© Flickr Brigitte Mackscheidt

A Digital Mind

(Un-)Sterblichkeit im digitalen Zeitalter

Wo enden wir, wenn unser Leben vorbei ist? Eine Frage, so alt wie die Menschheit selbst, für die es – religiöse und spirituelle Überlegungen bei Seite – lange Zeit nur eine Antwort gab: rechteckig, aus Kiefer-, Eichen- oder – wer es sich leisten konnte – Mahagoni-Holz, hinabgesetzt in die Erde im Rahmen einer feierlichen Zeremonie und ab und zu besucht von Angehörigen oder Freunden. Und auch heute entscheiden sich nach wie vor viele Menschen für diese Form der letzten Ruhe. Doch die Bestattungskultur verändert sich zusehends – und wird dabei getrieben von zwei zentralen Entwicklungen unserer Zeit: Der Individualisierung der Menschen und der Digitalisierung ihrer Lebenswirklichkeit.

Einzigartigkeit in Anonymität

Vorbei sind die Zeiten von pompösen Marmorstatuen und Blumenbeeten; heute entscheiden sich mehr als 50 Prozent der Menschen gegen eine traditionelle Sargbestattung und für einen letzten Weg ins Krematorium. Dort werden ihre eingeäscherten Überreste in Urnen gefüllt und den Angehörigen übergeben, die nun entweder den Willen des Toten ausführen oder selbst über eine angemessene letzte Ruhestätte entscheiden. Immer öfter ist dies eine grüne Wiese des Friedhofs, auf der die Urnen namen- und zeichenlos beigesetzt werden – eine bewusste Anonymität, die dem oft zitierten Drang zur Selbstpräsentation widerspricht. Ein offensichtliches Paradox also. Doch ist es vielmehr so, dass Menschen gerade in dieser Ablehnung etablierter Kulturpraktiken eine Form der Einzigartigkeit suchen.

Besonders in Großstädten passt diese Einstellung zum urbanen Lebensstil. Aber auch ganz pragmatische Gründe spielen eine Rolle, wenn sich Menschen für eine Urnenbestattung entscheiden. So ist sie nicht nur deutlich kostengünstiger in Anschaffung und Pflege, sondern bildet zugleich einen Weg, dem Platzmangel auf Großstadtfriedhöfen Herr zu werden. Frei nach dem Motto: „Die Toten sollten nicht mehr Platz einnehmen als die Lebenden.“

Zurück zu den Wurzeln

Ist der Friedhof keine Option als letzte Ruhestätte, bestehen in Deutschland trotz gesetzlicher Friedhofspflicht einige Alternativen: So haben immer mehr Städte und Gemeinden mittlerweile sogenannte Bestattungswälder eingerichtet – ausgewiesene Waldflächen, in denen Menschen in kompostierbaren Urnen in der Nähe eines Baums ihre letzte Ruhe finden können. Sie heißen FriedWald, Ruhehain oder RuheForst. Bestattet wird durch den Förster, die Grabpflege übernimmt die Natur. An den Verstorbenen erinnert lediglich ein kleines Grabschild am Baum.

Eine noch engere Verbindung zwischen Natur und Menschen, zwischen Leben und Tod schafft das Angebot des Unternehmens Tree of Life. Dabei wird die Asche des Verstorbenen in einer als Friedhof eingetragenen Baumschule im Ausland zusammen mit einem wasserbindenden Granulat vermischt. In diesen Humus wird anschließend ein Baum gepflanzt, der nach einer Wachstumszeit von sechs bis neun Monaten (so lange, bis die menschlichen Überreste nicht mehr nachweisbar sind) zurück nach Deutschland transportiert wird. Dieser logistische Aufwand ist nötig, da der Gesetzgeber eine Beisetzung vorschreibt und die Einfuhr von Asche verbietet. Am Ende dieser letzten Reise steht es den Angehörigen frei, ob sie den Baum in ihrem eigenen Garten oder speziell eingerichteten Arealen auf Friedhöfen oder Wäldern einpflanzen. Eine Entscheidung, die gut bedacht werden sollte, möchte man seine Liebsten bei einem Umzug doch ungern den Nachmietern überlassen.

Feuer, Wasser, Luft

So einzigartig wie der Verstorbene soll für einige Hinterbliebene auch seine Bestattung sein. In Deutschland legalisiert und etabliert ist die Seebestattung, bei der die Urne auf hoher See ins Meer gelassen wird. Die Angehörigen erhalten eine Seekarte mit Kreuzchen und genauen Koordinatenangaben, die beispielsweise für eine Gedenkfahrt genutzt werden können.

Kaum eine Chance, ihre Liebsten zu besuchen, haben dagegen Angehörige von Menschen, die ihre Asche ins Weltall schießen lassen. Das kalifornische Unternehmen Celestis bietet diesen Service an – und trifft scheinbar auf große Nachfrage, trotz einem Preis von 5000 US-Dollar. In der Umlaufbahn der Erde fanden schon zwei Menschen ihre letzte Ruhe, die sich dort vermeintlich bestens auskennen sollten: Gene Roddenberry und James Doohan, Autor und Schauspieler der Serie „Raumschiff Enterprise“, waren 2012 auf dem ersten Flug dabei.

Nicht ganz bis is Weltall, doch zumindest in den Himmel bringt Heavens Above Fireworks den eingeäscherten Menschen. Als Teil einer Rakete steigt seine Asche in die Luft, um anschließend in einem Meer aus Farben aufzugehen. In einer immer säkulareren Welt gehe es weniger um Trauer über den Tod als um das Feiern seines Lebens, erklärt Geschäftsführer Fergus Jamieson. Ob als ruhige Feier („A Gentle Farewell“) oder imposantes Ereignis („Go Out With A Bang“), das englische Unternehmen hat verschiedene Lichtspiele im Angebot.

Feuerbestattung im Jahr 2016 als spektakuläres Finale © Andrey Larin

Die Werkzeuge der digitalen Bestatter

Die Digitalisierung macht auch vor dem Tod nicht Halt. Das zeigen nicht zuletzt die Facebook-Seiten von Verstorbenen, auf denen auch Jahre nach deren Ableben noch freudige Geburtstagswünsche gepostet werden. „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“, schrieb Berthold Brecht schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – heute scheint seine Aussage relevanter als je zuvor. Denn jedes Jahr sterben weltweit etwa 375.000 Facebook-Nutzer. Viele ihrer Profile bleiben erhalten und werden so zu einem unfreiwilligen Denkmal der ständigen Erinnerung.

Um auch den digitalen Tod würdevoll zu feiern, gibt es digitale Bestatter wie das Berliner Start-Up Columba. Als digitaler Nachlassdienst kümmert sich das Unternehmen darum, die Online-Aktivitäten und –Konten von Verstorbenen zu finden, aufzulösen oder zu übertragen – und das vollkommen automatisiert. Waren früher Bestattungswagen und Versorgungskoffer die Werkzeuge der Wahl, braucht der digitale Bestatter heute nur eins: Algorithmen.

Digitale Unsterblichkeit

Doch es gibt auch Wege, das Internet bewusst als Ort der Trauer und des Gedenkens wahrzunehmen. Eine ganze Reihe von Unternehmen bietet mittlerweile Möglichkeiten der Verewigung auf einem Online-Friedhof: Während bei Doolia, Gedenkseiten.de oder Straßederbesten.de digitale Traueranzeigen nach dem Baukastenprinzip erstellt werden können, wirbt Stayalive als das „Portal für digitale Unsterblichkeit“. Und damit nicht genug: Auch Haustiere (MemoryGarden24) und sogar virtuelle Spielfiguren (bis vor kurzem im Herolymp) finden Erinnerung im Netz.

Auch nach dem Tod digital mit Familie und Freunden verbunden. © Stayalive.com

Eine Verbindung zwischen digitaler und analoger Welt bilden QR-Codes, die auf immer mehr Grabsteinen eingraviert sind. Möchte man mehr über den Toten erfahren, reicht es, den Code mit dem Smartphone einzuscannen und schon landet man auf einer eigens eingerichteten Erinnerungsseite.

Wenn der Tod allgegenwärtig wird

Die heutige Bestattungs- und Trauerkultur ist vielschichtig und nicht immer konsequent nachzuvollziehen. Was früher eine Marmorstatue war, ist heute eben nicht nur eine Website. Dieser Vergleich greift zu kurz, denn während eine physische Grabstätte – ob als Sarg oder Urne, auf dem Friedhof, im Wald oder auf See – ein Ort ist, den man bewusst aufsuchen, aber auch verlassen oder meiden kann, ist das digitale Grab immer nur einen Klick entfernt. Diese Omnipräsenz erschwert die im Trauerprozess so wichtige Abkopplung vom Toten.

Und sie zieht weitere Probleme mit sich, denn nicht immer ist klar, wer über die Gedenkseite bestimmen darf, wenn der Verstorbene nicht vorgesorgt hat. Doch selbst wenn digitale Vorkehrungen getroffen wurden, wie weit können Angehörige dennoch Admin-Rechte erhalten und die Inhalte der Seite bearbeiten? Fragen, die heute noch von großer Relevanz sind; doch glaubt man dem Futurologen Ian Pearson, so wird digitale Unsterblichkeit ihrer wörtlichen Bedeutung in Zukunft deutlich gerechter: „Es wird dann möglich sein, den Geist auf eine Maschine zu laden, sodass der körperliche Tod kein wirkliches Problem wäre.“

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