© Courtesy of Pottery Barn

Zeichen der Zeit

Intensiver Wohnen mit Nippes

Donuts auf Stelzen? Archäologische Artefakte? Böse Zungen nennen sie schlicht Staubfänger. Doch der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich sieht in diesen Holzringen ein Zeichen der Zeit: Objekte, die uns etwas über die Befindlichkeit unserer Gesellschaft sagen. Ullrich glaubt, dass Dekoobjekte, deren Nutzen oder Herkunft ungewiss ist, unser Wohngefühl intensivieren.

In etlichen Milieus der Gesellschaft wird in den eigenen vier Wänden nicht mehr nur gekocht, gearbeitet, geschlafen oder gespielt – und all das in jeweils klar definierten Räumen. Vor allem wird gewohnt. Tatsächlich hat sich innerhalb der letzten ein bis zwei Jahrzehnte die Vorstellung durchgesetzt, Wohnen sei eine eigene Tätigkeit. Aber was genau tut man, wenn man wohnt? Mancher würde sagen: Nur wer alles, was er zu Hause tut, ganz bewusst und mit voller Identifikation betreibt, nur also, wer mit Passion kocht oder das Zubettgehen zelebriert, wohnt dabei zugleich. Wohnen erscheint dann bedeutungsschwer, wie ein Leben in Zeitlupe.

Wer Wohnen als aktives Tun begreift, wird aber auch oft zweifeln, ob das, was er oder sie gerade tut, schon Wohnen ist. Um diese Zweifel zu besänftigen, muss man eigens fühlen, dass man wohnt. Und dazu gibt es Wohnaccessoires. Natürlich gab es auch früher schon allerlei Nippes – von Bücherstützen bis zu Reiseandenken – doch seit Wohnen zur Tätigkeit avanciert ist, explodiert der Bedarf an Artikeln, die dazu dienen, sich wohnend zu fühlen. Ein Typus solcher Artikel fällt unter die Rubrik „Shabby Chic“, ist also angesagt, weil die Objekte gerade nicht neu und perfekt aussehen. Gebrauchsspuren suggerieren, sie würden schon lange verwendet – und auch weiterhin intensiv genutzt.

Holzringe, auf Metallstäbe montiert und zu Skulpturen erhoben, sind erst recht Wohnverstärker. Sie sind nach Paul Valéry nahezu perfekte ‚Objets Ambigus’, ist bei ihnen doch unklar, ob sie aus der Natur kommen oder Artefakte sind, ob sie alt sind oder einer fremden Kultur entstammen, ob sie jemals eine Funktion hatten oder immer nur Dekor waren. Diese Bedeutungsoffenheit lässt sie unfertig erscheinen, aber gerade damit motivieren sie zusätzlich zu ihren Gebrauchsspuren dazu, sich aktiv mit ihnen zu beschäftigen. Wer sie um sich hat, fühlt sich im Modus des Gestalten-Könnens und Kreativ-Seins. Sie stimulieren dazu, sich selbst intensiv zu spüren – und eben deshalb zu wohnen.

© Courtesy of Pottery Barn. Wooden Medallion on a Stand, $89.