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Arbeitskultur

Sind Start-ups die Revoluzzer von heute?

Start-ups ziehen qualifizierte Berufseinsteiger aller Hintergründe an und lösen große Nervosität bei den etablierten Unternehmen aus. Ehrgeizige BWLer, die früher an die Wall Street gegangen wäre, versammeln sich heute in improvisierten Büros, in denen sich die Bambusbecher stapeln. Dort treffen sie aber auch auf Kollegen, die es in anderen Jahrzehnten wohl eher zur Hippie-Gegenkultur gezogen hätte als zum Banking. Im letzten Teil unserer Forschungsreise durch den Berliner Start-up-Dschungel beobacht Hans Rusinek überraschende Parallelen zwischen Start-up-Szene und 68er Gegenkultur.

„Es ist halt echt“, antwortet mir ein junger Gründer aus der Energiebranche, nennen wir ihn Marc*, auf die Frage, was ihn an der Arbeit in Start-ups begeistert. Diesen Wunsch nach echten, ungefilterten Erlebnissen höre ich in meinen Gesprächen mit der Berliner Start-up-Szene immer wieder. Er scheint einen großen Teil des Reizes von Startups auszumachen. Aber was meint Marc eigentlich mit „echt“?

„Echt“ bedeutet vor allem „anders“. Anders als die etablierten Unternehmen, die sich in ihren Abläufen doch alle ähneln. Wir leben in einer Arbeitswelt, die sich immer mehr vernetzt und damit auch immer stärker angleicht. Ein Unternehmen in Tokio funktioniert – aus einer gewissen Distanz betrachtet – nicht groß anders als eines in Toronto oder Trier.

Was hier für viele auf der Strecke bleibt, ist Authentizität: „Im Großkonzern merkt man doch gar nicht, ob man Glühbirnen vertreibt oder Schuhcreme“, glaubt Marc. Start-ups sind mehr als junge Unternehmen. Sie verfolgen innovative oder sogar disruptive Geschäftsideen. Versuchen neue Wege zu gehen, „Edge“ zu haben. Damit ist der Reiz des „Echten“ auch der des Unentdeckten, des noch nicht zu Tode Vermarkteten. Start-up-Geschäftsideen betreten Neuland, und die Unternehmer dahinter verbindet eine gewisse Frontier-Mentalität. Doch wo gibt es noch Frontiers in einer durchdelegierten Welt? Start-ups nehmen die Hoffnung auf, doch noch etwas Neues zu entdecken. Das ist „echt“ in einer Zeit, in der gefühlt schon alle Geschichten erzählt worden sind. Unternehmen gehen riskanten Unternehmungen aus dem Weg. Start-ups konzentrieren sich bewusst auf diese Bereiche“. Start-ups leben von positiver Ungewissheit, von neuen Ideen, mit denen es viel zu gewinnen gibt. Gleichzeitig haben sie wenig zu verlieren.

Freie Arbeitswelt – zumindest, was die Wahl des Arbeitsplatzes angeht. © Toa Heftiba

Authentizität, das was „halt echt“ ist, bedeutet nicht nur Anderssein und Neuland betreten, sondern auch eine Freiheit von äußeren Einflüssen. „Ich habe die Freiheit zu lernen, alles auszuprobieren und mich selbst in Frage zu stellen“, teilt mir Daniel* mit, der in einem Start-up für urbane Mobilität arbeitet. In einer klassischen Arbeitswelt dagegen seien es andere, die die Fragen stellten. Doch obwohl diese Freiheit für viele Gründer den Reiz ausmacht, ist sie doch vermutlich ein Mythos. Denn auch im Start-up gibt es Abhängigkeiten: von Investoren, die mit wachsamen Augen und künstlicher Kapitalverknappung den Leistungsdruck erhöhen. Selbst von Coworking-Spaces, die vielen erst den Platz zu arbeiten geben oder eben nehmen. Die wahre Freiheit junger Unternehmer besteht wahrscheinlich darin, bewusst entscheiden zu dürfen, welche Beziehungen sie eingehen und an welche Strukturen sie sich koppeln möchten: Pick your poison.

Dinge, so zu machen, wie sie noch nie angegangen wurden, radikal anders zu sein und dabei noch relativ frei – das klingt mehr nach Utopie als nach einem Bürojob, der die Arbeit in Start-ups ja trotz allem meistens ist.

Revolution gegen das System

Selbst Disruption ist meist nur ein Bürojob. © Bench Accounting

Trotzdem hören die Start-ups nicht auf, immer neue Revolutionen auszurufen. Die einen wollen die Gewerbeversicherung revolutionieren, die anderen fokussieren ihren revolutionären Kampf lieber auf „das Zahnputzerlebnis für die Kleinsten“ und wiederum andere rufen zur Revolution gegen das PDF-Software-Imperium auf. Wem das alles zu banal ist, kann sich den Brigaden von Mime et moi anschließen: Die revolutionieren nichts Geringeres als „die Art zu laufen“. Der Begriff der Revolution scheint sich seit den Zeiten Dutschkes und Ohnesorgs sehr verändert zu haben. Und doch sind es wieder junge gebildete Menschen, noch mit einem Bein in der Uni, die von Revolution sprechen. Doch der Anti-Establishment-Narrativ geht tiefer als bis zur oberflächlichen Verschlagwortung in Elevator Pitches.

Der Feind

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Zum einen gibt es da das Feindbild – nicht mehr der Staat, es sind etablierte Unternehmen. Und die werden von den Start-up-Revoluzzern mit Attributen gedisst, die erstaunlich nah dran sind an denen, die die 68er einst dem Staat zuschrieben: Spießerhölle, Unfreiheit, hierarchische Strukturen und oberflächliches Statusstreben. Das lehnten die 68er ab und genau das prangern auch Gründer an.

„Die Unternehmen sind wie ein träger, halbtoter, fetter Elefant, der sich an die Innovationen von anderen gerade noch so heranrobbt“, findet Daniel.

Marc erzählt vom Event eines großen Unternehmens, zu dem er eingeladen wurde. „Das war so peinlich – das erste, was der Vorstand sagte, war, dass sie auch total innovativ seien“. Wie ein Revolutionär sieht man das etablierte (Unternehmens-)System schon dem Untergang nahe. Doch ein Spannungsfeld bleibt: Der Straßenkämpfer ist gegen den Staat und möchte doch eigentlich selbst Staat sein, das Start-up macht sich über die Größe des Unternehmens lustig und doch ist die erste Devise für Gründer: „Wachsen, wachsen, wachsen“.

Umsturz durch Hacking

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Start-ups werden gegründet mit der Überzeugung, bessere, zeitgemäßere Angebote liefern zu können als etablierte Unternehmen. Und um den Missständen, die in Konzernen wahrgenommen werden, etwas entgegenzusetzen. Core Business statt Rangeln um Posten.

Die „Person-Driven Innovation“ in Konzernen steht im Kontrast zur „Purpose-Driven Innovation“ bei jungen Gründern: Es geht um die Sache, und Egos müssen dahinter zurücktreten. Deshalb florieren Start-ups oft in der Anfangsphase. Zumindest dem Mythos nach gibt es keine internen Machtkämpfe oder externen Stakeholder. Im Idealfall müssen sich die Jungunternehmer nur vor der größeren Vision rechtfertigen. Ganz wie der Revolutionär.

Die Weltsicht der klassischen Unternehmen vergleicht Gründer Daniel dagegen mit dem Tunnelblick eines Zyklopen: „Die sehen nicht das Ganze, schauen nur auf die ebenso träge Konkurrenz und versuchen dann das zu kopieren“. Im Kern eines jeden Start-ups hingegen steckt die Hoffnung, es besser zu können ohne Bestehendes zu kopieren. Eben etwas Revolutionäres in die Welt zu bringen.

Das Tool für die Revolution heißt Hacking. Wo früher in Software eingedrungen wurde, werden jetzt ganze Industrien gehackt. So planen Start-ups, Marketing, Unternehmenswachstum oder gleich das menschliche Gehirn zu hacken. Hacking bedeutet, existierende Strukturen für einen anderen Zweck zu gebrauchen. Vor allem ist der Hacker jemand, der als winziger Eindringling riesige hochkomplexe Gebilde übernehmen kann. Und das ist wichtig für Start-ups: Hacking ist die Antwort auf die Frage, wie eine kleine Organisation einen Unterschied machen will. Start-ups hacken Wachstum, sie hacken den Markt und sie hacken sich damit an den Großen vorbei. Hier wird wieder eine Nähe zu den Revolutionären deutlich: Was macht ein Hacker mit einem Programm anderes als ein Umstürzler mit einem Staat? Das Bild des „Hackens“ verbindet den echten Revolutionär mit dem Start-up-Unternehmer.

Die Gemeinschaft

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Und ganz wie bei den Revolutionären von früher zählt neben dem Feindbild und der Hoffnung die Gemeinschaft und mit ihr eine gewisse Outlaw-Mentalität. So sind Gründer meist in einem vorfamiliären Alter und ballen sich an Orten mit Outlaw-Charme (Berlin, Kalifornien, Israel). Und vielleicht lässt sich an diesem geballten Testosteron so auch der absurde Anteil von 9% Frauen an Berliner Gründern erklären (der Anteil in Aufsichtsräten in Deutschland ist mehr als doppelt so groß). Dies ist zumindest ein deutlicher Unterschied zur 68er-Bewegung, die oft auch eine Frauenbewegung war.

Für Start-ups essentiell ist die Gang, in einem Rudel den Laden aufzumischen: „Wir waren die Crew mit den gebrandeten Jacken, die man sofort erkannt hat“, schwärmt Daniel von seinen frühen Start-up-Tagen. Es ist eine starke Gemeinschaftserfahrung, die Start-ups dazu befähigt, auch widrige Umstände zu überdauern. Oder gerade deswegen erst stark zu werden.

Leidenschaft ist Leidensbereitschaft

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„Wir gingen durch Nahtoderfahrungen zusammen – das wird uns immer verbinden“, sagt Daniel etwas theatralisch. Aber vielleicht ist dieses Pathos bei überlebenswichtigen Finanzierungsrunden gar nicht so unbegründet. Wer Leidensperioden gemeinsam übersteht, auch das Leiden aneinander, lernt sich zu schätzen. Denn die enge Arbeit in Start-ups, gemeinsam ein höheres Ziel zu verfolgen, schweißt Menschen zusammen. Und natürlich entsteht bei dieser Leidensbereitschaft auch wieder das Bild von Revolution und man fragt sich, ob die Jünger von Musk und Zuckerberg heute nicht irgendwie auch die Kinder von Dutschke und Langhans sind.

*Namen wurden geändert