© Photo Tobis Film

„Lass’ uns die Hütte von Paris abchecken!“

Willkommen in Los Angeles, der Stadt, in der die Girls (und Boys) schon mit 16 das Gehen in High Heels beherrschen, wo Selfies genauso zum guten Ton gehören wie ein schickes Inspiration Board und die feine Line Koks. Willkommen in Los Angeles, der Stadt, die Lindsay Lohan und Paris Hilton ihre Heimat nennen, wo sich die Style-Tracker mit den Paparazzi verbünden und die High Society immer nur einen Katzensprung entfernt ist.

Alles, was hier zählt, ist die Oberfläche: Die Schuhe – am liebsten rot besohlt; die Tasche – idealerweise nach einer Schauspielerin benannt; die Armbanduhr – Schweizer Wertarbeit. Für den Freundeskreis um Rebecca und Mark, die Sofia Copolla in ihrem neusten Film The Bling Ring porträtiert, sind das die Must-Haves. Allein leisten können sie es sich nicht. Die Louboutins und Birkin Bags und Rolex-Uhren bleiben zunächst Sehnsuchtsmomente in Magazinen und Blogs. Jedenfalls so lange, bis Langweile und Übermut siegen und die Hollywood-Kids sich einfach nehmen, was sie haben wollen.

Rebecca und Mark steigern ihre Aktionen langsam. Erst räumen sie nur Autos aus, die in Hollywood wohl selten abgeschlossen werden, dafür aber immer Geld oder Kreditkarten bergen. Dann steigen sie in das Haus eines Kumpels ein, der grad im Urlaub ist und schließlich drehen sie die ganz großen Dinger: Im Social Web lesen sie, welche Stars gerade nicht in der Stadt sind und machen online deren Adressen ausfindig. Und was Michael Moore mal generell für Kanada behauptet hat, scheint auf den Stadtteil Hollywood in Los Angeles im Bundesstaat Kalifornien der United States of America definitiv zuzutreffen: Die Häuser sind selten abgeschlossen und irgendein Fenster lässt sich immer öffnen.

Und so finden sich die stilbewussten Kids in den Villen von Paris Hilton und Orlando Bloom wieder. Die Stars leben im Überfluss. Unzählbare Schuhpaare, Handtaschen, Armbanduhren, Designer-Fummel, Edel-Parfüms reihen sich aneinander und Rebecca und Mark machen sich mit ihren Freund_innen die Taschen voll. Bis die Truppe auffliegt. Kein Wunder, haben sie doch fleißig Photos von sich in Paris Hiltons Kleiderkammer auf Facebook gepostet und sich auch sonst nicht gerade durch Verschwiegenheit ausgezeichnet.

Was sich anhört wie eine Eins-A-Hollywood-Fiktion, beruht auf einer wahren Geschichte. In der amerikanischen Vanity Fair veröffentlichte Nancy Jo Sales im März 2010 einen Artikel mit dem Titel „The Suspects Wore Louboutins“. Einleitend heißt es: „ The most audacious burglary gang in recent Hollywood history – accused of stealing more than $3 million in clothing and jewelry from Paris Hilton, Lindsay Lohan, and other stars – appears to be a bunch of club-hopping Valley kids, motivated by vanity and celebrity-worship.” Sofia Copollas Film basiert auf genau diesem Artikel und den Bling-Ring-Polizeiberichten.

The Bling Ring ist der inzwischen fünfte Film, bei dem Copolla Regie geführt hat, der sechste, wenn man ihren Kurzfilm Lick the Star (1998) dazu zählt. Nach dem langsameren Somewhere(2010) kommt The Bling Ring temporeich daher. Die Takes sind recht kurz und werden zum Teil durch eingeblendete Twitter-Screenshots oder TMZ-Aufnahmen unterbrochen. Wenn eine Szene mal länger dauert, dann wirkt sie dafür aber auch nach. Im Presseheft zum Film beschreibt Copolla so ein Szene: „Es gibt auch längere Einstellungen, so wie die, wo das Haus aus der Ferne gezeigt wird und die beiden Kids rein und raus, von Zimmer zu Zimmer gehen. Dies vom gegenüberliegenden Hügel aus zu drehen, war die Idee von Kameramann Harris Savides. Ich liebe diese Einstellung und bin froh, dass Harris sich dafür eingesetzt hat als wir nach unterschiedlichen Arten suchten, die Einbrüche zu drehen.“

Auch musikalisch unterscheidet sich der Film stark von den Vorgängern. Im Oscar-prämierten Lost in Translation sind es vor allem Indie-Klänge, die vorherrschen und neben The Jesus and Mary Chain trägt auch Phoenix, die Band von Copollas Mann Thomas Mars, einen Track bei. In Somewhere sind es dann etwa die Foo Fighters und The Police, die erklingen. inspirierte gar Air zu einem inoffiziellen Soundtrack – eher entspannte Musik. Der misogyne Rap von 2 Chainz oder Rick Ross in The Bling Ring ist da schon das krasse Gegenteil. Und Azealia Banks und M.I.A. erhöhen zwar den Frauenanteil des Soundtracks, ruhiger wird es deswegen aber lange nicht.

Sofia Copolla hat in The Bling Ring vor allem mit Nachwuchs-Schauspieler_innen gearbeitet. Israel Broussard, der Mark spielt, kann in seiner Filmographie außer dem Copolla-Film noch nichts vorweisen, genauso wie Katie Chang, die Rebecca spielt. Aus der Bling Ring-Gang sticht einzig Emma Watson heraus, deren Rolle im Film nahtlos an die Photos der Burberry-Kampagne 2009 anschließen könnte, die Mario Testino mit ihr geschossen hat. Und keine Sekunde will während des Filmschauens ein Gedanke an ihre Rolle als Hermine in Harry Potter aufkommen. Einen kleinen Gag gönnt sich Sofia Copolla, wenn sie auch Kirsten Dunst kurz auftreten lässt, die ja schon in The Virgin Suicides und Marie Antoinette mitspielte. Dieses Mal ist sie aber einfach nur sie selbst. Wie übrigens auch Paris Hilton, die im gleichen Club wie Dunst abhängt.

Kleine Trivia zum Abschluss: Die Szenen, die in Paris Hiltons Haus spielen, spielen wirklich in Paris Hiltons Haus. Wir sehen Paris Hiltons Kleiderschrank, Paris Hiltons Poledance-Stange und Paris Hiltons Paris-Hilton-Kissenbezüge. Und das macht Spaß!

„Man kann das schon gar nicht mehr ‚oberflächlich’ nennen, weil das bedeuten würde, dass sich wenigstens etwas darunter befindet.“, urteilte meine Kinobegleitung nach dem Gucken über die Bling Ring-Gang. Recht hat er.

Referenzen