© Joel Muniz

Female Perspectives on Business

“Work is personal. Really personal.”

Im Rahmen der Diskurse rund um New Work rücken das Wohlergehen von Mitarbeitern und Verantwortungsumverteilung in den Fokus – denn nur so können sich Potenziale umfassend entfalten. Dazu braucht es auch ein Umdenken bei Führung und Leitung: Führungsqualitäten, die sich mit „innovating, building trust & empowering followers“ charakterisieren lassen, werden häufig weiblichem Leadership zugeschrieben. So gewinnen feminine Perspektiven auf Business neue Relevanz.

Wird hierzulande weiterhin die Seltenheit von Frauen in Unternehmen beklagt, sind sie auf politischer Ebene so präsent wie nie zuvor – in Deutschland ist Angela Merkel schon seit 2005 Kanzlerin, die auch in Europa und auf internationalem Parkett als eine der wichtigsten global player gilt; nach den Midterms im November 2018 ist der US-Kongress weiblicher und vielfältiger denn je; Nancy Pelosi wurde als Sprecherin des Repräsentantenhauses wiedergewählt und sorgt bei US-Präsident Donald Trump vermehrt für Unmut; und die neuseeländische Ministerpräsidentin Jacinda Ardern wurde einstimmig für ihren Umgang mit dem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch gelobt.

Gemein ist diesen unterschiedlichen und beispielhaften Positionen, das mit ihnen ein anderes Verständnis von Führung einhergeht, das insbesondere in Zeiten von Krisen und Social-Media-Populismus benötigt wird. Vergleichbares war bereits nach der Weltfinanzkrise zu beobachten, als der Frauenanteil in Aufsichtsräten von Banken und Sparkassen angestiegen ist. Und schließlich wurde auch Mary Barra erst zum CEO von General Motors befördert, nachdem der Autohersteller 2014 mit dem „Zündschloss-Debakel“ in die Krise geraten war.

Veränderung des Arbeitsethos

Doch wie sieht dieses andere Verständnis von Führung aus, das mehrheitlich mit Frauen assoziiert wird? Andrea Albrecht, CEO bei der Agentur Leo Burnett, hebt im Gespräch mit Horizont bezüglich des Umgangs mit Mitarbeitern, die zum Beispiel nach der Elternzeit in den Job zurückkehren wollen, Aspekte wie Vertrauensbildung und Ermutigung hervor: „Wir suchen dann gemeinsam nach individuellen Lösungen“. Das meint auch: Potenzialentfaltung im Zusammenhang mit der aktuellen Lebenssituation.

Voraussetzung dafür ist jedoch ein erfolgtes Umdenken in den Vorstellungen von Führung und Leitung. Zu diesem Schluss kommt Marion Büttgen, Professorin am Lehrstuhl für Unternehmensführung an der Universität Hohenheim. Im Manager Magazin betont sie, dass trotz positiver Beispiele das typische Alpha-Verhalten auf der Top-Führungsebene dominiere – ob Mann oder Frau. Für einen wahren Change bräuchte es neben veränderten Mechanismen wie u.a. das Lösen von starren Arbeitszeitmodellen oder die Einführung von familienfreundlichen Programmen auch:

Veränderungen […] in den Werten. Wenn Unternehmen mehr nach dem Sinn ihres Tuns fragen, nachhaltiger werden, ihren eigentlichen Zweck bedenken, dann können auch Personen mit verträglicheren Charaktereigenschaften besser nach oben kommen.
Professor Dr. Marion Büttgen

Begünstigend kann sich hier die Debatte um New Work auswirken, in der neben der Diskussion um Arbeitszeiten und -orten auch die Verknüpfung von Attributen wie Aggressivität, Leistung und Druck mit erfolgreicher Arbeit zunehmend gelockert wird – zugunsten von Vertrauen, Zusammenhalt und Humanismus.

Für diesen neuen Arbeitsethos fern von einer über Jahre etablierten Alpha-Kultur, die auf Individualismus aufgebaut ist, steht die britische Unternehmerin Mary Portas, Beraterin für den Einzelhandel und TV-Persönlichkeit. Ihr Ansatz zielt darauf ab, wahre Werte in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen. Einer dieser lautet, die persönlichen – oder schlichtweg menschlichen – Dimensionen von Arbeit wahrzunehmen und auf dieser Basis Lösungen zu erarbeiten, die zu mehr Zufriedenheit führen. Damit spricht sie die mit New Work verbundenen Symbiose von Leben und Arbeiten an. In ihrem Buch „Work like a Women“ heißt es dazu:

I’ve lost count of the number of times I’ve heard the phrase ‚it’s business‘ during my working life. And by that people mean ‚this isn’t personal‘. Try telling that to someone who’s got three kids to support and has just been sacked. Work is personal. Really personal. Through it, we can create a sense of progress, accomplishment and community. It fuels our self-esteem, happiness and confidence.Mary Portas

In Portas Agentur sei ihr Ansatz greifbar, wie sie dem britischen Magazin Director schildert „It’s a better, more profitable business. It’s a more creative place, a more joyful place.“

Gelingen kann das mit der absoluten Überzeugung vom Wandel. Das bedeutet aber auch, dass eine Veränderung in der Führung zusammen mit einem neuen Verständnis von Arbeit unabhängig von Krisen vollzogen werden muss, um das Phänomen der gläsernen Klippe abzuwenden. Denn wenn Frauen und Minderheiten sowie Veränderungen in der Arbeitskultur ohne ein riskantes Umfeld diskutiert und eingesetzt werden, besteht eine bessere Chance auf eine erfolgreiche und nachhaltige Umsetzung.

Quellen

Chang, Emily (2018): Der männliche Nerd wurde erfunden. https://www.zeit.de/arbeit/2018-04/silicon-valley-sexismus-emily-chang-brotopia-partys-diskriminierung

Eagly, Alice H. und Linda L. Carli (2007): Women and the Labyrinth of Leadership. Harvard Business Review. https://hbr.org/2007/09/women-and-the-labyrinth-of-leadership

European Commission: Female entrepreneurs. https://ec.europa.eu/growth/smes/promoting-entrepreneurship/we-work-for/women_en

Fels, Anna (2004): Do Women Lack Ambition? Harvard Business Review. https://hbr.org/2004/04/do-women-lack-ambition

Hofmeister, Heather und Lena Hünefeld (2010): Frauen in Führungspositionen. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauen-in-deutschland/49400/fuehrungspositionen?p=all

Hohensee, Matthias (2019): Frauen sind die wahren Unicorns. Wirtschaftswoche. https://www.wiwo.de/erfolg/ gruender/tech-start-ups-frauen-sind-die-wahren-unicorns/24070242.html

Hölter, Katharina (2019): Warum Frauen es so schwer haben, ein Unternehmen zu gründen – und warum sie es trotzdem tun sollten. Bento. https://www.bento.de/future/gruenderinnen-geben-tipps-kleiderei-chefinnen-erzaehlen-woran-sie-gescheitert-sind-a-892beab1-a4bd-4545-a9b4-99c09cdc3ddc

Wohlert, Nora-Vanessa (2019): Was wir von Gründerinnen über die Zukunft von Unternehmen lernen können. Edition F. https://editionf.com/Was-wir-von-Gruenderinnen-ueber-die-Zukunft-von-Unternehmen-lernen-koennen