© Photo Wally Gobetz

Werden, wer ich bin – die „Girls“ der Generation Y

Auf dem Weg von „Sex and the City“ zu „Girls“ begegnet uns im TV ein neuer Gender-Realismus. Die Versprechen der großen Laufstege scheinen nach der Krise nicht mehr zu greifen, und „frau“ begibt sich auf Identitätssuche jenseits des Cosmopolitan-Fragebogens

Sex and the City – perfekt gestylt, beruflich erfolgreich

Irgendwo in Deutschland Mitte der 2000er Jahre: Zum Abschluss der wöchentlich stattfindenden Ästhetik-Vorlesung fragt der Professor rhetorisch ins Plenum, warum Sokrates in Platons „Symposium“ die Rede über die Schönheit einer Frau in den Mund gelegt hat. Die StudentInnen verlassen den Hörsaal. Viele von ihnen haben diese Frage beim Öffnen der Tür zum Gang bereits vergessen.

Zum gleichen Zeitpunkt flimmerte in Deutschland noch „Sex and the City“ über die Bildschirme. Eine Serie, die unweigerlich eine Interpretation auf die genannte Frage bereithielt: das Schöne scheint für die Frau reserviert zu sein. Wir erinnern uns: Die Grundlage der Serie wurde durch vier gutaussehende New Yorker Frauen gebildet, die sogar nach dem Aufstehen immer ‚angezogen‘ aussahen: Kolumnistin Carrie, Galeristin Charlotte, Anwältin Miranda und PR-Beraterin Samantha. Der Beruf war da, stand nicht zur Diskussion und so wurde ihre Jagd nach der neuesten Mode gepaart mit der Suche nach Sex – und letztendlich Liebe. Obwohl die erste Folge noch den Titel „Sex wie ein Mann“ trug, stand am Ende das Paar. Elisabeth Raether erinnert sich in „Neue deutsche Mädchen“ wie folgt an „Sex and the City“: „In den Zeitungen, die viel über die Serie schrieben, stand, dass mit ‚Sex and the City‘ endlich ein neues Frauenbild gefunden sei. Die Sendung gebe die „brauchbarsten und explizitesten Antworten“ auf Fragen zur „modernen weiblichen Psyche“. Von „progressiven Annahmen“ war die Rede; die Serie sei ein „Aufklärungsfilm für Männer“. Doch die Ernüchterung kommt in der Erkenntnis, dass „der Erfolg der Frauen nichts als die gelungene Anpassung an bestehende Maßstäbe ist, die von Männern entworfen worden waren.“

„Sex and the City“ wurde von 1998 bis 2004 produziert. Zehn Jahre später sind zahlreiche US-amerikanische TV-Serien von Frauen bevölkert. Da wären „2 Broke Girls“ und „New Girl“ zu nennen oder die weiblichen Charaktere in „How I met your Mother“ und in „The Big Bang Theory“. Gemein ist den Rollen, dass sie zwar nicht nur Fashion-Victims verkörpern, aber dennoch den weiblichen Körper mit dem Attribut des perfekten Äußeren belegen. „Schließlich präsentiert sich die moderne Frau trotz zeitraubender Karriere als Ärztin (Grey’s Anatomy), Polizistin (CSI) oder mit geringem Einkommen als Kindergärtnerin (How I met your Mother) stets perfekt gestylt und auf hohen Hacken“, schlussfolgert Miriam Stein. Fällt ein Charakter doch mal etwas aus der Rolle, wird die Devianz soziologisch unterfüttert wie beispielsweise bei der Figur der Max Black in „2 Broke Girls“.

Und dann kam Girls.

Und dann kam „Girls“. In der Serie wird die Geschichte von Hannah Horvath und ihren drei Freundinnen erzählt. Alle in den Zwanzigern. Hannah ist die Tochter von Hochschullehrern und will Autorin werden. Sie arbeitet in einem Verlag, natürlich ohne Bezahlung, und verliert in der ersten Folge die finanzielle Unterstützung der Eltern. Hannah lebt mit ihrer besten Freundin Marnie in einer Wohngemeinschaft. Marnie ist eine hübsche Galerieassistentin, die in einer Beziehung steckt, die sie nicht mehr will. Jessa ist wiederrum eine bohemistische Weltenbummlerin, deren Leichtigkeit doch schwer auf ihren Schultern lastet. Dann gibt es noch Shoshanna, das All-American-Girl mit „Sex and the City“-Poster an der Wand und zu viel Pink am Körper und im Kopf. Anne Philippi merkt zu dieser Figur an, dass „Shoshanna alles widerspiegelt, was die übliche Erziehung einer weiblichen Person in den USA irgendwann fast zwangsläufig zur Folge hat: die Anbetung der Kardashians, roséfarbene, aber gemütliche Jogginganzüge, den Wunsch, Jungfrau bis 25 bleiben, um dann aber Crack zu rauchen und den ganzen schlimmen Druck loszuwerden.“

„Girls“ wird dahingehend rezipiert, dass die Serie die „passende Antwort auf den Schöhnheitswahn“ ist, wie Anne Philippi schreibt. Als Paradebeispiel dient Hannah-Horvath-Darstellerin Lena Dunham selbst. Es wird immer wieder betont, dass ihr Körper keinem gängigen Schönheitsideal entspreche, sie ihn dennoch zur Schau stelle, und ihre Kleidung nicht von den Pret-à-Porter-Schauen stamme, sondern ein Mix aus H&M, Zara und Second-Hand-Chic sei. Flohmarkt und Kleiderkreisel werden Mittelpunkt der Mode, wenn der Dachboden nichts mehr hergibt. Die Versprechungen der großen Laufstege funktionieren nach der Krise hier nicht mehr. Zudem dürfe die Hauptdarstellerin Löcher in der alten ausgewaschenen Unterwäsche haben und sei trotzdem die Heldin. „Fürs Protokoll: Ein leicht übergewichtiges Mädchen mit ungekämmten Haaren, fettiger Stirn und ungebügelten Kleidern, eine wie Hannah Horvath, gilt in diesem Fernseh-Universum immer als die traurige, depressive, sozial isolierte Verliererin“, wie Miriam Stein pointiert zusammenfasst.

1100 Dollar im Monat – neuer Realismus

Ein weiterer Unterschied zu dem vermeintlichen Alles-ist-möglich-Kredo aus „Sex and the City“ ist, dass die Angst vor der Zukunft ein zentrales Thema in „Girls“ ist. Die jungen Frauen streifen durch eine Gesellschaft, die durch eine Ökonomie im Umbruch gestaltet wird. Der Traum besteht aus 1100 Dollar im Monat. Das Über-die-Runden-kommen wird höher bewertet als der Überfluss. Nina Rehfeld bezeichnet „Girls“ folglich als eine „Generationenkomödie“. „Girls“ verharrt zwar in einer gehobenen, gebildeten weißen Schicht, setzt sich aber mit Themen auseinander, die viele Twenty- und Thirtysomethings nach dem Studium und den ersten beruflichen sowie privaten Erfahrungen umtreibt. Hannah Horvath bringt es in den ersten Minuten von „Girls“ auf den Punkt: „Und dann bin ich noch damit beschäftigt, zu werden, wer ich bin.“

Zudem ist „Girls“ für viele Kritiker dahingehend interessant, dass Hannah-Horvath-Darstellerin Lena Dunham die Serie geschrieben, gedreht und produziert hat. Jüngst durfte die erst 26 Jahre alte Dunham einen Golden Globe für ihre Leistung in Empfang nehmen. Somit ist Dunham als junge Frau keine Requisite, sondern eine Akteurin mit Namen. Ein Umstand, den viele als gesellschaftlichen Trend ausgeben würden.

Steht „Girls“ also auch für ein neues Frauenbild? Die Antwort darauf ist schwierig, denn „Girls“ ist im Kontext zu anderen kulturellen Produkten ein weiteres Beispiel dafür, wie zerrissen die Gesellschaft über das weibliche Rollenbild ist.

Geschlechterfrage – neuer Biologismus und Rosa Rollback

Bereits der Umstand, dass „Girls“ für so viel Aufregung und Diskussionsstoff sorgt, zeigt, dass bestimmte Verhaltensweisen und Erscheinungsformen einem entsprechenden Geschlecht vorbehalten sind. Das war auch im Fall der Kino-Komödie „Brautalarm“ so. „Wir können auch obszön“ oder „Auch Frauen sind Ferkel“, lauteten zwei Rezensionen, so als ob Frauen weder Menschen wären noch Humor hätten. Ein Umstand gegen den auch Tina Fey („30 Rock“, „Bossypants“) seit Jahren kämpft. „Girls“ verdeutlicht zudem, dass es immer noch entscheidend ist, wer über was schreibt.

Des Weiteren mussten Feuilletonisten hierzulande feststellen, dass die Geschlechtertypisierung für den Markt wieder sehr interessant geworden ist. „Rosa Rollback“ hieß es in der FAZ. Als neue Kinderüberraschung für Mädchen mit Feen und Prinzessinnen offenbarte es sich an der Supermarktkasse. Dieses Phänomen und den Einfluss der Sexindustrie auf das weibliche Bild hat die britische Feministin Natasha Walter in ihrem Buch „Living Dolls“ bereits 2010 beschrieben. In dem Buch zieht Walter unter anderem den Boom von Pink, Glitzer, Bratz-Puppen und dem Playboy-Logo in Kinder- und Jugendzimmern heran. Sie veranschaulicht zudem den Trend, dass die Geschlechtstypisierung vermehrt biologisch und nicht sozial begründet wird. Selbst die EU-Kommission ist sich nicht ganz sicher, ob Weiblichkeit ohne eine Betonung auf das Körperprojekt Schönheit überhaupt geht und blamierte sich im letzten Jahr mit einem sexistischen Spot, mit dem für mehr Frauen in der Wissenschaft geworben werden sollte.

Die Frauendarstellung in „Girls“ ist ebenfalls nicht unumstritten. Bill Persky schreibt auf Time.com, dass die „Girls“ ein Selbstachtungsproblem hätten und gewöhnlichen leeren, aber auch sehnsuchtsvollen Sex wählen würden anstatt sich ihrer Probleme zu stellen. Anne Philippi interpretiert die Verhältnisse anders: „Girls porträtiert Mädchen, die sich nicht automatisch den falschen Typen suchen. Sondern den, der für sie in diesem Moment eben der richtige ist. Wenn der Typ in diesem Moment eine Dumpfbacke ist, dann hat auch das seinen Sinn.“ Obwohl es „Girls“ sicherlich noch viele andere strittige Punkte gibt, birgt die Serie etwas Exklusives: Realitätsnähe. Wie zum Beispiel die Suche nach dem Ich außerhalb eines „Cosmopolitan“-Fragebogens.

Auf der Suche nach dem Ich jenseits des Cosmopolitan-Fragebogens

In der Rezension zu „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“ von Hanna Rosin zitiert Claudius Seidl eine Passage aus dem Buch. Rosin beschreibt, wie ihre Tochter brav die Woche minutengenau durchplant und der Sohn stark von dieser ‚Tugend‘ abweicht. Seidl kritisiert Rosin, da genau diese Linientreue verheerend rückständig sei: „Während sich die Frauen anpassen, gehen die Männer angeln und träumen dabei. Während die Frauen die Gebrauchsanweisungen der Gesellschaft auswendig lernen, ignorieren die Jungen sie, was, wie wir gelernt haben, immer die Voraussetzung für das Neue ist. Und genau davon, vom Erfinden, Entdecken, Erschaffen, spricht Hanna Rosin aber nie.“ Er schließt mit dem Apell: „Mädchen, möchte man da rufen: Vergesst Hanna Rosin! Geht angeln, geht spielen, damit fängt es an.“

Hannah Horvath scheint die „Gebrauchsanleitung der Gesellschaft“ in ihrer Kindheit nicht gut gelesen zu haben. Sie strebt Mitte 20 immer noch nach einem Raum, indem sie sich verwirklichen kann. Der Freiraum dafür bestünde aus 1100 Dollar im Monat. Dieser Traum platzt, aber die Mittellosigkeit ist kein Grund, Zuflucht in der Aufgabe des Projektes zu suchen, sondern erst einmal eine Tasse Opiumtee zu trinken.

Letztendlich passt es dann auch, dass Erin Overby „Girls“ mit dem Essay „Why we go to Cabarets“ von Ellin Mackay aus den 1920er Jahren in Beziehung gesetzt hat. Mackay beschreibt in ihrem Essay das Cabaret als Ort der Freiheit, wo Frauen die Kontrolle über sich selbst hätten. So kommt sie zu dem schönen Schluss: „Mackay and Dunham write about girls who prize individuality and experience over society’s approval. As Hannah might put it, all adventurous women—of any era—do.“

Referenzen