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Zeichen der Zeit

Lesen für Zeitlose

Lesen für Leute, die keine Zeit zum Lesen haben? Ein wachsender Markt, wie der Erfolg der Sachbuch-App Blinkist und unzählige Websites und Seminare zum Thema Speedreading zeigen. Auch der Traditionsverlag Reclam sieht hier ein zukunftsfähiges Geschäftsfeld und gründete 2016 die 100 Seiten-Reihe. Das Themenspektrum reicht von Superhelden und Twin Peaks über John F. Kennedy und Jane Austen bis hin zu Ötzi und Menschenrechten. Ist die Reihe Ausdruck eines neuen Leseverhaltens?

Farbenfrohe Cover im Text-Art-Stil, nur etwas größer als die typisch gelben Reclam-Heftchen, um die seit Generationen kein Schüler herumkommt. Das charakteristische Reclam-Erlebnis bleibt auch bei der 100 Seiten-Reihe erhalten.

Schnelle Information, unterhaltsam, prägnant und meinungsstark – das ist der Anspruch von Reclam an seine 100 Seiten-Bändchen. Die Autoren arbeiten ihr Thema durch persönlichen Bezug individuell auf. So kaufte sich der Amerikanistik-Professor Frank Kelleter mit zwölf Jahren seine erste Bowie-Platte und analysiert nun die künstlerischen Strategien David Bowies. FAZ-Redakteur Dietmar Dath, der zum Leidwesen seiner Eltern lieber Comics als Klassiker las, entschlüsselt das Universum der Superhelden.

Neu bei Reclam ist die Betonung der Lesedauer: „100 Seiten für 100 Minuten“. Populär war die Hervorhebung des Faktors Zeit bislang eher beim Konsum von Online-Inhalten. In immer mehr Medien taucht neben dem Datum der Veröffentlichung die durchschnittliche Lesedauer eines Artikels auf. Tenor: Lesen kostet Zeit. Dieser Faktor spielt bei anderen Titeln im Reclam Verlagsprogramm keine Rolle, die ebenfalls Themen ungezwungen aufgreifen und eine geringe Hemmschwelle aufweisen, wie die Reihe „Zum Vergnügen“.

Daher kann die Betonung der Zeit im Rahmen der „100 Seiten“-Reihe eine Reaktion auf ein ökonomisiertes Leseverhalten sein und als Marketingstrategie verstanden werden, die auf ein Publikum mit wenig Zeit abzielt, das informativ und kurzweilig zugleich unterhalten werden möchte. Ob der Faktor Zeit dabei den entscheidenden Kaufimpuls setzt, oder doch das Thema oder der Autor, bleibt offen.

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