Cultural Transformation

Welthungerhilfe

Wie kann eine Hilfsorganisation innerhalb einer Woche neue Ideen und Geschäftsmodelle im Kampf gegen den Hunger entwickeln? Und wie entsteht dabei eine neue Innovationskultur?

Die Herausforderung

Die Welthungerhilfe ist eine der größten Hilfsorganisationen in Deutschland. Sie leistet Hilfe aus einer Hand: Von der schnellen Katastrophenhilfe über den Wiederaufbau bis zu langfristigen Entwicklungsprojekten. Seit ihrer Gründung im Jahr 1962 hat die Welthungerhilfe mehr als 8.500 Projekte in 70 Ländern mit 3,27 Milliarden Euro gefördert. Strategisch verfolgt sie dabei ein sehr ambitioniertes Ziel: #Zerohunger – nichts Geringeres, als den Hunger bis zum Jahre 2030 zu beseitigen.

Um dieses Ziel innovativ und agil anzugehen, rief die Welthungerhilfe Anfang 2017 die Innovation Factory ins Leben und holte STURM und DRANG als strategische Berater an Bord.

Ziel der Innovation Factory: Ausgewählte Mitarbeiter aus allen Ländern und Abteilungen der Welthungerhilfe sollten in einem Sprint von nur sieben Tagen innovative und höchst effiziente Ideen im Kampf gegen den Hunger entwickeln. Diese Konzepte mussten so überzeugend sein, dass sie Fördergelder gewinnen und international Paten für die Umsetzung finden würden. Außerdem sollten die Innovatoren die Innovationskultur und -methodik aus der Factory zurück in ihren Arbeitskontext bringen.

Die Transformation

Als Partner der Unternehmensführung und des neuen Innovationsteams konzipierte und moderierte STURM und DRANG ein Innovation Camp in Delhi, in dem innovative Köpfe aus allen Abteilungen des Unternehmens Innovationsmethoden lernten und direkt auf ausgewählte Problemfelder anwandten. Dabei sollten mindestens drei implementierbare Ideen entstehen. Diese Ideen wurden im nächsten Schritt finanziell ausgestattet und umgesetzt.

Aus Ländern wie Mali, Afghanistan, Frankreich und Deutschland kamen die 18 Botschafter einer neuen Innovationskultur für eine Woche mit STURM und DRANG in Delhi zusammen. Dort arbeiteten wir an drei strategischen Problemfeldern: „Rural Entrepreneurship“, „Behavioral Change“ und „Government Advocacy“. Am Ende der Woche wurden unsere Ideen finanziert und mit einer Roadmap versehen. Einen Monat später begannen bereits erste Kooperationen zur Umsetzung der Konzepte – etwa mit lokalen Stakeholdern in den Entwicklungsländern oder Augmented Reality-Unternehmen.

Der Pilot war so erfolgreich, dass die Innovation Factory nun jährlich zu einem übergeodneten Thema stattfindet. Und nicht nur neue Ideen gegen den Hunger wurden in Delhi entwickelt: Die Innovation Factory hat eine Transformation der Unternehmenskultur in Gang gesetzt, die von den Mitarbeitern getragen wird und für mehr Austausch über die Funktions- und Ländergrenzen hinweg sorgt.

„Die Innovation Factory hat viel mehr erreicht, als ich mir erträumt hätte. Wir haben die Innovationskultur innerhalb der Welthungerhilfe gestärkt und darüber hinaus zwei Ideen entwickelt, die wirklich das Potential haben, den Kampf gegen den Hunger zu verändern – eine technische Innovation und einer eher kulturelle. Ohne STURM und DRANG hätten wir das nicht geschafft.“

Till Wahnbaeck, Vorstandsvorsitzender Welthungerhilfe

Erster Schritt: Innovatoren gesucht

Jedes innovative Unternehmen und jeder Innovationsprozess steht und fällt mit den Menschen. STURM und DRANG begeitete den internationalen „Call for Innovators“ der Welthungerhilfe. Durch alle Etagen und Abteilungen des Unternehmens wurden Mitarbeiter aufgerufen ihre Ideen einzureichen. Und wichtiger noch: ihre Leidenschaft und Erfahrung in diesen kollaborativen Prozess einzubringen.

Der Bewerbungsprozess war weniger formalisiert als in der Vergangenheit und forderte dafür den Innovationsgeist und kollaborativen Spirit der Mitarbeiter. Der neue Weg zahlte sich aus: Die Anzahl und Qualität der Bewerbungen übertraf alle Erwartungen. Über eine Bandbreite von Ländern und Funktionen wurden die Teilnehmer der ersten Innovationsrunde zusammengestellt.

Raus aus der Arbeit im Feld, rein in die Innovation Factory. © Aldo Vaz

Zweiter Schritt: Empathie gefragt

Was bedeutet es, Farmer im indischen Maharashtra zu sein, in der Ernteausfälle und Schuldenkrisen zu Selbstmordraten führen? Wie sieht die ominöse „angry rural youth“ in Simbabwe die Welt und ihre Chancen in ihr? Die Innovatoren der Welthungerhilfe mussten zunächst echte Empathie entwickeln für die Menschen, denen sie helfen wollten – sich in sie hineinversetzen. Statt rationaler Business Cases begann die Reise mit der Lebenswelt des Individuums. Der Effekt war überraschend.

Beim Thema „Advocacy“ fragten sich die Teilnehmer des Innovation Camps, wie sie Politiker und Beamte von Strategien gegen den Hunger überrzeugen könnten. Statt festzustellen, dass die einen „das Gute wollen“ und die anderen „völlig korrupt“ sind, wurden mit der empathischen Methode Grauzonen deutlich. Da ist die Beamtin, die sich nicht traut, einen Vorstoß zu machen, weil sie nicht herausstechen möchte. Da ist der Lokalpolitiker, der aufgrund von Kriegserfahrungen äußeren und ausländischen Einfluss ablehnt. Da ist jemand, der sein wirtschaftsnahes Netzwerk nicht „beschädigen“ möchte. Das Team näherte sich einem tiefen Problemverständnis und konnte so wirklich relevante Antworten formulieren.

Dritter Schritt: Grenzen sprengen

Projekte scheitern oft nicht an fehlenden oder schlechten Ideen, sondern an unscharf definierten Problemen. Ist das Kernproblem definiert (bei der ländlichen Jugend beispielsweise die Sehnsucht nach der Stadt), lässt sich über Lösungen nachdenken. Doch hier droht die Gefahr, in alte Muster und Lösungswege zu verfallen: „einen Prozess aufzusetzen“.

Um Normen zu sprengen, formulierte STURM und DRANG scheinbar abwegige Fragen: Wie würden wir das Problem lösen, wenn wir Harry Potter wären? Wie, wenn wir Steve Jobs wären? Was wäre, wenn wir das Problem eigentlich schlimmer machen müssten? Und tatsächlich: Die Antwort auf die Frage, wie Gott das Problem lösen würde, führte zu einer der prämierten Ideen.

Die Konzepte wurden einem internationalen Online Soundboard vorgestellt und noch über Nacht bewertet, gerankt und verfeinert. Die Gewinner unter ihnen wurden anschließend finanziert.

Agiles Prototying mit Lego: Wie können unsere Ideen aussehen?. © Aldo Vaz

Auf zu einer neuen Innovationskultur

Doch die zukunftsweisenden Konzepte und Prototypen waren nicht alles. Bei der Ideensuche der Innovation Factory mit STURM und DRANG entwickelte sich auch eine neue Kollaborations- und Innovationskultur. In der Woche in Delhi erfuhren die Mitarbeiter, was es heißt, außerhalb von Silos zu denken und zu arbeiten – zum Beispiel, wenn die Bonner Marketingchefin mit dem ugandischen Mitarbeiter, der im Außeneinsatz Schulabbrechern hilft, an einer Idee für Ecuador brütet. Die Teilnehmer bekamen in ihren eigenen Worten das Gefühl, „die eigene Organisation erst jetzt richtig kennenzulernen“. Angefacht von diesen Momenten des Austauschs sprudelten Ideen und Begeisterung. Und die Kontakte, die geknüpft wurden, überdauern die jährliche Veranstaltung.

Begeisterte Vernetzung: Der Programmierer, der Governmental Advisor, der Projektmanager und die Juristin. © Aldo Vaz

Die Ergebnisse

Die Innovation Factory prämierte schließlich die vielversprechendsten Ideen. Zum Beispiel:

  • Der Child Growth Monitor, eine Augmented Reality-App, mit der die Communities selbst latente Unterernährung von Kindern erkennen und mit Nahrungsergänzungsmitteln Folgeschäden vorbeugen können.
  • ein Sharing-System für Agrarmaschinen, das Monokulturen und damit auch Monoernährung verhindern soll.
  • „Quran for Nutrition“: die Kooperation mit Mullahs und anderen lokalen Autoritäten, um Verhaltensänderung im Umgang mit Nahrungsmitteln anzustoßen.

Die Augmented Reality-App soll Unterernährung rechtzeitig diagnostizieren und bekämpfen. © Welthungerhilfe