Visuelle Kultur

Zarte Männer

Für 2018 hat die Bildagentur Getty Images erneut visuelle Trends ermittelt. Einer dieser Trends wird unter dem nebulösen Namen „Masculinity Undone“ zusammengefasst. Annullierte Männlichkeit. Aufgelöste Männlichkeit. Entkräftete Männlichkeit. Es ist schwer, eine passende deutsche Übersetzung für diese Bild gewordene, kulturelle Bewegung in der westlichen Welt zu finden. Doch die Idee hinter diesem abstrakten Namen wird schnell greifbar: Sie stellt das etablierte Bild des Mannes als starkes, rationales, emotionsloses Wesen in Frage. Männer werden im visuellen Kosmos wieder als Menschen mit einem mannigfaltigen Gefühlsrepertoire wahrgenommen und dargestellt. Ihre weiche Seite, die natürlich nicht erst seit gestern existiert, stellen Männer nun selbstbewusst in der Öffentlichkeit zur Schau und positionieren sie als Gegenentwurf zum vorherrschenden, ehernen Männerbild. Diese neue, zeitgemäße Bildsprache ist Ausdruck und Antrieb zugleich. Männlichkeit ist keine aufgezwungene Verpflichtung mehr, sondern eine offene Rolle, die es mit Inhalt und Sinn zu füllen gilt. Doch woher kommt dieser Trend? Was treibt diese Entwicklung an und wie passt sie zum aktuellen Zeitgeist?

1. Gegentrend zur starken Frau

© Roya Ann Miller

Zu jedem größeren Trend existiert eine Gegenbewegung. Der zarte Mann ist der Komplementärtrend zum öffentlichen Erstarken der Frau. Angela Merkel, Theresa May, Hillary Clinton, „Pink Hat Movement“: Starke, selbstbewusste Frauen übernehmen entscheidende Rollen in Politik, Gesellschaft und unserem Alltag. Sie tauchen in das veraltete Patriarchat ein, erscheinen wie Lichtgestalten an der Oberfläche und verändern durch ihre Präsenz unsere Vorstellungen davon, was eine starke Persönlichkeit ausmacht. Das EINE starke Geschlecht existiert nicht mehr. Im Umkehrschluss kann es so aber auch kein schwaches Geschlecht mehr geben. Doch wo liegt der Ursprung? Welcher Trend war zuerst da? Die starken Frauen oder die weichen Männer? In der Menschheitsgeschichte tauchten in unterschiedlichen Kulturkreisen immer wieder verschiedene Rollenbilder und Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau auf. Sowohl Männer als auch Frauen definieren seit jeher ihre Identität im Abgleich mit ihrer Umwelt. Somit besteht eine wechselseitige Beeinflussung: Männer werden durch starke Frauen und Frauen durch weiche Männer geprägt.

2. LGBTQI auf dem Vormarsch

© Levi Saunders

Doch nicht nur Frauen verändern die visuelle Landschaft, auch die LGBTQI-Community wird immer präsenter: Kaum eine TV-Serie kommt noch ohne LGBTQI-Charakter aus. Homosexuelle Spitzenpolitiker, die gleichgeschlechtliche Ehe und Straßenproteste für die Rechte der LGBTQI-Community haben sich zu einem festen Bestandteil der Populärkultur in der westlichen Welt entwickelt. Die starre Grenze zwischen den Geschlechtern wurde in einem langen Prozess aufgebrochen und durch ein farbenfrohes Spektrum verschiedenster Geschlechtsidentitäten ersetzt. Diese Vielfalt hält nun auch in der Bildwelt Einzug und inspiriert den Betrachter, seine eigene Erscheinung und sein Auftreten zu hinterfragen und neu zu definieren. Weiche männliche und harte weibliche Züge rücken in die Mitte der Gesellschaft vor und werden zu einem festen, respektablen Bestandteil des Alltags.

3. Weichmacher Convenience-Gesellschaft

© Verne Ho

Ein weiterer Einflussfaktor besteht in unserer Convenience-Umwelt, die sich immer stärker ausdifferenziert. Stärke, Selbstkontrolle und Unabhängigkeit, stereotype Aushängeschilder der Maskulinität, sind keine Pflicht mehr, sondern Kür. Für jede Schwierigkeit, jede Krise, werden uns maßgeschneiderte, bequeme Dienstleistungen und Services angeboten. Der Mann als Krisenbewältiger und Problemlöser ist zum Auslaufmodell geworden. Stattdessen kann er sich bequem zurücklehnen und aus den unendlichen Möglichkeiten schöpfen. Dieses neue Leben bietet genug Freiraum und Sicherheit für Momente der Schwäche und Unkontrolliertheit. Doch wie passt dieses Argument zusammen mit einer Welt, in der Rezession, Terrorangst, Einwanderungswellen und der Klimawandel Unsicherheit säen? Ganz einfach: Sich von der Umwelt und Dingen außerhalb des eigenen Einflusskreises steuern zu lassen, ist so 2017. Der Mensch ist anpassungsfähig und so hat er es innerhalb kürzester Zeit geschafft, sich auf diese unwirtliche Welt einzustellen. Terroranschläge und schmelzende Polkappen sind zweifelsfrei nicht schön, lösen aber keine markerschütternden Reaktionen mehr aus. Der Gewöhnungseffekt hat eingesetzt und so einen neuen Normalzustand definiert. Der blasierte Mann entledigt sich seiner unbequemen, eisernen Hülle und gibt sich seiner Gefühlswelt unverblümt hin. Denn eine Funktion hat eine harte, psychische Schale in einer Welt von durchschlagstarken, realen Sprengsätzen nicht mehr.

Egal woher die Auflösung traditioneller Männlichkeit kommt, viel interessanter ist, wohin sie uns bringt. Neue Facetten von Maskulinität bereichern in jedem Fall unsere Kultur, da sie uns neue Motive, neue Bilder liefern. Darüber hinaus sind sie ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der jeder und jede sein kann und darf wie er oder sie es möchte. Welche Implikation das für unsere Konsumkultur hat? Es ist vieles denkbar: Ein Erstarken der Kosmetika für Männer, mehr Unisex-Angebote im Bereich persönlichkeitsbildender Produkte wie Parfums und Mode oder mehr Yoga- und Tanzkurse speziell für Männer. Erste Marken haben diesen Trend bereits für sich entdeckt. So dekonstruiert AXE durch seine Werbespots, in denen hagere und „atypische“ Männern die Hauptrolle spielen, etablierte Männerbilder und löst große Diskussionen aus. Die Zukunft kommt mit Blümchenhemden. Spongebob wäre stolz auf uns!