© rawpixel

Wie viel Kultur steckt in unseren Vorstellungen von Gesundheit?

In sickness and health

Gesundheit ist einer der Megatrends unserer modernen Gesellschaft. Sie prägt, was wir als gutes Leben verstehen, wie wir uns selbst wahrnehmen und was wir von Staat, Arbeitgeber und Medizin fordern. Dabei ist unsere Vorstellung von dem, was wir als krank oder gesund verstehen, zutiefst kulturell geprägt.

Dementsprechend werden Innovationen aus Medizin, Technologie und Co. erst dann im Alltag vieler Menschen relevant, wenn sie die kulturellen Narrative unserer Gesellschaften berücksichtigen oder es sogar schaffen, sie neu zu definieren. Auf diese Weise können relevante Innovationen zum Beispiel dazu beitragen, unser Bild vom Alter oder unsere Ernährungsgewohnheiten positiv zu verändern. In meinem Trendletter gebe ich nicht nur einen Einblick in die human strategies, die wir in unseren Projekten rund um das Thema Health ableiten konnten, sondern zeige auch auf, in welchen Bereichen sich Gesundheit, Digitalisierung und die Silver Society verweben.

#The culture of health

Die Gestaltung und Optimierung des Körpers, sowohl optisch als auch gesundheitlich, ist zum neuen Anspruch geworden. Gesundheit bedeutet nun nicht mehr nur die Abwesenheit oder Bekämpfung von Krankheit: Ganzheitliches Selbstmanagement und kontinuierliche Selbstpflege sind zu neuen Bestandteil des Lebensstils geworden.

Gleichzeitig stellt aber der moderne Lebenskontext in der Regel sehr körperunfreundliche Rahmenbedingungen (durch Fast Food, sitzende Tätigkeit im Büro, Stress durch Multitasking und Informationsüberflutung etc.) und verstärkt so noch die Spannung zwischen Anspruch und Umsetzbarkeit.

Der Konsument hat zwar heute mehr Zugang zu gesundheitsbezogenem Wissen und Informationen – damit verlagert sich aber auch mehr Verantwortung zum Selbstmanagement auf seine Seite. Dies schafft beim Konsumenten Handlungsbedarf. Er sucht nach Ausgleich durch Rückkehr zur Natürlichkeit, aber auch durch aktive Selbstbehandlung. Rezeptfreie Medikamente zielen nicht mehr nur auf pharmazeutische Lösungen, sondern reichen immer weiter in die Bereiche Ernährung, mentale Balance und Schönheit hinein. Der Anspruch an Gesundheit und Gesundheitsprodukte wird dabei individueller und persönlicher. Darauf müssen auch Produkte und Services reagieren, die sich nicht mehr auf autoritäre Empfehlungskanäle und das Motto “One size fits all” verlassen können.

Es ist unabdinglich, die Glaubenssätze und persönlichen Ziele der Konsumenten hinter den Gewohnheiten und Entscheidungen rund um das Thema Gesundheit zu verstehen, um nicht nur funktional wichtige, sondern auch emotional richtige Lösungen zu gestalten.
Inga Nandzik, Director of Innovation Strategy

#Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen

Der Gesundheitsmarkt steht – wie viele andere Branchen – vor den neuen Herausforderungen, welche die digitale Transformation mit sich bringt. Der Zugriff auf digitale Applikationen zur Selbstkontrolle und -vermessung sowie die digitalen Medien mit ihren neuen ästhetischen Standards kreieren einen großen Selbstoptimierungsdruck. Gleichzeitig liegt in der Digitalisierung des Gesundheitsbereichs das Potenzial für mehr Individualität, Flexibilität und Subjektivierung von Produkten und Dienstleistungen. Gerade der Bereich der Künstlichen Intelligenz bietet große Chancen, Herausforderungen im Gesundheitssystem anzugehen. So können einerseits Ärzte, beispielsweise in der Diagnosestellung oder in der Verwaltungsarbeit, durch datenbasierte Systeme unterstützt werden, um mehr Zeit für Patientenbetreuung zu gewinnen. Oder Chatbots und Apps können eingesetzt werden, um Menschen zu helfen, die keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung haben, ihre Gesundheitsdaten tracken wollen oder unkomplizierte Ferndiagnosen wünschen.

Child Growth Monitor

Der Child Growth Monitor der Welthungerhilfe, eine Augmented-Reality-App, kann mithilfe von KI kindliche Mangelernährung erkennen und zur Bekämpfung beitragen.

Izzy, der Chatbot

Dieser Chatbot ist auf Frauen zugeschnitten ist und bietet eine digitale Unterstützung bei der Überwachung des monatlichen Zyklus. Auch über Themen rund um Frauenheilkunde kann man sich mit Izzy austauschen.

KI in der Diagnose

Konvolutionale, neuronale Netzwerke (CNN) sind teilweise in Versuchen zuverlässiger als Dermatologen in der Diagnose von Hautkrebs anhand von Fotos von Muttermalen.

#Silver Society: Warum wir einen Behavior Change im Alter brauchen

Wenn wir Gesundheit in Zukunft auch kontinuierliches und ganzheitliches Selbstmanagement verstehen, wird das unsere Perspektive auf das Altern verändern. Das Age Lab am MIT in Cambridge forscht zu den kulturellen Narrativen des Alters und stellt fest, dass zwar die Medizin kontinuierlich daran forscht, wie wir Krankheiten von Demenz bis Krebs heilen können – wodurch wir signifikant länger leben als noch vor wenigen Dekaden – gleichzeitig aber scheitert unsere Gesellschaft daran scheitert, diese gewonnene Zeit neu zu definieren und positive Perspektiven für das Alter zu entwickeln.

Deshalb entwirft das AgeLab Produkte und Services, die im wachsenden Markt älterer Menschen relevant werdenm jedoch kein stereotypes Bild vom Alter vorgeben. Denn gleichzeitig gilt für sie: „Alte Menschen kaufen nichts, dass sie daran erinnert, dass sie alt sind. Sie sind eine Zielgruppe, die nicht adressiert werden möchte.“ Im Artikel von Adam Gopnik im New Yorker wird dieses Spannungsfeld von Kultur und innovativer Technik beleuchtet.