stationäre Restaurantszene. Die Auswahl reicht von Sterneküche über multikulturelle Hausmannskost bis hin zu kreativen Variationen amerikanischer Klassiker. Angekurbelt wurde der Food Truck-Hype von sozialen Medien wie Facebook und Twitter.

Als Kind habe ich Imbissbuden geliebt. Nichts war appetitlicher als der fettig-würzige Duft von Rostbratwurst, der mir auf dem Nachhauseweg entgegenwehte. Später wollte ich selbst eine Imbissbude besitzen: „Die heiße Kiste“. Dann verwechselte ich auf einem Weihnachtsmarkt eine Rost- mit einer Rossbratwurst und war so angewidert vom süßlichen Geschmack des Pferdefleisches, dass 10 vegetarische Jahre folgten. Mein Verhältnis zur Fressbude ist bis heute angeschlagen: zu fettig, zu ungemütlich, zu unästhetisch. Ich esse gerne langsam und bin schrecklich ungeschickt mit Fingerfood. Burger, Burritos & Co. bedeuten Sauce im Ärmel und Fettflecken auf den Klamotten. So ignorierte ich zunächst die blühende Food Truck-Szene von Vancouver. Doch es gibt kein Entkommen. Auf den Shoppingmeilen, in Fernsehen, Radio, Stadtmagazin, bei Partygesprächen: Food Trucks sind omnipräsent, und Reality Shows wie „The Great Food Truck Race“ oder „Eat St.“ begleiten den Trend.

Wie also kam es zum Food Truck-Hype? Mobile Restaurants gab es in Nordamerika schon seit Ende des 19. Jahrhunderts, die als „Night Lunch Wagons“ in New York und anderen Großstädten die Schichtarbeiter mit Essen versorgten. Im 20. Jahrhundert kamen mobile Armeekantinen dazu, bimmelnde Eiswagen, Hot Dog-Stände und Taco Trucks, die mexikanische Streetfood-Kultur in die USA brachten. Mobiles Essen galt insgesamt als billig, ungesund und proletarisch.

Der Imagewechsel der Food Trucks begann in Los Angeles mit dem unglaublichen Erfolg von„Kogi BBQ To-Go“, einem koreanischen Taco Truck. Der inzwischen preisgekrönte Koch Roy Choi servierte an wechselnden Standorten Fusion-Gerichte wie Kimchi Quesadillas und koreanische Burritos. Schnell wurde der Kogi Truck ein Social Media-Hit: Fans folgten ihm auf Twitter und Facebook und strömten in Scharen herbei, sobald der Laster Station machte. Das Kulturmagazin Smithsonian.com beschreibt Kogi als „Mobilität in einer Stadt, die Mobilität verehrt; Kogi verwischt Grenzen von Rasse, Klasse und Ethnizität; Er verkauft nicht nur Blue Moon Mulitas und Blackjack Quesadillas, sondern eine soziale Erfahrung.“

Essen im Stehen war plötzlich chic und trendy. Die wechselnden Standorte und limitierten Öffnungszeiten schaffen ein Gefühl von Dringlichkeit und machen das Essen an der rollenden Kantine zum Event. Wer weiß, wann der Truck wiederkommt? Der Imbisskunde wird zum Insider, der per Food Truck-App, Website oder sozialem Netzwerk seine liebsten Food Trucks live verfolgen kann. Food Trucks verbinden Nostalgie und digitales Zeitalter, Fast Food und gesunde Gourmet-Küche, die Mittagspause mit einem Hauch von Fernreise. Denn die meisten neuen Food Trucks importieren Straßenkochkunst aus Lateinamerika, Afrika und Asien oder werfen einzelne Zutaten daraus in ihren mobilen Melting Pot.

Von der Straße in die kanadische Wildnis: „Wild Thyme“ auf Saturna Island. © Elin Goethe

In vielen amerikanischen und kanadischen Großstädten gehören sie inzwischen zum Straßenbild, ziehen Anwohner, Büroarbeiter und Touristen an und breiten sich wegen innerstädtischer Übersättigung stetig in ländliche Gegenden aus. Food Trucks werden für Events wie Hochzeiten, Partys, Firmenveranstaltungen und Straßenfeste gebucht. Selbst vor Flughäfen machen sie keinen Halt: Tampa International wirbt mit seinem Food Truck-Sortiment, LAX plant sogar einen Indoor-Food Truck.

Doch in den USA hat der Food Truck-Boom schon seinen Gipfel überschritten.

Was als unabhängiges Grass Roots-Phänomen begann, verkam bald zu schneller Geldmacherei. Schlechte Imitate erfolgreicher Konzepte überschwemmten den Markt. Selbst Fast Food-Riesen wie Taco Bell und Jack in the Box schickten eigene Laster auf die Straßen. Kanada lernt nun aus den Fehlern der ersten Food Truck-Welle. Die Stadt Vancouver etwa startete 2010 das Food Cart Program, das Standorte, Qualität und Vielfalt der Essbuden kontrolliert und die Konkurrenz zu stationären Restaurants vermeiden soll.

Jedes Jahr dürfen nur 15 neue Teilnehmer hinzukommen. Und die Auswahl ist tatsächlich breit und kreativ: West Coast-Küche mit Fisch und Meeresfrüchten aus der Region, japanische Fisch-Tacos mit Wasabi-Mayonaise, Pommes aus Süßkartoffel mit Chili-Aioli, vegane Sandwiches, Risotto-Bällchen mit Marinara-Sauce, ukrainische Piroggen mit griechischer, italienischer oder mexikanischer Füllung. Auch die Klassiker dürfen nicht fehlen: Grilled Cheese Sandwich, Sushi, Dim Sum, Chili con Carne, Barbecue. Schwere Entscheidung. Ich teste zunächst den „Soho Road Naan Kebab“.

Das indische Fladenbrot wird frisch im Truck gebacken und mit gegrilltem Lamm und würziger Joghurt-Soße gefüllt. Ich finde einen Sitzplatz auf einem Blumenkübel, esse zufrieden in der Sonne, kleckere kaum und stelle fest: Essen am Food Truck ist tatsächlich ein soziales Phänomen und das nicht nur im neumodischen Sinne. Anders als beim Mittagstisch im Restaurant komme ich schon beim Warten mit den anderen Kunden ins Gespräch, lerne zwei Touristen aus Seattle kennen, eine Angestellte aus dem benachbarten Bürogebäude, einen freischaffenden Künstler.

Frisch aus dem Laster-Tandoor: ein Lamm-Kebab in Downtown Vancouver aus der Ich-Perspektive. © Elin Goethe

Tim, 50 und Ex-Koch aus Toronto kennt die Food Truck-Szene. „Diese Typen machen ein Vermögen, einige bis zu 5.000 Dollar am Tag. Die können es sich leisten, in Mexiko zu überwintern.“ Trotzdem lässt er sich inzwischen lieber von anderen bekochen. Wir beobachten gemeinsam die Passanten, vergleichen unsere Städte, tauschen Tipps für Sehenswürdigkeiten und natürlich die besten Food Trucks aus.

Ob die Food Truck-Welle auch im großen Stil nach Deutschland schwappt? Die Straßenverkehrsordnung macht es schwer. So beschränkt sich etwa die Berliner Food Truck-Szene auf Marktplätze, Privatgelände und Straßenfeste. Schade, denn hochwertige und kreative Imbisse sind leider noch eine Seltenheit. Aber Essen im Sitzen ist ja auch viel gesünder. Und genau dahin geht es paradoxerweise auch im Food Truck-Business wieder: Trendsetter Kogi aus L.A., Japadog, ein japanischer Hot Dog Stand oder Re-Up BBQ, dessen Betreiber schon mehrere Barbecue-Wettbewerbe gewonnen hat, haben parallel zu ihrem Fahrgeschäft Restaurantfilialen eröffnet…