© Noel Nichols

Getty Images X SuD: Visual Trend – Second Renaissance

Die Wiedergeburt der inszenierten Fotografie

Die Bildagentur Getty Images ermittelt jährlich visuelle Trends. 2018 rückt „Second Renaissance“ in den Fokus: Fotografien, die an klassische Kunstwerke erinnern und diese gleichzeitig neu interpretieren, tauchen vermehrt in verschiedensten Medienformaten auf. Entsprechende Suchbegriffe sind, laut Getty Images, enorm gestiegen: Luxury Abstract um 186% und Vintage Portrait um 94%. Ob in Modemagazinen, Galerien oder auf Instagram, die Renaissance erlebt ein Comeback – allerdings mit einigen Besonderheiten. Warum hat sich gerade dieser Trend entwickelt? Und was zeichnet ihn aus?

Das Kunsthandwerk Fotografie

Die Fotografie ist im digitalen Zeitalter allgegenwärtig: Jeder Smartphone-Besitzer wird früher oder später zum mehr oder weniger professionellen Fotografen. Urlaubsfotos, Selfies oder Alltagssituationen – es ist einfacher denn je zu fotografieren. Das einst höchst anspruchsvolle und komplizierte Kunsthandwerk ist heute für jeden zugänglich und gerade deshalb bildet sich derzeit ein Gegentrend zum massenhaften Knipsen: Das Handwerk der Fotografie kommt wieder in Mode.

Mit aufwendigen Kostümen, gezielt ausgewählten Settings und durchdachten Kompositionen wird das Bewusstsein für den künstlerischen und handwerklichen Anspruch der Fotografie gestärkt. Auch analoge Fotografie wird wieder beliebter und weist auf eine Veränderung der Kulturtechnik des Fotografierens hin. Die vielfach gesehene Low-Key-Ästhetik, die sich gerade durch eine gewisse Spontanität und Authentizität auszeichnet, bekommt Konkurrenz von der aufwendig produzierten und inszenierten Kunst der Fotografie.

Die kunstgeschichtliche Referenz

In Fotografien, die mit ebendieser Ästhetik spielen, sind oftmals kunstgeschichtliche Referenzen zu erkennen. Doch wie genau sehen diese Referenzen aus? Eine bezeichnende Perspektive, Belichtung oder Bildkomposition kann auf klassische Kunstwerke verweisen. Deutlich wird, dass all diese Faktoren einen hohen Wiedererkennungswert besitzen. So rufen beispielsweise Portraits die in gedämpften Farben erscheinen oder mit einer Rembrandt-typischen seitlichen Belichtung und einem hohen Kontrast spielen eine besondere Dramatik hervor und erinnern den Betrachter an entsprechende Gemälde aus der Renaissance. 

Auch eine spezifische Komposition oder eine besondere Inszenierung kann diese Erinnerung hervorrufen: Kunst-Klassiker, wie das „Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Johannes Vermeer oder Leonardo Da Vinci’s „Mona Lisa“ werden neu interpretiert und zitiert. So zum Beispiel von Sängerin Solange Knowles, die sich für ihr neues Album-Cover A Seat at the Table in halblächelnder Mona-Lisa-Manier in Szene setzt.    

Der kulturelle Kontext

Der Fotograf Pari Dukovic stellte in der Modestrecke Art of Beauty für die amerikanische Harper’s Bazaar gleich mehrere ikonische Kunstwerke nach. Die Besonderheit dieser sehr akribischen Nachahmungen sind die Frauen, die die Protagonistinnen der Kunstwerke darstellen: Models wie Winnie Harlow, Hari Nef und Halima Aden eröffnen eine neue Bedeutungsebene. Sie verleihen dem klassischen Kunstwerk Modernität und Relevanz, indem sie auf die Diversität von Schönheit, Sexualität und Kultur verweisen.

Es wird klar, dass es eben nicht nur um das reine Handwerk, die Replikation dieser klassischen Kunstwerke, geht, sondern vielmehr darum, den ikonischen Charakter der klassischen Kunstwerke in einen aktuellen politischen und kulturellen Kontext zu setzen.

Renaissance, die. Herkunft: französisch, renaissance = Wiedergeburt, zu: renaître = wiedergeboren werden.

Die „Second Renaissance“ will provozieren: Durch die sehr subtile Verbindung des klassischen Kunsthandwerks und der ethnischen Vielfalt. Visuell nähert sich der Trend so zwar an die vergangene Kulturepoche an – kulturell gesehen weist er jedoch stark davon ab. Die zweite Renaissance bezeichnet die Wiedergeburt des Kunsthandwerks in einem neuen politischen und kulturellen Kontext: Bewegungen wie Black Lives Matter, Body Positivity und LGBTQI oder die Ehe für alle zeigen, wie relevant Diversität in der heutigen Zeit ist. Minderheiten sollen nicht nur akzeptiert und respektiert werden, sondern es soll endlich eine Gleichheit entstehen. Eine homogene Rechtslage – und dabei eine möglichst heterogene diverse Gesellschaft, in kultureller, ästhetischer und sexueller Hinsicht. Und vielleicht ist dieser visuelle Trend auch ein Stück weit der Versuch einer Utopie: Die Kunstgeschichte wird zugunsten einer diversen Gesellschaft umgeschrieben.