© Elin Goethe, TRENDONE

Immersion

Roboter, VR und interaktive Werbung

Die Hamburger Trendforschungsagentur TRENDONE, unser Partner in der Innovation Alliance, lädt jedes Jahr zum Sample Day. Dort können neue Technologien ausprobiert werden. Wir haben die Techniktrends 2016 getestet und aufdringliche Roboter, schwindelerregende Sportgeräte und intelligente Werbung erlebt.

VR im Gym

Turne ich noch oder fliege ich schon? © Icaros

Der Mann sieht recht unbehaglich aus hinter seiner VR-Brille. Vor Anstrengung zitternde Gliedmaßen, hektisch wirft er sich nach links und rechts, oben und unten, schließlich hängt er kopfunter kniend in einer Apparatur, die an einen gynäkologischen Stuhl erinnert. Icaros ist Sportgerät und VR-Flugsimulator in einem. Im Hamburger Fitnessstudio Kaifu-Lodge kann man es gegen Aufpreis bereit testen. Oder hier auf dem TRENDONE Sample Day. Ich zweifle, ob das Gerät rockgeeignet ist, doch die Warteschlange ist kurz. Und dann darf ich schon hinaufklettern, bekomme zwei Knöpfe am rechten Handgriff erklärt und die Brille aufgesetzt. „Steuer mit dem Steißgefühl!“ Okay… Ja, es wackelt in alle Richtungen, aber Ausbalancieren ist nicht das Problem. Ich fliege über eine Eislandschaft und soll Punkte sammeln, indem ich durch Feuerringe tauche. Die Grafiken sind pixelig wie die erste Generation von Super Mario Kart. In meinem Kopf dreht sich alles. Schwindelig hänge ich über einer Eisscholle. Wo war jetzt der Feuerring und warum beschleunigt das Ding nicht? Klick, klick, klick. Schon zwei Knöpfe können überfordern, wenn man sie nicht sieht.

Fazit: Nichts für Seekranke und Koordinationsgestörte.

Künstliche Helfer

Pepper, die “emotionale” Androidin, wird schon als Servicekraft eingesetzt.  © Jake Curtis

„How may I help you?“ Pepper macht eine einladende Handgeste, legt den Kopf schief und schaut mich treuselig an. „Book a flight to London“, schlage ich vor. „Where do you want to go?“ “London.” Pepper blinzelt und legt den Kopf auf die andere Seite. Schon irgendwie süß, aber für echte Kommunikation ist vielleicht der Lärmpegel zu hoch. Ich lasse sie Handbewegungen imitieren und probiere den Touchscreen auf ihrer Brust. Pepper ist ein humanoider Serviceroboter. Weiß, so groß wie ein Erstklässler, mit Kulleraugen und Mona Lisa-Lächeln. In Japan verkauft sie bereits Kaffee bei Nespresso, die Costa Gruppe hat sie als Unterhaltungsdame für Kreuzfahrtschiffe gebucht. Peppers kleiner Kollege Nao hat Spielzeugformat und muss gerade laden. Er empfängt bei Sephora in Paris Kosmetikkundschaft und wird in niederländischen Krankenhäusern getestet. Dort soll Nao etwa alte Menschen zu mehr Bewegung animieren. Er turnt ihnen vor, so dass Ärzte und Therapeuten sich darauf fokussieren können, die Patienten zu beobachten. Kranke Kinder begleitet Nao als Haustierersatz  zur OP und begrüßt sie wieder im Aufwachraum.

Während ich noch überlege, ob ich mir ein künstliches Haustier vorstellen kann, werde ich fast von einem rollenden Stehpult umgefahren. Befremdet trete ich einen Schritt zurück. TORY ist ein Inventur-Roboter. Er reicht mir bis an die Schulter, hat weder menschliche Features, noch einen Sinn für Komfortzonen. Wie er sich hinterrücks anschleicht und mir auf die Pelle rückt, ist unheimlich. „TORY wurde darauf programmiert, dicht an die Regale im Lager heranzufahren um die RFID-Chips abzuscannen. Er interagiert nur mit eigens dafür trainiertem Fachpersonal“, erklärt Andreas Bley von der Entwicklungsfirma MetraLabs TORYs mangelhafte Social Skills.

Fazit: Mit menschlichen Zügen und Kindergröße werden Roboter niedlich und unbedrohlich. Auf sie herabzuschauen, verschafft uns ein Gefühl von menschlicher Überlegenheit und wenn die Technik noch hakt… ist wenigstens unser Job noch eine Weile gesichert!

Intelligente Außenwerbung

Echtzeit-Targeting nach Alter und Geschlecht bei AdPack. © publicis & IDA Indoor Advertising GmbH

Als ich vor den Fernseher trete, startet eine Shampookampagne mit wallendem Haar. Kommen meine Kolleginnen dazu, schaltet der Bildschirm um auf eine Gruppenszene bei Starbuck’s. Cristian Torres, Mitarbeiter des Anbieters AdPack, zeigt auf den optischen Sensor im Rahmen des Fernsehers. „Wir arbeiten mit Gesichtserkennung. Der Sensor merkt, ob ein Mann, eine Frau, ein Kind oder eine Gruppe vor dem Bildschirm steht.“ Er schaut in die Linse und schon läuft Baumarktwerbung. Selbst mit dem Foto eines Kindergesichts, frontal vor den Sensor gehalten, funktioniert das Zielgruppentargeting – Start Legospot. „Wenn nur jemand am Sensor vorbeigeht, ohne auf den Bildschirm zu schauen, wechselt die Werbung nicht“, erklärt Torres. „Das ist wichtig an Orten mit viel Publikumsverkehr, wie etwa Bahnhöfe. Unsere Werbekunden zahlen nur, wenn tatsächlich jemand aus ihrer Zielgruppe den Spot sieht.“

Fazit: Die Logik des Onlinemarketing, übertragen auf Außenwerbung.

Referenzen

Collage © Elin Goethe, TRENDONE

Fotos: © Icaros, Jake Curtis, publicis & IDA Indoor Advertising GmbH