Eine Analyse von Emotion und Leid in sozialen Medien

The style of sickness

Persönliche Geständnisse zu Emotionen und psychischen Erkrankungen sind alltäglich in den sozialen Medien. In unserer Serie „Sick Style“ stellen wir den kulturellen Kontext dieses Phänomens und seine Spannungsfelder vor. Beeinflusst wird die offene Selbstdokumentation unter anderem von den Megatrends Gesundheit, Individualisierung und digitale Transformation.

Wie wir Krank-Sein kommunizieren

Der Trend zur öffentlichen Kommunikation von emotionalem und psychischem Leiden in sozialen Medien ist keine Subkultur, die sich auf eine bestimmte Mode oder Musikszene bezieht. Vielmehr handelt es sich um eine Art der Auseinandersetzung mit emotionalen und prekären Themen, die hochkomplex ist und sich verschiedenster Strategien bedient.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt Kontinuitäten: Bereits in der Romantik, einer kulturgeschichtlichen Epoche des 18. und 19. Jahrhunderts, griff z. B. die deutsche Kunstbewegung „Sturm und Drang“ Gefühle und Melancholie verstärkt in Form von Kunst und Poesie auf. Hier diente die Veröffentlichung von privaten Empfindungen als Protest gegen die Auswirkungen der Industrialisierung, die als zu rational und hektisch wahrgenommen wurde. (Day 2017) Ähnliche Motive der Emotionskommunikation finden sich auch in der jüngeren Vergangenheit, wie die unten aufgeführten Beispiele „Grunge“, „Emos“ und „Sad Tumblr Girls“ zeigen.

Anfang der 1980er Jahre drückten Bands wie Sonic Youth oder die Pixies ihre misanthropische Stimmung mit Noise-Rock, also schweren, langsamen Rhythmen aus und formten so die ersten Grunge-Bands (Marin 1992). Die Szene wurde schnell zu einem Lifestyle: Der desillusionierte Vibe wurde durch scheinbar vernachlässigte Hygiene und Secondhand-Kleidung betont.

Ebenfalls musikalisch inspiriert wurde die Emo-Kultur. Diese Subkultur der 1980er Jahre setzte sich bis in die frühen 2000er mit Bands wie „My Chemical Romance“ fort. Auf den ersten Social Media-Plattformen wie MySpace oder Blogspot zelebrierten die Anhänger der Emo-Kultur offen Themen wie Sensibilität, Misanthropie und Suizid. (Marin 1992)

Im Rahmen der entstehenden sozialen Medien, speziell Tumblr, entstand Ende der 2000er Jahre das Internetphänomen „Sad Tumblr Girl“. Auf der Mikroblogging-Plattform entstanden unzählige Bildsammlungen, die Essstörungen, Trauer, Herzschmerz, Drama, Selbstverletzungen und Tod visualisierten und zum Teil romantisierten. (UCLA 2009) Als jugendkulturelles Phänomen drückte sich in dem Typus des jungen, kettenrauchenden, mageren Mädchens mit verschmierter Wimperntusche das Gefühl aus, in der Gesellschaft kein Verständnis für die eigene Situation zu finden. Für manche junge Zielgruppen kann eine Überidentifikation mit dieser durch ihre Imperfektion interessanten Persona verheerende Auswirkungen haben.

„Young women in this new era [2011] were also the victims of wage stagnation and an escalating housing crisis, poor access to mental health services, increasingly limited access to reproductive rights; in other words, they had many reasons to be miserable, depressed, and cynical, and suddenly there was a platform on which to voice these concerns. A platform [Tumblr] where people listened, or at least related. Every retweet, every like, every ‘same’, serves as an affirmation that your feelings are valid, that you are not alone in your struggle.“  Williams 2017

Suffering online today

Die virtuelle Leidenskultur der Gegenwart verbindet die öffentliche Manifestation von Traurigkeit und Schmerz stärker mit der eigenen Person, Posts wie „Ich leide“, „Ich habe eine Panik-Attacke“ und „Meine Erfahrungen mit Medikament XY“ dokumentieren dies. Die Möglichkeiten jedes Einzelnen an einem offenen Dialog teilzunehmen sind elementarer Aspekt des Sick Styles. Die Teilnehmenden setzen sich intensiv mit der eigenen Diagnose auseinander. Sie identifizieren sich mit ihr als Label ihrer Emotionen und Erkrankungen. Sie entwickeln „coping strategies“, indem sie sie online teilen und benennen. Durch die online geteilten Erfahrungen entstehen neue Communities. So kann die Livedokumentation einer Panikattacke Betroffenen helfen, eigene Krisensituationen und Tiefpunkte mit den Strategien anderer zu vergleichen:

„Sich selbst am absoluten Tiefpunkt zu dokumentieren kann ein gutes Mittel sein, um zu schauen wie schlimm es wirklich sein kann – und um später zu erkennen wieviel schon verbessert wurde.“   Anonym, Befragung im Zuge der Feldforschung

Digitale Bildkulturen und Neo-Tribalisierung

Wer nimmt am Sick Style teil? Nicht nur early adopters oder Social Media-Persönlichkeiten, Jugendliche, Akademiker, Mechaniker und Filmstars teilen ihre emotionalen Probleme öffentlich und bilden dabei neue  fluide Gruppen, international und in stetigem Wandel. Von 50-jährigen Amerikanern, die zum Burn-Out vloggen bis zu 14-jährigen Schülern in Deutschland, die Instagram-Stories aus der psychiatrischen Klinik teilen. Die Teilnehmer des Sick Styles lassen sich verschiedensten Nationalitäten und Geschlechtern zuordnen. Sie wählen vielfältigste Darstellungen ihrer Emotionalität, in teils harmloser, teils triggernden Ästhetik.

Individualisierung und Victimization

In unserer individualisierten Gegenwart bilden wir über Lebensstile unsere Identitäten. In sozialen Netzwerken drücken wir unsere digitale Persönlichkeit über verschiedenste Label wie Geschlecht, Beruf, Beziehungen und Ernährungsgewohnheiten aus. Im Sick Style ist nun auch die Psyche in den Fokus unserer digitalen Identitätsbildung gerückt. Insofern ist er mit der teils unbequemen, teils extremen Darstellung von Emotionen, Fehlern und Unsicherheiten ein Gegentrend zur ständigen Selbstperfektionierung.

Generation Y, Generation der Krise?

Millennials haben heute mit zahlreichen Herausforderungen zu kämpfen: Ihre Zukunft ist unsicher, ihr Leben zunehmend fluider.

„Das Jahr 2016 – unterbrochen von Terroranschlägen in Europa, dem Brexit und einer strittigen US-Präsidentschaftswahl – scheint das Vertrauen der Millennials endgültig erschüttert zu haben.“  Deloitte 2017

In diesem Klima der Krise wird die Identitätsbildung junger Menschen zu einem komplexen Auswahlprozess zahlreicher Möglichkeiten der Transformation und Realitätsbildung, die es zu filtern und zu adaptieren gilt.

New Health

Wird die Gegenwart als hektisch oder beschleunigt wahrgenommen, bilden sich Gegenbewegungen, in denen sich der Drang nach Sicherheit, Kontrolle und Ruhe spiegelt: So ist es ist keine Überraschung, dass Minimalismus, Eskapismus und ähnliche Lifestyle-Trends derzeit sehr beliebt sind. Sick Style diversifiziert so auch die bisherigen Verständnisse von Gesundheit. Neben der klassischen Schulmedizin werden holistische Alternativen immer relevanter. Praktiken wie Yoga oder Stimmungstagebücher, die auf mental health zielen, erlangen so den Status von heilenden Aktivitäten. (Trendone 2018)

„Holistic health will be even more global in the future and is increasingly becoming a complex network of impact.“ Zukunftsinstitut 2016

Coping with modernity

Schauen wir zurück auf die Romantik als Gegenbewegung zur Industriellen Revolution, bei der Melancholie zentrales Thema in den Künsten wurde. In Bezug auf Sick Style und die Gegenwart lässt sich die These aufstelle, dass Dokumentation und Thematisierung von Emotionalität und psychischen Erkrankungen heute vergleichbare, essenzielle Rollen zufallen. An den Schnittstellen der Megatrends Gesundheit, Individualisierung und Digitalisierung ist die Kultur der Gefühle eine Strategie, mit den Herausforderungen von politischen und ökologischen Krisen sowie komplexen Identitätsbildungsprozessen umzugehen. Durch die Bildung von fluiden Online-Communities finden Menschen die Möglichkeit, ihre individuellen Realitäten zu erklären und zu vergleichen. Intime Geständnisse zu psychischen Erkrankungen werden so zu einem geteilten Aspekt von Identität und Alltag.

Als „Ära der Emotionen“ bezeichnet die Philosophin Susan Langer das 21. Jahrhundert – ihre These ist, dass jede Ära durch einen dominierenden Zeitgeist geprägt ist, der jeden Bereich der Gesellschaft betrifft.

“Emotional style is what I call the way in which emotional life – its etiology and morphology in 20th century culture becomes a concern, and the way in which it develops specific ‘techniques’ – linguistic, scientific and interactive, to understand and handle these emotions.” (Langer 1973: 11)

Auch Eva Illouz, eine der aktuell bekanntesten Kultursoziologinnen, unterstützt diese These und beschreibt, wie in der postmodernen Gesellschaft vermehrt emotionale Themen öffentlich gemacht werden. Mit dem Aufkommen von Humanismus und Psychologie im 20. Jahrhundert entsteht das Konzept der Selbstverwirklichung als inhärentes Bedürfnis der Menschheit. Die selbstverwirklichte Person wird zum psychologischen Ideal und immer mehr Menschen suchen unter dem Eindruck verschiedener Stadien und Qualitäten eines Selbst Heilmittel für ihren Mangel der Erfüllung:

„Die Psychologen haben eine neue emotionale Hierarchie entworfen, die zwischen den selbstverwirklichten Individuen und diejenigen, die mit allen möglichen Problemen zu kämpfen haben differenziert. Illouz 2007: 72

Das therapeutische Narrativ hat die Populärkultur nachhaltig verändert und Produkte mit „Glücksfaktor“ sind allgegenwärtig:

„Die therapeutische Erzählung der Selbstverwirklichung ist so breit angelegt, weil sie in so vielen sozialen Umgebungen stattfindet: In Selbsthilfe-Gruppen und Talkshows, in der Beratung und Rehabilitation in Therapiesitzungen und schließlich im Internet.“ Illouz 2007: 76

Quellen

Day, C.A. (2017): Consumptive Chic: A History of Beauty, Fashion, and Disease, Bloomsbury Academic.

Deloitte (2017): Apprehensive millennials: seeking stability and opportunities in an uncertain world. Online-Ressource.

Illouz, E. (2007): Gefühle in Zeiten des Kapitalismus – Adorno-Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Langer, S.K. (1973): Philosophy in a new key: a study in the symbolism of reason, rite, and art, Harvard University Press.

Marin, R. (1992): Grunge: A Success Story, The New York Times. Online-Ressource.

Muntschick, V. (Hg.) (2016): HEALTH TRENDS: Gesundes Leben in der Zukunft, Zukunftsinstitut.

Williams, H. (2017): The reign of the sad girl is over and that’s a good thing, The Establishment. Online-Ressource.