© Photo Martin Knorr

Immersion

Kochen und rocken mit Rudi

Für ein Abendessen quer durch die Stadt, ohne zu wissen, was es gibt, ob es schmeckt und für wen man einen der drei Gänge in den eigenen vier Wänden selbst serviert – klingt nach alles anderem als einem wünschenswerten Abendprogramm. Und doch entschließen sich Tausende von Menschen, an dieser Veranstaltungsform, dem „Running Dinner“, teilzunehmen. So auch unser Autor Marian Krüger, der überraschende Einsichten in die heutige Ess- und Kochkultur erhielt.

Reis, Kartoffeln, Mehl oder Hackfleisch? Fehlanzeige. Bier? Zwei Sixpacks vereinsamen im Getränkeregal. Also weiter in den zweiten Supermarkt eines Kölner Studentenviertels. Doch auch hier das selbe Bild: Abgegraste Warenregale. Wüsste man es nicht besser, man würde denken, Karneval stände vor der Tür. Doch soweit ist es noch nicht. Vielmehr steht an diesem Samstagabend wieder das vierteljährliche Koch-Event „Rudi rockt“ an.

Rudi, das ist eine Abkürzung für Running Dinner – eine Veranstaltungsform, bei der zumeist junge Leute drei Gänge an drei verschiedenen Orten zu sich nehmen, einer davon bei ihnen zu Hause. Pro Gang wechselt nicht nur die Wohnung, sondern auch die Essgesellschaft, sodass man am Ende des Abends zwölf neue Bekanntschaften gemacht hat. Das Konzept ist bekannt – und nicht unbedingt neu. Weil der Name „Running Dinner“ markenrechtlich geschützt ist, gründeten vier Aachener Studenten das Projekt unter dem Namen „Rudi rockt“ schon 2005. Mittlerweile hat sich die Veranstaltungsreihe nicht nur in den meisten Groß- und Universitätsstädten der Republik etabliert, sondern auch außerhalb von Deutschland (z.B. in Kapstadt) Wurzeln geschlagen.

Auf die Beine gestellt von freiwilligen lokalen Organisatoren, liefert die Aachener Plattform lediglich die Website und den Algorithmus, der für jedes Teilnehmer-Team eine individuelle, möglichst effiziente Route berechnet. Interessierte melden sich dort in den Wochen zuvor für den feststehenden Termin an ihrem Standort an und erhalten von den Organisatoren am Tag vor dem Event Angaben über Gastgeber und Gäste. Den Rest erledigen die Teilnehmer selbst; für sie ist der Abend dafür kostenlos. Neben „Rudi rockt“ gibt es auch weitere teilweise kostenfreie, teilweise kommerzielle Anbieter wie „kochkarussel“, „auf haxe“ oder „jumpingdinner“. Am öffentlich präsentesten ist aber Rudi – und das nicht nur dann, wenn sich an Rudi-Abenden schon einmal 2500 hungrige Teilnehmer durch die Aachener Innenstadt bewegen.

Vorspeise – Warm werden mit der Suppe

Welches Team für welchen Gang verantwortlich ist, das wird zwei Tage vor dem Event ausgelost. Und so geht es für den Autor samt Begleitung zum ersten Gang in eine wenig geräumige 4er-Wohngemeinschaft. Zwei Studenten, Mitte 20, begrüßen mit einem Bier in der Hand und präsentieren die Vorspeise: Apfel-Curry-Suppe, serviert im selbstgebackenen Brötchen. Das zweite Team, bestehend aus zwei befreundeten Studentinnen, wartet bereits auf dem Sofa, denn Küche und Wohnzimmer gehen hier fließend ineinander über. Das gilt auch für die Aktivitäten: Es wird gewitzelt und getrunken, getratscht und gekocht. Und als das erste Trinkspiel aus der Schublade gegraben wird, ist klar: Das gekochte Essen ist hier Nebensache.

Wie bei allen solchen Events geht es um die Gemeinschaft und das gemeinsame Erlebnis; Essen als das neue Feiern oder – zumindest – als Vorspeise für den Trubel danach. Und tatsächlich laden laut einer Studie des Happiness-Instituts immerhin 29% der Deutschen regelmäßig Freunde zu einem Essen in die eigenen vier Wänden ein. In einer Zeit, in der Menschen dem Essen immer weniger Zeit einräumen und außer-Haus-Bestellungen an der Tagesordnung sind, bieten diese Momente eine seltene Ausnahme zur Regel. Essen verbindet – und verändert unsere Beziehung zueinander und zum Essen selbst.

Gemeinsames Kochen und Essen verbindet © Martin Knorr

Hauptgang – Essen und Kochen als Mittel zum Zweck?

Das fing ja gut an. Gutes Essen und vier nette Gesprächspartner, mit denen man sich direkt auf ein Bier auf der späteren Rudi-Abschlussparty verabredet hat. Schnell noch das Glas geleert und auf in Richtung Hauptgang. Auch dieses – vermeintlich härteste – Los ging am Autor vorüber, sodass nach 10 Minuten Fußweg ein freundlicher Berufsanfänger, Ende 20, die Tür zu seiner 3-Zimmer-Wohnung öffnet. Gemeinsam mit seiner Freundin hat der gebürtige Inder ein traditionelles Curry mit Kichererbsen vorbereitet – wohlgemerkt ohne Fleisch und Nüsse, denn der Gastgeber wurde im Vorhinein automatisch über die Präferenzen und Allergien der Teilnehmer aufgeklärt. Als auch das dritte Team eingetroffen und das Essen aufgetischt ist, erste Ernüchterung: Nach den offensichtlichen W-Fragen (Was studiert ihr? Wo wohnt ihr? Was gab’s als Vorspeise?) kommt das Gespräch ins Stocken. Wir merken: Kontakte knüpfen wird hier schwer. Denn ebenso scharf wie das Essen entwickeln sich auch die anschließenden Diskussionen. Auf den anfänglichen Smalltalk folgen kontroverse Themen: Obama, Putin, ISIS – harte Kost für ein Abendessen.

Dabei ist die Möglichkeit, beim und durch Kochen neue Bekanntschaften zu machen, einer der Treiber der Eventreihe. Nicht zuletzt wegen dieses Potenzials für Begegnung und Austausch wurde das Projekt 2013 im Rahmen des bundesweiten Projekts „Land der Ideen“ ausgezeichnet. Zwölf neue Begegnungen pro Abend – seit Beginn des Projekts sind so schon über eine Million Kontakte zu Stande gekommen

Ist Kochen und Essen also nur Mittel zum Zweck? So wie Vegetarier und Veganer Essen als ethisch-ideologisches Diskussionsfeld nutzen und Fitness-Sportler darin ihr Effizienzstreben verorten, bietet Essen auch hier Potenzial zur Instrumentalisierung – als zwischenmenschliches Verbindungselement, als Gesprächs- und Kontaktanlass. Wie weit kann das gehen? Geht es dabei um mehr als bloßes Kontakteknüpfen? Glaubt man dem Motto von „rudi rockt“ – „kochen macht sexy“ – so könnte Kochen als Singlebörse funktionieren. Und tatsächlich: Ein erheblicher Frauenüberschuss trifft hier auf oftmals ungebundene junge Männer. Ende offen.

Nachspeise – Kurzfristige Intimität

Viel hält uns also nicht mehr hier. Da kommt es gelegen, dass wir für den Nachtisch noch einiges vorbereiten müssen und uns so zeitig verabschieden. Auf dem Weg in die eigene Wohnung ein erstes Resumée: Unterschiedlicher hätten die ersten beiden Gänge nicht sein können. Offenheit und Dogmatismus, Spaß und peinliche Stille. Und dann waren da noch die Wohnungen und Küchen. Die eine, pragmatisch-heimisch eingerichtet, mit einem Potpourri aus Erinnerungen an zurückliegende WG-Parties und humoristischen Postkarten, wie sie nur in Studenten-WGs hängen – die andere, eher schlicht, modern und kühl. Wir fragen uns: Warum reden wir eigentlich kein bisschen über das Essen?

So kommt es, dass wir in der Vorbereitung weniger damit beschäftigt sind, den Nachtisch zu finalisieren, sondern vielmehr damit, die Wohnung zu präparieren. Welche Fotos bleiben hängen, welche müssen runter? Gibt’s das Bier aus Flaschen oder Gläsern? Und wie viel Chaos ist eigentlich noch ordentlich? Mit reichlich Verspätung treffen dann die Gäste in der kleinen Studentenwohnung ein. Das sei beim letzten Gang normal, versichert uns eine von ihnen als Rudi-Veteranin. Wir reichen ein Mascarpone-Erdbeer-Tiramisu, serviert – mangels Alternativen – in Cocktailgläsern und ernten Schmunzeln für die Aufmachung. Zehn Minuten später sind die Gläser leer und eine intensive Diskussion über das Veranstaltungsformat ist entbrannt. Ein Gäste-Team ist nicht überzeugt: Es sei ein Unterschied, ob man Freunde oder Fremde zum Essen zu sich einlade. Immerhin zeige man mit der Einladung einen intimen Teil seines Lebens. „Aber genau darum geht es. Die üblichen sozialen Regeln werden hier etwas außer Kraft gesetzt“, erwidert die Rudi-Veteranin, bevor sie auf die Uhr schaut und wir uns gemeinsam auf den Weg zur Abschlussparty machen.

Das gute Besteck nutzen? Gäste bewerteten ihre Gastgeber und deren Wohnungseinrichtung, nicht die Qualität des Essens © Viktor Hanacek 

Und auch wenn die Gespräche später im Club häufig mit „Und was gab’s bei Euch?“ eingeleitet wurden, scheint das Essen beim Running Dinner doch nebensächlich zu sein. Vielmehr sagt das Event einiges über die Einstellung von Menschen zu Essen, Kochen und gemeinsamen Aktivitäten aus. Der große Zuspruch des Formats verdeutlicht, dass das Bedürfnis nach Formen des kollektiven Essens und Erlebens groß ist – so groß, dass sogar mit bestehenden Konventionen gebrochen wird.

Ist es nun die Einmaligkeit des Erlebnisses, die zur anhaltenden Begeisterung für die Veranstaltungsreihe führt? Oder gar der Tabubruch, Fremde in die Intimität des eigenen Heims zu bitten? In der Erwartung eines „perfekten Dinners“ ohne Kamera hatte der Autor im Vorhinein vor allem das Essen im Zentrum erwartet. Dass dieses nun eine deutlich untergeordnete Rolle spielte, überrascht und leuchtet doch ein: Mit seiner Wohnung und Person gibt jeder Teilnehmer während des Events einen erheblichen Teil des Selbst der Bewertung durch die Gäste frei; für diese bleibt kaum Zeit, Raum und Interesse, das Essen zu beurteilen. In dieser Weise bietet das Running Dinner paradoxerweise gerade denen eine Chance, gemeinsames Kochen und Essen für sich zu entdecken, deren kulinarische Fähigkeiten kaum über das Aufwärmen von Dosenravioli hinausgehen. Für den mittelmäßig kochbegabten Autor war die Teilnahme daher eine bereichernde Erfahrung. Der nächste Rudi-Termin ist bereits im Kalender notiert und auch das Kochen für Freunde treibt ihm keinen Angstschweiß mehr auf die Stirn.