Trendletter

Nachhaltigkeit wird erwachsen – Energie & Umwelt 2018

Stadtplaner designen gegen Überschwemmungen, Tech-Konzerne bauen moderne Umwelt-Utopien und eine niederländische Designstudentin entzieht Reinigungsmitteln einfach 80% des Materials: Im neuen Trendletter Energie & Umwelt stellt Innovation Strategist Hans Rusinek Signale einer neuen Nachhaltigkeit vor.

Fast niemandem muss man noch erzählen, wie dringend ein Wandel zur Nachhaltigkeit ist. Das Thema ist in aller Munde, in jedem Parteiprogramm, Teil jeder Unternehmensstrategie. Nur der Wandel lässt noch auf sich warten. Geht’s jetzt los oder ist die Luft schon wieder raus?

Was wir jetzt erleben, ist ein Erwachsenwerden des Nachhaltigkeitsbegriffes. In der Babyphase waren sämtliche Nachhaltigkeitsbemühungen unheimlich notwendig, aber auch belastend und einschränkend. So wie die Gemüsekiste, auf die man immer warten musste und die dann meistens voller Kohl war. Dann kamen die Teenager-Jahre: mitteilungsbedürftig, provokativ. Nachhaltigkeit als Style. Der Drang nach Selbstausdruck befeuerte nachhaltige Produkte – oder alles was danach aussah. So wie eine Jutetasche mit dem Aufdruck „Plastik ist voll 90er“.

Und jetzt? Etwas ruhiger, aber auch kooperativer, beständiger und holistischer ist die erwachsene Nachhaltigkeit. Sie wird zur „self-evident mission“. Wir sehen Natur und Menschen nicht mehr als Gegensätze an, die vereint werden müssen, sondern streben nach einem nahtlosen Modus des Zusammenlebens. Was dem einen hilft/schadet, hilft/schadet auch dem anderen. Unser eigenes Leben wird zunehmend in nachhaltige Prozesse eingebunden, bis persönliche Interessen und Nachhaltigkeitsinteressen sich vollkommen ineinander auflösen. Nachhaltigkeit ist jetzt keine nervige Ideologie mehr, auch kein oberflächliches Mode-Accessoire, sondern der neue Standard auf Autopilot. Unaufgeregtes Aufeinanderachtgeben in populistischen Zeiten!

Phänomen #1: Google als Stadtplaner

Sidewalk Labs, das urbane Innovationsteam der Google-Tochter Alphabet, plant derzeit, einen Stadtteil von Toronto in ein Live-Labor nachhaltigen Designs zu verwandeln. Stellen Sie sich Straßen vor, auf denen die Passanten Robotaxis heranwinken, Lieferroboter unterirdisch Waren transportieren, autonome Müll- und Kehrfahrzeuge den Abfall bei Bedarf beseitigen, Modulgebäude passgenauen Wohnraum bieten – all das selbstverständlich betrieben mit sauberer Energie. Solch eine durchoptimierte Stadt könnte völlig neue Level an Nachhaltigkeit und Mobilität erreichen und soll laut Sidewalk Labs dazu noch erschwinglich sein und die Wirtschaft ankurbeln. Doch sind mathematisierte Städte lebenswert? Und was macht Google mit all den Daten?

© Sidewalk Labs

Technologie-Konzerne entwickeln zur Zeit sehr gern Modellstädte. Das japanische Elektronikunternehmen Panasonic baut in Berlin-Adlershof das Wohnquartier Future Living Berlin, ein Ensemble von 69 Wohneinheiten, dessen Strom- und Wärmefluss automatisch in einem Kreislaufsystem reguliert werden soll. Der Microsoft-Gründer Bill Gates hat vor Kurzem einen Landstrich in Arizona erworben, wo auf einer Fläche von 20 Quadratkilometern eine Hightech-City mit Hochgeschwindigkeitsnetzen, Datenzentren und autonomen Fahrzeugen entstehen soll. Und im Wüstensand von Saudi-Arabien soll in den nächsten Jahren unter der technischen Leitung des ehemaligen Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld eine 500 Milliarden Dollar teure Mega-City (Neom) aus dem Boden gestampft werden, in der Passagierdrohnen verkehren und Häuser aus dem 3-D-Drucker konstruiert werden.

Phänomen #2: Reiniger im Kleinformat

Die holländische Firma Twenty hat sich zum Ziel gesetzt Plastikmüll und CO2-Emissionen beim Transport zu reduzieren. Dafür entzieht Twenty den Produkten das Wasser, das bisher 80 Prozent des Inhalts ausmachte. Als trockene Tablette, Kapsel oder Granulat sparen Twenty Reiniger von Spülmittel bis Haarshampoo sogar Lagerplatz zuhause ein.

© Twenty by Mirjam de Bruijn

Die Studentin Mirjam de Bruijn von der „Design Academy Eindhoven“ fand heraus, dass alle flüssigen Haushaltsprodukte zu 80 bis 90 Prozent aus Wasser bestehen. „Wir zahlen also an der Drogeriekasse alle hauptsächlich für reines Wasser und die damit verbundenen Transportkosten“, so de Bruijn. Absurd, dachte sie sich, suchte nach Alternativen – und fand eine Lösung.

Phänomen #3: Vertical Farms

Hightech-Landwirtschaft aus dem Hochhaus oder der Lagerhalle, könnten bald Mainstream werden. Schon länger haben viele Menschen das Vertrauen in die Lebensmittelindustrie verloren und sehnen sich nach „echtem Essen“. Eine Riesenchance für eine neue Generation von Unternehmern, die auf urbane Landwirtschaft, Gemeinschaft und pestizidfreie, hyperregionale Lebensmittel setzen. Ganz vorne dabei sind Firmen wie Square Roots oder AeroFarms.

© AeroFarms

Square Roots ist eine Farm mitten in der Stadt. In zehn schneeweißen Containern ziehen Farmer Basilikum, Salat und Minze heran. Sie mieten die Container von Square Roots für 1200 Dollar monatlich und verkaufen ihre Ernte an Supermärkte und Restaurants. Die Mission: Blattgemüse platzsparend und ressourcenschonend anbauen und zwar vor allem da, wo es gebraucht wird: In Großstädten, die oft kilometerweit vom nächsten Bauernhof entfernt sind. Gründer Tobias Peggs hat einen prominenten Partner und Mitgründer: Kimbal Musk, der Bruder von Tesla-Chef Elon Musk.

Phänomen #4: Regenfeste Städte

Zwei skandinavische Innovationen gehen das Problem starker Regenfälle an. Diese Folge des Klimawandels, kombiniert mit immer mehr versiegelten Flächen, führt inzwischen häufig zu Überschwemmungen – vor allem in Städten. Die Climate Tiles der dänischen Landschaftsplaner von Tredje Natur lenken das Regenwasser weg von Gehwegen und Straßen und bewässern nahe Grünflächen. Diese sind Voraussetzung, damit das System funktioniert und machen zugleich die Stadt lebenswerter. Die Landschaftsarchitekten von SLA haben gemeinsam mit dem Ingenieurbüro Ramboll ein Netzwerk von Wasserbassins und wasserreinigenden Pflanzen erdacht, das den Kopenhagener Stadtteil Nørrebro vor sintflutartigem Regen schützen soll. Ein „erwachsener“, aber auch ernüchternder Umgang mit Klimakatastrophen: Sie arrangieren sich mit den Auswirkungen, anstatt lautstark zum Kampf gegen den Klimawandel aufzurufen…

© SLA

„Überwiegend sind die Städte auf die veränderten Bedingungen nicht ausreichend vorbereitet“, sagt Jörg Knieling von der HafenCity Universität Hamburg. Bei jedem neuen Hochwasser werde wieder deutlich, dass in den letzten Jahrzehnten Fehler gemacht worden seien. Zu wenig Überschwemmungsflächen, versiegelte Oberflächen und begradigte Flüsse sind dafür auch in Hamburg gute Beispiele. Doch wie kann man den Hochwasserschutz verbessern? Indem man umdenkt. Knieling fordert: Statt zu versuchen, das Wasser um jeden Preis auszusperren, müssen die Städte versuchen, mit ihm zu leben.

Phänomen #5: Kaffee-Power

Die britische Hauptstadt ist schon seit Jahrhunderten geplagt von schlechter Luft. Um die Schadstoffbelastung zu reduzieren, fahren die berühmten roten Doppeldeckerbusse nun mit einer neuen Energiequelle: Kaffeesatz. In einer Kooperation von Bio-Bean, Shell und Argent Energy werden die Busse mit Biodiesel befüllt, der aus dem Abfall Londoner Coffeeshops gewonnen und mit herkömmlichem Diesel vermengt wird. Kaffeetrinkende Pendler befeuern also ihren eigenen Transport: der ewige Kreislauf des Business Life.

© bio-bean limited

Bei der Produktion des Bio-Kraftstoffs wird zunächst Öl aus dem alten Kaffee gewonnen. Dieser wird dann mit anderen Ölen und Fetten vermischt und anschließend klassischem Diesel beigemischt. Auf diese Weise entsteht ein Treibstoff, der zu rund zwanzig Prozent aus biologischen Bestandteilen besteht. Damit können die Klimaemissionen während der Fahrt um immerhin 10 bis 15 Prozent gesenkt werden. In der ersten Phase des Projekts sollen 6.000 Liter des Kaffee-Kraftstoffs produziert werden. Langfristig ist aber noch viel mehr möglich: Die Anlage von Bio-bean kann bis zu 50.000 Tonnen an gebrauchtem Kaffee im Jahr verarbeiten. Dies entspricht in etwa einem Viertel der jährlich in London anfallenden Menge.

„Wer einen Baum fällt und das Holz verkauft, verdient Geld. Wer einen Baum pflanzt, schafft einen klaren Wert für die Biosphäre, doch unser Finanzsystem spiegelt dies nicht wieder. 2018 wollen wir das ändern! Die ECO Coin ist eine neue digitale Währung, die positive, nachhaltige Taten belohnt. So verbinden wir Ökologie und Ökonomie.“

Die Arbeit des Künstlers und Philosophen Koert van Mensvoort reflektiert die Zukunft des Konsums. Er ist regelmäßiger Teilnehmer unserer Thinktanks.

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