Interview

Was Kreativität schafft

Wie kann sich kreatives Denken entfalten und wie kommt man auf zündende Ideen? Der Berliner Kreativitätsforscher und Innovation Designer Frederik Kraft hat darauf fünf Antworten.

Q. Frederik, du bist Kreativitätsforscher. Wie steht es denn um dich selbst – wie und wann bist du kreativ?

A. Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Phasen, da bin ich sehr kreativ und kann stundenlang an meinen Projekten arbeiten. Diese Zeit nennt man in der Kreativitätsforschung Kairos-Zeit oder Flow. Wenn ich merke, dass ich einfach nicht weiterkomme, dann höre ich auf. Ich gehe spazieren, mache Sport oder konzentriere mich auf andere Dinge. Denn wenn man festhängt, kann man nicht kreativ arbeiten.

Q. Du untersuchst insbesondere, welchen Einfluss Kreativität in Start-ups hat. Was meinst du in den Zusammenhang damit, dass Start-ups wie Kinder sind und etablierte Unternehmen wie Erwachsene?

A. Start-ups sind sehr neugierig. Sie wollen herausfinden, wie sie die Welt verändern können. Sie improvisieren, gehen Risiken ein und probieren unterschiedliche Rollen aus. Aber sie entwachsen eben dieser Phase genauso wie es Kinder tun. Wenn ein Unternehmen erfolgreich wird, verändert sich auch die Unternehmenskultur: Häufig verlieren Start-ups ihren Anfängergeist und damit auch ihre Kreativität. Die Mission sollte deshalb sein, sich als Unternehmen eine „kindliche Kultur“ zu bewahren, um immer wieder neues zu schaffen.

Q. Oft ist es ja so: Kreativität ist eine viel bemühte Vokabel in Unternehmen, aber irgendwo zwischen Bürokratie und Termindruck verliert man das freigeistige und geht nur noch die festgetrampelten Pfade. Wie löst man diese Blockaden?

A. Ein erster wichtiger Schritt ist die Mitarbeiter zu motivieren kreativ zu sein, Risiken einzugehen und Fehler zu machen. Ein solches offenes Klima löst Blockaden der Mitarbeiter fördert deshalb Kreativität. Darauf aufbauend helfen unterschiedlichen Techniken, wie z.B. Ideen-Meetings, flexible Arbeitszeiten, Budget zum Ausprobieren, Platz für Kreativität zu ermöglichen – denn jeder Mensch ist kreativ. Man muss ihm nur den Raum dafür geben.

Q. Was sind die strategischen Ansatzpunkte, um diesen Raum zu schaffen?

A. Einer der bekanntesten Kreativitätsforscher, Mel Rhodes, identifizierte und definierte vier verschiedene Bereiche, die Einfluss auf jede Art von Erscheinung und Ausprägung von Kreativität haben. Dies sind: Person, Process, Product und Press: Der Begriff Person umfasst alle Bereiche über Persönlichkeit, Intellekt, Motivation, Eigenschaften, Einstellungen und Verhaltensweisen. Der Begriff Process umfasst den Weg zur Problemlösung. Der Begriff Product bezieht sich auf eine Idee, die sich in einer greifbaren Form äußert und der Begriff Press (Umwelt) bezieht sich auf die Beziehung zwischen Individuen und ihrer Umgebung. Jeden dieser vier P’s kann man unterschiedlich fördern. Das Schöne ist, wenn man einen Bereich begünstigt, werden andere Bereiche automatisch mit gefördert. Beispielweise könnte bei Person Raum für kreatives Denken geschaffen werden – sprich Divergent Thinking und Convergent Thinking. Bei Product könnten Mitarbeiter durch Re-kombinieren existierender Produkte neue entwickeln. Das Wissen über Produkte und Trends spielen hier eine wichtige Rolle. Im Process könnten Phasen der Inkubation eingeführt werden, um so alle Facetten des kreativen Prozesses optimal auszunutzen. Bei Press könnten minimale Budgets für Risikoprojekte eingeführt werden, um so die Ängste des Scheitern zu reduzieren.

Q. Kreativität in Innovationsprozessen – ist das eine essentielle Zutat?

A. Ja, ich würde sogar behaupten die wichtigste Zutat. In der Vergangenheit wurde häufig Kreativität nur als erster Schritt eines Innovationsprozesses gesehen – durch Kreativität entstehen Ideen und durch Ideen wiederum Innovationen. Aber ich denke, dass Kreativität nicht bei der Ideen-Generierung aufhört. Sie ist das wichtigste Werkzeug für den gesamten Innovationsprozess – bei der Produktentwicklung, Implementierung und Vermarktung.

Q. Was ist dran daran, dass wir den interdisziplinären Austausch über Unternehmenssilos hinweg brauchen, um innovativ zu sein?

A. Kreativität entsteht durch Verbinden von unterschiedlichster Punkte. Je mehr man weiß, um so kreativer kann man kombinieren. Wenn man sich interdisziplinär und unternehmensunabhängig austauscht, kann man ganz verschiedene Punkte miteinander verbinden. Deshalb sollte man sowohl persönlich als auch unternehmensintern bewusst das Neue suchen, mit den unterschiedlichsten Menschen reden, arbeiten und neugierig bleiben. Steve Jobs sagte mal „… you can’t connect the dots looking forward; you can only connect them looking backwards. So you have to trust that the dots will somehow connect in your future.“