© Johan Larsson

Committed

Geliebtes Ding

Wann haben Sie zum letzten Mal einen anderen Menschen berührt? Und wann hatten Sie zuletzt Ihr Smartphone in der Hand? Im virtuellen Zeitalter werden Berührungen immer wichtiger, um sich mit der Welt in Beziehung zu setzen und sie zu begreifen. In Teil 1 unserer neuen Serie „Beziehungsgeschichten aus der postdigitalen Welt“ bekommen die Dinge ihre eigene Körpersprache.

Durchschnittlich 150 mal am Tag schauen wir auf unser Handy. Zehnmal in der Stunde, alle sechs Minuten. Die Geräte sind ein Teil von uns geworden, die Beschäftigung mit ihnen ein Ritual, das unser Verhalten bestimmt. Statt dem Fernsehaltar im Wohnzimmer zu huldigen, nehmen wir jetzt unsere Tablets mit ins Bett. So nah kommt man sich heute selten.

Der engste Vertraute

Kein Wunder also, dass nach einer Motorola Umfrage fast 40 Prozent der unter 30-jährigen Deutschen eifersüchtig ist auf die Zeit, die ihr Partner mit technischen Spielereien verbringt.  Über ein Drittel der Befragten vergleichen das Verhältnis zu ihrem Smartphone mit einer Beziehung. Schließlich verraten wir unserem Handy die intimsten Geheimnisse. Mit wem wir uns wann und wo treffen. Liebesgeständnisse. Klatsch und Tratsch. Bilder unserer privatesten Momente. Und wir tragen das Gerät immer bei uns. Die Frage „Willst Du mit mir gehen?“ erübrigt sich. Das Handy ist immer für uns da. Doch woher kommt diese emotionale Verbundenheit?

So schön glatt und rund

Gegenstände bekommen in unserer zunehmend virtuellen Umgebung eine neue Qualität: Wir brauchen sie mehr denn je, um uns in der Welt zu fühlen und sie im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Touchscreens haben die Beziehung zu digitalen Geräten auf eine neue Stufe gehoben. Alles, was wir direkt berühren und „begreifen“, macht uns an. Selbst reine Webshops eröffnen jetzt stationäre Ableger. Sie haben verstanden, dass Menschen sich vor allem dadurch angezogen fühlen, dass sie etwas in der Hand halten und betasten. So entscheiden wir, ob wir ein Ding besitzen möchten und bauen eine Beziehung zu ihm auf.

Neben ihrem visuellen Design verführen uns Produkte durch ihre Haptik. Während die digitale Welt die Fernsinne bedient, das Sehen und Hören, entsteht Erotik heute mehr über die Nahsinne: das Tasten und Riechen. Im Befühlen und Beschnuppern werden Mensch und Ding eins.

Immer für mich da… ©Mileda Vigerova, Derick Anies

Halten, Wischen und Gleiten

60 Prozent der Handybesitzer drängt es, ihr Smartphone in die Hand zu nehmen, selbst wenn sie gar nicht vorhaben es zu benutzen. Handy halten statt Händchen halten. Und die neusten Modelle sind wahre Handschmeichler. Noch nie war die Bezeichnung Handy passender. Es gibt keine Reibung, keine Störung, keine Ablenkung. Ständig neue Nachrichten, die schnellen Belohnungen, die Likes versetzen uns in einen Flow. Wir schütten Dopamin aus und schwimmen süchtig im Strom der Neuigkeiten. Das Smartphone ist so zu einem Anker zwischen der realen und der virtuellen Welt geworden. Im Gleiten und Wischen erleben wir den Übergang zwischen beiden Sphären. Wir tauchen in die Online-Welt ein und befinden uns dennoch im Offline. Gleichzeitig verortet uns das Handy fest in beiden Welten, so dass wir uns selbst nicht darin verlieren können.

Die Designsprache spiegelt das Schönheitsideal unserer Gesellschaft wieder: Rasierte Körper, stromlinienförmige Autodesigns: Das Glatte macht uns an! Das iPhone 6 ist in der Tat so glatt, dass es ständig aus der Tasche rutscht… #@*&%😡?!!! Trotzdem möchten wir unser Smartphone nicht in eine schützende Hülle stecken – das Glatte fühlt sich einfach zu gut an!

Referenzen

Titelfoto: © Johan Larsson

Fotos: © Mileda Vigerova, Derick Anies

STURM und DRANG Geschäftsführer Stefan Baumann sprach mit dem „Elektrischen Reporter“ von ZDF Info über Computerliebe und Produkterotik.

Elektrischer Reporter: Computerliebe

„Berührung ist einer der wichtigsten Beziehungsfaktoren“ – so wird das Handy mitunter zum Partnerersatz.

Die komplette Sendung finden Sie in der ZDF Mediathek.