© Mikayla Mallek

Interview

Let’s Talk Start-up

Ist die Arbeit im Start-up wirklich so romantisch? Was sind das für Menschen, die ihr ganzes Geld und jede Minute investieren für ihre Idee von Freiheit, einem besseren Produkt oder gar einer besseren Welt? Wie unterscheiden sich Start-ups von klassischen Unternehmen und wie leben die Gründer mit dem ständigen Risiko der Pleite? Unsere Autorin Maike Niet fragte drei Gründer, wie sie die Arbeit im Start-up – und ihre Kollegen – erleben.

© Christo Papanouskas

Christo Papanouskas (25), Hamburg, ist Gründer von Assassin Design, einer Ideenschmiede, die deutschlandweit in den Bereichen Corporate Innovation, Start-up-Inkubation und Ecosystem-Aufbau aktiv ist. Assassin Design vermittelt Start-up-Methoden und -Arbeitsweisen an traditionelle Unternehmen, die ihr Geschäft innovieren möchten.

© Anne Domdey

Güncem Campagna (43), Düsseldorf, ist Gründerin von Codingschule und StartBoosters. In der Codingschule lernen Kinder und Jugendliche spielerisch den Umgang mit Hard- und Software und programmieren schulrelevante Inhalte. So sollen sie besser auf digitale Berufe vorbereitet werden. StartBoosters ist eine Plattform, auf der sich Unternehmen aus dem Mittelstand, Start-ups und Digitalexperten zur digitalen Transformation austauschen.

© Markus Staniszewski

Markus Staniszewski (28), Hamburg, ist Gründer des Ledertaschenlabels Wild Coast. Er verkauft fair produzierte, hochwertige Ledertaschen, die in traditioneller Handarbeit in Marokko genäht werden. Eine transparente, ganzheitliche Wertschöpfungskette heißt für Markus, seinen Näherinnen und Nähern gute Arbeitsbedingungen und sichere Zukunftsperspektiven zu bieten. Die Tiere, die das Leder liefern, stammen aus der direkten Umgebung der Produktionsstätte und werden vollständig verwertet.

STURM und DRANG: Viele Mitarbeiter in Start-ups schwärmen von den „steilen Lernkurven“ die sie bei ihrer Arbeit erleben. Wie sehr spielt Lernen für euch eine Rolle?

Christo Papanouskas: Wir lernen jeden Tag hundert neue Sachen. Das macht es sehr interessant, belastet aber auch die Arbeit. Wir haben einige etwas ältere Mitarbeiter, die zwar im Kopf noch sehr jung sind, sich aber darauf einlassen mussten, dass sie nicht jeden Tag dasselbe tun.

Güncem Campagna: Ich bin verhältnismäßig alt und berufserfahren in die Start-up-Gründung reingegangen. Ich dachte, ich bringe schon ein gewisses Knowhow mit und könnte nicht viel falsch machen, aber das stimmte nicht. Bei der Gründung eines Unternehmens macht man so viele Fehler. Es gibt Dinge, die man nicht selbst bestimmen kann. Das Umfeld hat einen großen Einfluss auf das Geschehen. Da muss man mit einer gewissen Fehlerquote rechnen und aus diesen Fehlern lernen.

Markus Staniszewski: Klar macht man viele Fehler, die man sich aber auch verzeihen – und offen ansprechen – sollte. Das Lernen steht für mich an erster Stelle. Da man eine holistische Perspektive auf die Dinge hat, sich mit allem im Unternehmen befassen muss, geht es nicht ohne. Ich denke, man muss es lieben zu lernen und einen offenen und lernbereiten Charakter haben.

SuD: Abgesehen von unternehmenspezifischen Skills: Was habt ihr über euch und für euch gelernt?

Christo: Am Anfang der Gründung muss man sehr dickköpfig sein. Es gibt Phasen, in denen es kein Geld gibt und man gefühlt auf der Stelle tritt. Da fragt man sich oft: Will ich mir das wirklich antun? Man hat ja keine Beweise, dass es wirklich funktioniert. Da muss man stur sein, einfach ausprobieren und durchziehen.

Güncem: Ich habe gelernt, dass ich über viel Resilienz verfüge. Wenn man die Verantwortung für Kunden und Mitarbeiter hat, kann man sich nicht einfach zurückziehen, wenn etwas schiefläuft. Dann kann man nur sagen: Ok, es ist blöd gelaufen und ärgerlich, aber beim nächsten Mal machen wir es anders. In vielen Dingen bin ich gelassener geworden. Ich rege mich nicht mehr über alles auf, was nicht gut läuft und habe gelernt, mir Unterstützung zu holen. Ein Unternehmen lässt sich nicht alleine aufbauen.

Markus: Gelassenheit finde ich auch wichtig, weil man täglich mit so vielen Problemen und Hindernissen konfrontiert wird, die einen sonst überrennen. Und man braucht viel Geduld. Insbesondere bei unseren Partnern in Marokko haben wir gelernt, anders an die Sache ranzugehen und nicht alles sofort zu erwarten. Dort ist es erst einmal wichtig, dass man sich auf persönlicher Ebene gut versteht und eine Verbindung aufbaut. Erst dann kommt das Geschäft.

SUD: Wie frei könnt ihr eure Arbeit gestalten?

Christo: Sehr frei. Jeder Tag ist anders. Wir lernen hier untereinander und voneinander sehr viel, weil wir aus unterschiedlichen Bereichen kommen. Wir haben die Zeit, Freiheit und die Möglichkeit zu fragen, was tun die anderen eigentlich? Und lernen so neue Dinge, mit denen man sonst nie in Berührung gekommen wäre.

Güncem: Die Freiheit ist aber da beschränkt, wo sie wirtschaftlich nicht tragbar ist. Freiheit muss man sich erarbeiten und leisten können. Sicher kann ich sagen, die Nase von dem einen Kunden passt mir nicht, aber kann ich auf ihn verzichten? Trotzdem kann ich über das Tempo, meine Mitarbeiter und mein Team bestimmen und über die Felder, in denen ich arbeite.

SuD: Bei aller Selbstwirksamkeit und Autonomie: Gibt es in der Start-up-Welt auch Regeln oder Tabus?

Christo: Ein ungeschriebenes Gesetz ist zum Beispiel, dass man keine anderen Start-ups öffentlich angreift oder diskreditiert.

Güncem: Für Start-ups gelten natürlich auch betriebswirtschaftliche Regeln. Am Ende muss das Unternehmen laufen. Selbstständigkeit oder Unternehmertum bedeuten Verantwortung. Für mich heißt das auch, moralische und ethische Bilder zu haben. Uns ist zum Beispiel wichtig, dass wir unsere Mitarbeiter und Trainer fair bezahlen, genauso wie Vielfalt, soziale Verantwortung und Werte. Im Miteinander versuchen wir mehr auf Offenheit, Transparenz und Kollegialität zu setzen als auf flache Hierarchien.

SuD: Gibt es in euren Augen ein Problem mit den oft festgefahrenen Strukturen in Großkonzernen?

Markus: Als Start-up können wir schneller handeln und zum Beispiel auf Modetrends reagieren. Wir können spontan nach Marokko fliegen und diese oder jene Tasche herstellen, weil es gerade den Zahn der Zeit trifft. Die Hierarchien sind flacher, die Kommunikation geht schnell und wir können gut mit Kritik umgehen. Das ist in größeren Unternehmen, wo bestimmte Machtverhältnisse herrschen, schwieriger.

Christo: Das hat aber nicht nur etwas mit der Größe eines Konzerns zu tun, sondern auch mit dem Alter. Es gibt auch Start-ups, die schon Konzernstrukturen aufweisen. Schwierig sind festgefahrene Strukturen, die einfach beibehalten und nicht neu durchdacht werden. Da hört man oft den Satz „Das haben wir immer schon so gemacht“. Das geschieht meist aus Egogründen und nicht, weil es keine Ressourcen gibt. Dann will der Vorgesetzte vielleicht nicht darüber nachdenken, weil es sein kann, dass der Praktikant Recht hat und er dadurch seine Reputation verliert. Ich weiß aber auch, dass viele Unternehmen gerne verstehen würden, warum kleine Teams wie das unsere so produktiv sein können.

SuD: Sind weniger Strukturen denn immer besser?

Christo: Strukturlosigkeit ist am Anfang ein Vorteil. Ich kann zum Beispiel frei überlegen, wie ich einen Mitarbeiter am besten einsetze. Aber auch Start-ups müssen irgendwann das chaotische Lernen und Arbeiten in strukturiertes Arbeiten abwandeln. Aktuell hört man in den Medien von vielen Start-ups, die diesen Sprung nicht geschafft haben und Mitarbeiter entlassen müssen. Und zwar, weil sie sich ab einem bestimmten Wachstum nicht überlegt haben, wie sie wachsen und sich strukturieren wollen. Ich empfehle unseren Gründern immer, sich regelmäßig einmal die Woche zusammenzusetzen, um auch über Probleme zu sprechen, die noch gar nicht aktuell sind, sondern in Zukunft auftreten könnten.

Markus: Genau. Auch wir müssen schauen, wo wir welche Strukturen schaffen. Aber das ist ein kontinuierlicher Prozess, bei dem alte Strukturen von neuen ersetzt werden können. Wenn eine Struktur nicht mehr zu einer persönlichen Lebenssituation passt, dann kann man diese wieder verwerfen und neu überdenken. In großen Konzernen muss man dagegen sein Leben an die vorgegebene Struktur anpassen.

SuD: Viele junge Menschen möchten in einem Start-up arbeiten, doch die wenigsten bleiben dann länger als zwei Jahre. Wie passt das zusammen?

Markus: Es ist vor allem der Drang nach Freiheit und Selbstverwirklichung. Etwas zu schaffen, das die eigenen Werte widerspiegelt. Ich denke, es passt zu unserer Generation, dass wir nicht mehr in alten Strukturen verhaftet bleiben und für immer im gleichen Unternehmen arbeiten wollen.

Christo: Eine flache Hierarchie wird innerhalb eines Start-ups häufig gepredigt, aber nicht immer gelebt. Darüber wird selten gesprochen. Statt es offen zu thematisieren, kündigt man lieber.

Außerdem ist bei kleineren Start-ups die Bezahlung meist nicht so üppig. Und besonders in der Medienbrache tendieren Mitarbeiter zum Job-Hopping, etwa um schnell an höhere Positionen zu kommen. Ungefähr die Hälfte aller Mitarbeiter in einem Start-up wechselt alle zwei Jahre. Die anderen 50 Prozent sind dafür sehr treue Mitarbeiter, die mit dir durch schlechte Zeiten gehen.

SuD: Wurdet ihr schon von Kollegen enttäuscht oder habt euch verraten gefühlt?

Güncem: Es gab kürzlich einen Fall, wo ein Mitgründer überraschend ein tolles Angebot von einem Unternehmen bekommen hat und sein Team innerhalb von zwei Wochen verließ. Die anderen Gründer empfinden es natürlich als Verrat, wenn sie sitzen gelassen werden. Ich persönlich habe erlebt, dass meine Idee und Unternehmung plötzlich in einem Organigramm unter einem anderen Namen auftauchte. Das war sehr unangenehm und enttäuschend.

Christo: Oder wenn plötzlich während einer brenzligen Phase jemand aussteigt und ein großes Loch zurücklässt, das von den anderen Gründern gefüllt werden muss, das wird schlecht verziehen. Wenn sich jemand zurückzieht, während es dem Start-up gut geht, ist das etwas anderes.

SuD: Mit welchen sonstigen Risiken müsst ihr leben?

Christo: Das Risiko ist immer die finanzielle Unausgewogenheit. Man weiß nie, ob es das Start-up in einem Jahr überhaupt noch gibt. Teilweise bricht die Auftragslage weg oder man kann sich ohne finanzielle Mittel nicht ausreichend gegen rechtliche Dinge zur Wehr setzen. Dieser Druck lastet direkt auf den Gründern. Gute Gründer versuchen das zu kanalisieren und strukturieren. Die Mitarbeiter bekommen davon normalerweise recht wenig mit. Sie merken es höchstens unterschwellig, wenn es dem Unternehmen nicht so gut geht.

Güncem: In der Start-up-Szene können digitale Produkte sehr schnell entwickelt werden. Der Markt ist unglaublich groß und der nächste Konkurrent kann überall herkommen, etwa aus China oder Indien. Es ist nicht voraussehbar, wie schnell sich die Konkurrenz entwickelt oder ob sie ein besseres Produkt hat. Ein anderes Risiko sind unreife Märkte, also ist der Markt überhaupt bereit für das eigene Produkt. Und man startet meist mit wenig Kapital. Die Gründer haben dabei natürlich das größte Risiko, weil sie finanziell haften.

SuD: Gibt es den typischen Start-up-Gründer?

Markus: Bei Start-up-Veranstaltungen fällt auf, dass die Teilnehmer besonders kommunikativ und wissbegierig sind. Und sie sind einzigartige Persönlichkeiten, irgendetwas sticht immer heraus. Das macht solche Events sehr offen und interaktiv. Es ist so, als würde man dort Kumpels treffen.

Christo: Bei den meisten Start-up-Menschen, die ich treffe, hab ich das Gefühl, dass sie einen Elevator Pitch vorführen. Man fragt nicht mehr „Wie heißt du“, sondern man rasselt in drei Minuten runter, wo man herkommt, was man gerade macht oder wieviel Kapital man gerade eingesammelt hat.

Güncem: Ich denke, optisch kann man das nicht erkennen. Klar gibt es den Hipster mit Bart und Flipflops, aber es gibt auch den Edelzwirn, der vorher Unternehmensberater war und jetzt eine tolle Hightechfirma aufgemacht hat.

SuD: Ist Arbeiten in Start-ups nicht eine Frage des Alters?

Güncem: Ich kenne einen 19-Jährigen, der mit 17 Jahren angefangen hat, seinen E-Commerce-Shop aufzubauen und das sehr erfolgreich. Ich kenne aber auch einen Mitte 50-Jährigen, der nach Jahren aus einer großen Beratungsfirma ausgestiegen ist und sein KI-Start-up aufgemacht hat.

Christo: Selbstständiges Arbeiten ist eher eine Frage des geistigen Alters. Ältere Kollegen bringen häufig mehr Wissen und Lebenserfahrung ein und haben stärkere Nerven. Aber die Mehrheit ist sehr jung. Das Durchschnittsalter liegt zwischen 25 und 30 Jahren.

SuD: Ist die Arbeit in Start-ups dann mehr Sprungbrett als Ziel?

Christo: Für viele ist es ein Sprungbrett, weil sie in sehr kurzer Zeit eine gewisse Position einnehmen können, besonders im Bereich Social Media, Marketing und PR. Da übernimmt einer schon mal nach zwei Jahren die gesamte PR-Leitung. Wenn es nicht so viele Konkurrenten im Team gibt, ist man relativ schnell die Nummer 1. Von da aus springen sie dann häufig weiter in eine Agentur.

Markus: Bestimmt kann man durch die flachen Hierarchien einfacher herausstechen und schneller eine gewisse Position erreichen. Ich glaube aber, dass diejenigen, die leidenschaftlich für ein Start-up arbeiten, das aus Gründen der Selbstverwirklichung tun und deswegen bleiben. Ich sehe Start-ups eher als Sprungbrett für weitere Projekte, die sich gegenseitig befruchten.

SuD: Kann die Arbeit zu einer zweiten Heimat werden und Kollegen zur Familie?

Güncem: Natürlich, aber das ist unabhängig von Start-ups. Ich habe vorher in Werbeagenturen gearbeitet, da war das auch so. Wenn die Arbeit Spaß macht und sehr viel Zeit einnimmt, passiert das automatisch.

Markus: Ja, wenn man eine gemeinsame Vision hat und ein Ziel verfolgt, schweißt das stark zusammen.

Christo: Eine GmbH zu gründen ist ein bisschen wie heiraten. Daher ist es so wichtig, sich vor der Gründung das Team genau anzuschauen. Für viele ersetzt die Arbeit im Start-up alles, was sie bisher gemacht haben. Bei uns sehen wir immer mehr, dass wir Privatleben und Geschäftliches nicht mehr trennen können. Daher haben wir die beiden Bereiche bewusst miteinander verbunden. Unsere Familien unterstützen uns vor Ort. Das ist auf der einen Seite schön, auf der anderen Seite heißt es auch, dass ich mich neben meinen Kollegen jetzt auch mit deren Familie und ihren Sorgen auseinandersetzen muss.

SuD: Wenn es im Start-up solch eine große Rolle spielt sich auszuleben, wie egoistisch geht es dann zu?

Christo: Die Menschen in einem Start-up sind häufig sehr extrovertierte und eigene Persönlichkeiten. Und es gibt niemanden, der sie reglementiert. In einem Unternehmen wird es sofort unterdrückt, wenn sich jemand „ausleben“ möchte.

Markus: Um etwas Größeres zu schaffen, braucht man den richtigen Grad an Egoismus, auch wenn dann Familie und Freunde darunter leiden. Der Egoismus in großen Unternehmen ist ein anderer. Dort geht es oft um Wettkampf. In kleinen Start-ups ist man gemeinsam egoistisch.

SuD: Gibt es eine gemeinsame Start-up-Vision?

Güncem: Ich denke, alle wollen erfolgreich sein, ihre Leidenschaft und ihr Engagement so einsetzen, dass das Geschäft gut läuft. Dafür bringen wir viele Opfer.

Markus: Ich glaube „Think Big and Do it“ und „Change the World“ schwingt bei vielen mit.

Christo: Die meisten Startups haben eine übergeordnete Vision, wie etwa einen Markt zu dominieren oder die Welt zu retten. Sie wollen etwas grundsätzlich verändern, Neues schaffen oder Menschen helfen. Der soziale Aspekt wächst sehr stark. Einige sagen natürlich auch: Profit and Exit. Also so reich zu sein, dass man in den sogenannten Ruhestand gehen kann.

SuD: Und eure persönliche Vision?

Christo: Unsere Vision ist es, sowohl in Start-ups als auch in großen Unternehmen Innovationen zu streuen. Wir wollen diese Bereiche zusammenführen, so dass beide Welten voneinander profitieren.

Güncem: Uns geht es um Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Wir möchten möglichst vielen Menschen Zugang zu digitaler Bildung gewähren und unsere digitalen Kompetenzen mit den Schülerinnen und Schülern teilen, die es am meisten benötigen.

Markus: Gutes Unternehmertum und gutes Menschentum. Es geht nicht nur um Maximierung des eigenen, sondern auch des sozialen Profits. Uns ist wichtig, eine gute Balance zwischen unseren Produzenten in Marokko, Akteuren in Deutschland und uns zu wahren.