© Joshua Sortino

Podcast

Welchen Fortschritt brauchen wir?

Tank-Apps, Supermarkt-Angebote, Pflanzenerkennung. Innovation, schön und gut – aber: Ist das wirklich das, was wir brauchen? Müssen wir Fortschritt nicht ganz anders definieren? Was fehlt, ist sozial ausgehandelte „Zukünftigkeit“, meint Hans Rusinek.

Dieser Beitrag erschien am 13.12.2017 im Politischen Feuilleton von Deutschlandfunk Kultur.

Täglich versprechen uns Unternehmen und Start-ups Innovationen, die die „Welt zu einem besseren Ort“ machen sollen. Google ich aber das Stichwort „Innovation“, so finde ich beispielsweise einen Service, der jemanden vorbeischickt, um mein Auto vollzutanken, oder eine App, die mir Bier liefert.

Die Zukunft, die nie richtig zur Gegenwart wird

Ist das der Wandel, den unsere Welt braucht? Oder nur der, den sie verdient? Warum eigentlich sind Innovationen oft so banal? Große Herausforderungen haben wir doch, etwa Ungleichheit, Epidemien und den Klimawandel. Große Technologien wie Deep Learning, Nano-Sensoren und die CRISPR-Methode warten ebenfalls auf eine sinnvolle Nutzung. Wann geht’s also los?

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, glaubte Marx. Was wir als lösenswertes Problem empfinden, hängt massiv von diesem „Sein“ ab. Ein MBA-Absolvent, der nun gründet, mag es als wertvoll empfinden, wenn jemand sein Auto volltankt und Bier vorbeibringt. Innovativ für ihn, sinnlos für die Welt da draußen. Was fehlt, ist Empathie für relevante Bedürfnisse.

Innovation ist ein Entdeckungsprozess

Henry Ford würde dem aber entgegnen: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde“. Mit Empathie ist es also noch lange nicht getan. Sonst tauscht man seine Ignoranz nur gegen die der Konsumenten. Wer hätte das Bedürfnis nach Telefonen äußern können, bevor es diese jemals gab? Oft zeigen Innovationen ihren Sinn erst im Laufe der Nutzung. Das Telefon wollte Edison eigentlich nur für Opernübertragungen einsetzen. Viele Entdeckungen folgen dieser Logik: Man sucht nach dem Vorstellbaren (neuer Weg nach Indien) und findet das Neue, Unvorstellbare (Amerika). Innovationen brauchen also einen Möglichkeitsraum. Und wie viele Unternehmer fahren an Amerika vorbei, weil sie Indien suchen?

Regelt doch nicht immer alles

Zurück zu Services, die mein Auto und mich volltanken. Das Problem sind auch fehlgeleitete ökonomische Anreize. Ein Innovator findet kurzfristig einen größeren Markt für „On-Demand Fuel Delivery Services“ als für sauberes Trinkwasser. Nach Marktlogik haben die mit den wenigsten Problemen das meiste Geld, um ihre Pseudo-Probleme lösen zu lassen. Das bringt viele schlaue Köpfe dazu, ihre Zeit mit Tank-Apps zu verbringen und nicht mit Trinkwasser-Lösungen. Vielleicht regelt der Markt eben doch nicht alles?

Ein Gegenmodell sind Social Impact Bonds. Bei diesen finanzieren private Kapitalgeber Innovationen vor, die messbar Probleme wie Langzeitarbeitslosigkeit lösen sollen. Bei Erfolg werden die Kredite vom Staat rückvergütet. So entstehen Marktmechanismen für soziale Innovationen.

Wohin soll’s gehen?

Wenn wir uns Weltbewegendes wünschen, müssen wir auch nach der Richtung dieser Bewegung fragen. Fortschritt ist uns heilig. Aber welcher Gott steckt hinter dem Heiligenschein? Wohin schreiten wir fort? Gerade bei digitalen Innovationen scheint Fortschritt nur darin zu bestehen, noch grenzenloser zu surfen, Laptops zu bauen, dünn wie eine Scheibe Emmentaler. Was fehlt, ist sozial ausgehandelte Zukünftigkeit.

Spulen wir etwas zurück: Im 19. Jahrhundert mussten die verheerenden Nebenwirkungen der industriellen Fabrikationssysteme eingehegt werden. Unter Kämpfen wurde dem proletarischen Elend innovativ begegnet: Arbeiterbildungsvereine, Gewerkschaften, Gesundheits- und Sozialvorsorge. So konnte der Wandel sozial aufgefangen werden. Die Maßnahmen folgten dabei stets einem pragmatisch-gesamtgesellschaftlichen Fortschrittsideal. Dieses sicherte die Stabilität von Gesellschaften in Phasen massiver Umbrüche.

Lassen sich daraus, Hinweise für die gegenwärtigen Probleme entnehmen? Welchen Fortschrittsbegriff können wir unserem veralteten Arbeits- und Bildungsbegriff, dem Vertrauensverlust in etablierte Systeme oder der gesellschaftlichen Ungleichheit entgegensetzen? Was ist unser Ideal von der Zukunft? Und dann: Welche Innovationen können wir auf dieses Ziel lenken?

Wer erkennt, dass es Empathie, Raum, Anreize und auch Sinn braucht, wird feststellen: Wirklich weltbewegende Innovationen können nicht in den abgezirkelten Start-up-Blasen von Tel Aviv oder Berlin entstehen. Sie brauchen uns alle.